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Greifswald Klinikbesuch als Gewaltprävention
Vorpommern Greifswald Klinikbesuch als Gewaltprävention
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15:54 21.12.2018
Schüler der dritten Klasse der Greif-Grundschule aus Greifswald besuchen Prof. Winfried Barthlen. Er zeigt ihnen, welche Verletzungen durch Prügeleien entstehen können. Zur Demonstration wurden Arme eingegipst und per Ultraschall Leber, Milz und Nieren untersucht. Quelle: Cornelia Meerkatz
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Greifswald

„Oh Mann, schneiden Sie bloß nicht meinen Arm ab“, sagt Til und dreht den Kopf zur Seite. Er mag nicht zuschauen, wie Prof. Winfried Barthlen mit dem elektrischen Schneider seinen Gips aufsägt. Die kleine Scheibe an der Spitze der Maschine rotiert irrsinnig schnell. „Stillhalten, sonst ist der Arm ab“, meint daraufhin der bekannte Kinderchirurg mit verschmitzten Lächeln und setzt an ... Til sieht in diesem Moment ziemlich blasnasig aus. Und kleinlaut ist er auch.

Til ist Drittklässler in der Greifswalder Greifschule und besucht zusammen mit seinen Klassenkameraden den Professor. Sie sollen sehen, welche Verletzungen sich Kinder zufügen können, wie sie wie von Sinnen schon in der 2. oder 3. Klasse aufeinander einprügeln, wenn ihnen der Sinn danach steht. Die Idee dazu hatte Klassenlehrerin Beathe Tapka. „Ich konnte nicht mehr mit ansehen, wie schon so Kleine ein derartiges Gewaltpotenzial entwickeln, dass mir als erfahrener Lehrerin himmelangst wird“, schildert sie. Schlägereien seien in der Klasse an der Tagesordnung, angezettelt immer wieder von einer kleine Truppe. „Sie hauen sich mit einer Brutalität, das ist unglaublich. Und geben noch nicht mal Ruhe, wenn einer am Boden liegt. Dann treten sie noch mal zu“, so die Lehrerin. Mehrfach schon hatte sie alle Mühe, die Kampfhähne auseinanderzubringen.

Der Gipsarm war doch nicht so lustig

Ermahnungen, Gespräche – nichts half. Dann hatte Beathe Tapka eine Idee: Im Unterricht stellte sie Schülern die Frage, warum sie prügeln, treten, anderen wehtun und wie sich was derjenige gefühlt hat, der die Schläge abbekommen hat. Ihre Antworten schrieben die Schüler anonym in Sprechblasen. Daraus bastelten sie ein großes Plakat, das alle lesen mussten. Und sie organisierte den Besuch der Kinder in der Unimedizin. Sie sollten live erleben, wie schlimm Verletzungen durch Prügeleien sein können.

Sozialpädagogin Christina Lutz, die in der Klasse Schüler betreut, stellte den Kontakt zu Prof. Barthlen her. Der fand die Idee prima, „denn nur was die Kinder selbst erleben, hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck.“ Also verpasste er allen eine grüne OP-Mütze und einen Mundschutz mit Kindermotiven. Dann gipste er drei Freiwilligen – Til, Zarah und Aman – einen Arm ein. Anfangs fanden sie es noch lustig. Doch als der Gips ausgehärtet und die Bewegungsfreiheit sichtlich eingeschränkt war, sah es schon anders aus. Noch mehr rutschte den Drittklässlern das Herz in die Hose, als es mittels einer Spezialsäge später daran ging, den Gips wieder loszuwerden. Til klopfte das Herz bis zum Hals.

Ultraschall der inneren Organe

Doch damit nicht genug: Der Kinderchirurg zeigte den Greif-Schülern, wie man röntgt. Dass auch ein Überraschungsei und ein Teddy mit Innenleben durchleuchtet wurden, fanden sie noch witzig. Die netten Röntgenschwestern mussten viele neugierige Fragen der Mädchen und Jungen beantworten. Dann ging es zum Ultraschall. Glibber auf den Bauch und schon begann die Untersuchung. Barthlen erläuterte, wo die Leber liegt, die Gallenblase, die Milz und die Nieren. Dass er auch sah, dass Lilly nicht sehr viel zum Frühstück gegessen hatte, verursachte noch Gelächter. Doch dann verdeutlichte er den Schülern, was passiert, wenn man plötzlich mit aller Wucht in den Bauch geboxt wird. „Dann nehmen genau diese weichen Organe Schaden. Es kommt zu Blutungen, Ab- und Einrissen. Meist müssen Kinder und Jugendliche mit solchen Verletzungen dann operiert werden. In ganz schlimmen Fällen kann man sogar daran sterben“, so der Professor. Betretenes Schweigen ... „Es ist mit den Organen wie bei einer Apfelsine: Wenn man die zu Boden fallen lässt, zerplatzt sie, wird Matsch. Genau das geschieht auch mit Leber, Niere, Milz, wenn ihr euch wie von Sinnen prügelt. Vergesst das bitte nie!“, so seine mahnenden Worte.

Plakat zum Nachdenken für andere Kinder

Er hoffe, so Winfried Barthlen, dass seine Demonstration den Mädchen und Jungen gezeigt hat, welche Auswirkungen körperliche Gewalt hat. Das Plakat mit den Sprechblasen der Greif-Schüler, dass sie ihm zum Abschied schenkten, will er sich genau durchlesen. „Ich werde es hier in der Klinik aufhängen, damit es auch andere Kinder lesen können“, sagt Barthlen. „Ich finde die Idee von Beathe Tapka sehr nachahmenswert. Hier wird nicht trockene Theorie vermittelt, sondern gezeigt, wie man schnell mit schlimmen inneren Verletzungen im Krankenhaus landen kann. Zugleich sollen die Kinder merken, dass man sich gemeinsam gegen Gewalt wehren kann und muss“, meint der Kinderchirurg.

Cornelia Meerkatz

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