Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald Kreistag von Vorpommern-Greifswald erlebt blaues Wunder
Vorpommern Greifswald Kreistag von Vorpommern-Greifswald erlebt blaues Wunder
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:52 27.05.2019
Wahlvorstand Matthias Felber und Wahlhelferin Katrin Saß vom Bezirk 014 der Käthe-Kollwitz-Grundschule entleeren eine wahlurne. Quelle: Christin Lachmann
Anzeige
Greifswald,

Deutliche Gewinne für die AfD im Kreistag, Verluste bei der CDU, den Linken und der SPD: Mit starken Zugewinnen bei den Rechtspopulisten deutet sich eine deutliche Verschiebung des Kräfteverhältnisses im Kreistag an, für den bis Redaktionsschluss 262 von 303 Wahlbezirken ausgezählt waren. Die CDU bleibt vermutlich die stärkste Kraft im Kreistag, obwohl die Partei ebenso wie die Linken und die SPD Federn lassen musste. Deutlich wird: In Vorpommern-Greifswald gingen offenbar mehr Menschen zur Wahl als noch vor fünf Jahren. Die Wahlbeteiligung stieg von 47,7 Prozent auf rund 54,6 Prozent.

Die Stimmung bei den Parteien: eher Selters als Sekt. „Wir werden mit Abstand die stärkste Kraft im Kreistag. Das stimmt mich positiv“, sagte Kreisvorsitzender Franz-Robert Liskow. Es deutete sich zu Redaktionsschluss ein Wahlergebnis von knapp 30 Prozent (minus fünf Prozent) an. Dennoch blieb die Stimmung im Greifswalder Restaurant Poro verhalten: Die Christdemokraten mussten dramatische Verluste bei der Europawahl hinnehmen. "Die Aussagen von Manfred Weber zur Nord Stream Pipeline haben uns nicht gut getan", kommentierte Liskow das kräftige Minus seiner Partei nach der Auszählung fast aller Wahlbezirke. "Im Landkreis haben wir eine viel stärkere Personenwahl als bei Europa. Wir haben über Jahrzehnte bekannte und gute Kandidaten.“

Die AfD kann offenbar im Kreistag deutlich zulegen. Die Partei wird nach den vorläufigen Ergebnissen ihr Ergebnis von knapp 5 auf etwa 17,1 Prozent verdreifachen. „Wir werden im Kreistag und vermutlich auch in der Greifswalder Bürgerschaft mit Fraktionsstärke einziehen“, sagte AfD-Kreischef Stephan Reuken. “Wir konnten all die Bürger an uns binden, die meinen, dass Deutschland zuviel Souveränität nach Brüssel abgegeben hat und sich die EU zu stark in die Nationalstaaten einmischt und die sich im ländlichen raum vernachlässigt fühlen.“ Der SPD-Mann Erik von Malottki zeigte sich schockiert über das Abschneiden der Rechtskonservativen. „Das AfD-Ergebnis ist erschreckend.“

Die Linke verlor im Kreistag rund fünf Prozent und kam auf 12,8 Prozent. Auch bei der SPD gab es Verluste von rund 2,5 Prozent. Sie rutschte auf 10,8 Prozent ab. Bei den Grünen erfüllte nur die Europawahl die Träume mit deutlichen Zuwächsen. Im Landkreis konnten die Grünen ihr Europawahl-Ergebnis nahezu verdoppeln (auf 9,1 Prozent). „Es war schon immer Zeit für die Grünen. Aber jetzt sind die äußeren Umstände so klar, dass unsere Visionen endlich durchdringen!“ jubelte Ulrike Berger. Die Wünsche für die Kreistagswahl: „Wir wollen auf jeden Fall eine eigene Fraktion bilden!“, so Berger. Sechs Prozent wären schön. Doch auf den Landkreis können die Grünen ihren Höhenflug im EU-Parlament ersten Berechnungen zufolge nicht vollständig übertragen. Hier fuhren sie nach der Auszählung von 262 Wahlbezirken ein Plus von 4,23 Prozent ein. Vor fünf Jahren erreichte die Partei mit vier Prozent der Stimmen drei Sitze. In der Bürgerschaft peilten die Grünen 14 Prozent an (2014: 10,6 Prozent).

Mignon Schwenke, Bürgerschafts-, Kreistagsmitglied und Landtagsabgeordnete, blickte vor allem auf das Ergebnisse der anderen Parteien. Dass die AfD wieder an Stimmen hinzugewonnen hat, enttäuscht sie: "Das zeigt einfach, dass wir einen Riss in der Gesellschaft haben und dass es eine Unzufriedenheit gibt. Und das nicht nur auf kommunaler Ebene." Auch dass die Grünen nach ersten Hochrechnungen ein deutlich besseres Ergebnis als bei der letzten Europawahl 2014 eingefahren haben, wundert sie nicht. "Das Thema Klimaschutz hat natürlich dazu beigetragen. Ich finde es schade, was wir bei diesem Thema medial nicht vorgekommen sind. Dabei haben wir das auch in unserem Wahlprogramm." Eines steht für Mignon Schwenke fest: "Die Grünen sind mir lieber als die AfD." Bürgerschaftsmitglied Yvonne Görs will sich nicht äußern, bevor nicht alle Stimmen ausgezählt sind. "Ich warte bis zum Ergebnis. Auch wenn es bis drei Uhr nachts dauert."

Die Kompetenz für Vorpommern rutscht von knapp zehn Prozent auf 5,8 Prozent ab und verliert drei von sieben Sitzen. Die FDP kann in Vorpommern-Greifswald ihr Ergebnis leicht verbessern auf jetzt 3,2 Prozent. Die Ergebnisse dürfe man aber noch nicht überinterpretieren, warnte David Wulff. „Wir haben rund 35 Prozent Briefwähler. Und die Ergebnisse kommen ganz zum Schluss. Die NPD halbierte ihr Ergebnis und liegt bei etwa 2,9 Prozent der Stimmen. Sollten die Rechtsradikalen dieses Ergebnis halten, werden sie im neuen Kreistag mit zwei Sitzen vertreten sein.

Die Tierschutzpartei schaffte es auf Anhieb auf 3,1 Prozent und wird damit voraussichtlich zwei Plätze im Kreistag bekommen. Für einen Greifswalder könnte der Abend besondere Konsequenzen haben. Robert Gabel (39), Landeschef der Tierschutzpartei, könnte ins EU-Parlament einziehen. Der Politikwissenschafter ist einer von drei gleichberechtigten Bundesvorsitzenden und steht bei der Europawahl auf Listenplatz 2 seiner Partei . ZDF-Prognosen sehen die Partei mit zwei Sitzen im EU-Parlament. "Es ist unglaublich knapp", sagte Robert Gabel gegenüber der OZ. "Ich bin ein vorsichtiger Mensch und freue mich erst, wenn alles wirklich sicher ist." Es habe aber bereits einen Anruf aus Brüssel gegeben. "Ein Lobbyist wollte sich vorstellen", berichtet er. "Ein Glück war die Verbindung sehr schlecht." Auch ziehen die Freien Wähler (voraussichtlich 2 Sitze), die Wählergemeinschaft Freier Horizont (1 Sitz) und der Einzelbewerber Lars Bergemann in den Kreistag ein. Die Bürgerliste Greifswald ist mit einem Sitz im Kreistag.

 

Martina Rathke, Anne Ziebarth, Stefanie Ploch und Christin Lachmann

Nach dem vorläufigen Endergebnis fahren Grüne und AfD bei der Europawahl in Greifswald satte Gewinne ein. Die CDU bleibt aber stärkste Kraft.

27.05.2019

Die Greifswalder Europawahl-Ergebnisse deuten auf Verschiebungen in der politischen Landschaft im Kreis. Die Reaktionen der Parteien reichen von Jubel bis zur tiefen Bestürzung.

26.05.2019

Wie hat meine Gemeinde abgestimmt? Wie stark sind die Parteien im Landkreis? Und wie sieht es für das Land MV aus? In einer interaktiven Grafik zeigen wir alle aktuellen Zwischenstände und die Endergebnisse zur Kommunalwahl und zur Europawahl in MV.

27.05.2019