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Greifswald Kleiner Schatz: Kapelle bei Greifswald deutlich älter als gedacht
Vorpommern Greifswald Kleiner Schatz: Kapelle bei Greifswald deutlich älter als gedacht
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10:26 16.04.2019
Die historische Kapelle von Jarmshagen und dem kleinen gepflegten Friedhof ist das Kleinord der Gemeinde Wackerow bei Greifswald.
Die historische Kapelle von Jarmshagen und dem kleinen gepflegten Friedhof ist das Kleinord der Gemeinde Wackerow bei Greifswald. Quelle: Cornelia Meerkatz
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Jarmshagen

 Die Fachwerkkapelle in Jarmhagen gilt nicht nur unter Einwohnern des Ortes als Schätzchen: Veranstaltungen in dem winzigen Kirchlein sind immer etwas besonderes, auch wenn sie nur Platz für rund 50 Besucher bietet. Jetzt haben Bauforscher herausgefunden, dass die Kapelle sogar noch älter sein könnte, als bisher gedacht. Die These, dass die malerische Kirche ihr heutiges Aussehen einer „gründlichen Ausbesserung“ oder einem Neubau von 1800 stammt, ist nach Aussage von Bauhistoriker Torsten Rütz falsch. Bisher war man aufgrund der Inschrift auf der Wetterfahne davon ausgegangen.

Datierung des Holzes deutet auf einen Bau ab 1684 hin

Zwar prägen eine Erweiterung an beiden Stirnseiten und Umbau von 1789 die Gestalt der Kapelle. Aber große Teile der Kirche sind älter und stammen aus dem 17. Jahrhundert, das belegt die dendrochronologische Datierung erhaltenen Holzes auf 1682/83. Rütz geht in seinem Gutachten daher davon aus, dass der mittlere Teil ab 1684 errichtet wurde. Der ursprüngliche Bau hatte einen runden Abschluss. Er ist auf einer Karte von 1760 im schwedischen Militäratlas abgebildet. Die Erweiterung belegen auch gefundene Zimmermannszeichen. „Unsere Kapelle ist älter und wertvoller als bisher angenommen“, fasst der Neuenkirchener Pfarrer Volker Gummelt zusammen, zu dessen Gemeinde Jarmshagen gehört. Die Ergebnisse des von Torsten Rütz zeigten, dass es richtig war, einen Bauhistoriker hinzuziehen. Die Kosten dafür hat der Förderverein der Kapelle übernommen.

Land fördert die notwendige Sanierung der Kapelle zu 90 Prozent

Doch die kleine Kapelle ist bedroht, es ist höchste Zeit für eine Sanierung. Schimmel und Fäulnis haben dem Holz im Bauwerk zugesetzt, auch die Wände wölben sich bedrohlich. Das Land, konkret das für Kirchen zuständige Justizministerium von Kathy Hofmeister (CDU), fördert die Sanierung mit 90 Prozent, nachdem die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (Kiba) absagte. „In Mecklenburg gibt es mehre vergleichbare Kapellen, die erhalten sind, in Vorpommern nicht“, unterstreicht Gummelt die Bedeutung des Kirchleins. Die jüngsten Untersuchungen von Rütz liefern auch die Erklärung, warum es statische Probleme gibt. Die Kapelle droht quasi auseinanderzubrechen. Die Ursache ist eine Erweiterung auf zwei Seiten.

Grube um das Gotteshaus gegen Feuchtigkeit

Der aktualisierte Plan zur Restaurierung auf der Grundlage der neuen Erkenntnisse sieht vor, in diesem Jahr den Baukörper zu sanieren. 2020 soll der Innenraum folgen. „Wir wollen lieber ordentlich und gründlich als schnell vorgehen“, begründet Volker Gummelt. Aufgrund der verschiedenen Erkenntnisse von Torsten Rütz ist die eigentliche Idee einer Anhebung der Kirche vom Tisch. Stattdessen soll eine 1,20 Meter tiefe Mulde um das Gotteshaus gegraben werden, um das Feuchtigkeitsproblem der Wände zu beseitigen. Auch die Forschung um die Einrichtungs des Gotteshauses geht voran. Fotos aus dem 20. Jahrhundert zeigen, dass in der Kapelle damals auch noch ein nicht erhaltener Kanzelaltar stand. Es gibt auch Ausstattungsstücke, die älter als der Bau vom Ende des 17. Jahrhunderts sind, so die Altarschranke von 1644. „Norbert Buske hat die These aufgestellt, dass sie aus Levenhagen stammen könnte“, erzählt Volker Gummelt. Auch die Fenster könnten in dieser Zeit gefertigt worden sein. Der Pastor hofft, dass der Kunsthistoriker Felix Schönrock das im Stadtarchiv belegen kann oder eine andere Erklärung findet. Greifswald war der Patron der Kirche, also für den Unterhalt zuständig. Die Kapelle lag am heute nicht mehr vorhandenen Boltenhäger Teich.

Balkendecke soll wieder freigelegt werden

Im Zuge der Untersuchungen wurde der Restaurator Hans-Henning Bär hinzugezogen. Auch er machte spannende Entdeckungen: Er fand Reste von Malereien, so einen schwarzen Zahnschnitt von 1789. Weitere Farbspuren sind jünger, so ein Fries, mit stilisierten Blättern und Ranken darunter. Wie Bär in seinem Gutachten anmerkt, ist dieser Fries auf Fotos der 1930er und 1960er Jahre noch erkennbar. Damals hatte die Kapelle eine flache verputzte Decke. Die jetzige, getäfelte stammt aus den 1980er Jahren. Ästethisch ungenügend, so das Urteil von Bär. Er empfiehlt, zu der verputzten Flachdecke zurückzukehren. Auch Pastor Gummelt spricht sich für die Freilegung der Balken aus, die Kapelle würde danach heller sein. Die Rekonstruktion der von Bär gefundenen blauen Farbfassung würde dem Innenraum ein freundlicheres Aussehen verleihen.

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Eckhard Oberdörfer