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Greifswald Land ohne Arzt
Vorpommern Greifswald Land ohne Arzt
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11:36 30.06.2018
Hausärztin Marion Groth aus Ahrenshagen-Daskow.
Hausärztin Marion Groth aus Ahrenshagen-Daskow. Quelle: Alexander Mueller
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Vorpommern/Vorpommern

Marion Groth sitzt im Sprechzimmer ihrer Praxis. Aus dem Fenster blickt sie auf das kleine Dorf mit wenigen Straßen und vielen Feldern. Heute ist Donnerstag, und am Donnerstag kümmert sich die Hausärztin um die Spezialprobleme ihrer Patienten. Da ist zum Beispiel das alte Ehepaar, das seit Jahren für den Einbau einer Dusche in der Wohnung kämpft, weil das Baden in der Wanne zu beschwerlich geworden ist.

Marion Groth und ihre Mitarbeiterinnen helfen dabei, Anträge auszufüllen, Widersprüche zu formulieren. Dann sitzt die Tochter vor ihr, die Angst hat, wenn ihr alter Vater ins Auto steigt, bei ihm aber auf taube Ohren stößt. Marion Groth versucht zu vermitteln. Und schließlich kommen auch diejenigen, die einfach reden wollen, weil sie sonst niemanden haben. „Das ist alles eigentlich gar nicht meine Aufgabe. Aber wenn ich es nicht mache, macht es keiner. Die Leute brauchen mich hier“, sagt die Ärztin.

Seit 35 Jahren ist Marion Groth die Ärztin im Ort. Sie kennt jeden - und jeder kennt sie, schließlich wohnt sie mit ihrem Mann nur 600 Meter von der Praxis entfernt. Das Problem ist: Es geht nicht mehr ewig so weiter. Die Medizinerin ist über 60 Jahre alt. Auch wenn der blonde Zopf, die Perlenohrringe und der energiegeladene Auftritt zunächst darüber hinwegtäuschen: Die Frau steht kurz vor der Rente. „Ich habe mein Leben lang fast ununterbrochen gearbeitet. Den Ruhestand habe ich mir verdient“, sagt sie. Nicht morgen und auch nicht übermorgen, aber in den nächsten Jahren. Die Praxis ist bereits offiziell zum Verkauf ausgeschrieben.

Doch wie bei so vielen Kollegen auf dem Lande verläuft die Suche nach einem Nachfolger bislang erfolglos. In Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald sind derzeit nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung 31 HausarztStellen unbesetzt. Da sind noch gar nicht jene Mediziner eingerechnet, die aus Loyalität zu ihren Patienten auch im hohen Alter einfach weiter praktizieren, weil sie keinen Nachfolger finden. Im Greifswalder Umland, in Grimmen, Pasewalk und Anklam droht in absehbarer Zeit bereits eine hausärztliche Unterversorgung. Das Durchschnittsalter der Hausärzte in MV liegt derzeit bei 55 Jahren, Tendenz steigend.

Drei Kandidaten haben sich bislang die Praxis von Marion Groth angeschaut - und drei wurden mit einer Abfuhr wieder nach Hause geschickt. Der eine sei selbst bereits über 50 und mit seinem süddeutschen Dialekt kaum zu verstehen gewesen, bei einer anderen habe das Herzblut gefehlt. „Bei meinem Nachfolger muss ich das Gefühl haben: Mit dem kommen meine Leute klar.“

Ihre Leute, das sind schätzungsweise etwa die Hälfte der 2400 Einwohner in Ahrenshagen-Daskow bei Ribnitz-Damgarten. Marion Groth kennt die Geschichte von fast jedem von ihnen. Viele Bewohner hat sie aufwachsen sehen, die waren als Baby das erste Mal in der Praxis und haben jetzt ihre eigenen Kinder zu ihr in die Sprechstunde gebracht. „Ich muss die Leute kennen, um sie behandeln zu können. Muss wissen, was sie machen, was sie beschäftigt.“ Es sei wichtig zu wissen, mit wem Oma verwandt ist, wenn eine Operation bevorsteht. Wenn ein 13-Jähriger plötzlich Drogenprobleme habe, sei es gut, die Situation zu Hause zu kennen. Um ein Gefühl für die Jobs der Patienten zu bekommen, setzt sich Marion Groth auch mal mit auf einen Mähdrescher oder sieht sich die Fließbandarbeit in der nahen Eisbär-Eisfabrik an.

Nicht jeder Uni-Absolvent sei für diese Art des Arzt-Seins gemacht. „Es gibt Absolventen, die wissen in der Theorie alles. Aber ihnen fehlt das Gefühl für die Menschen. Das kann man nicht gleich haben, das muss man sich erarbeiten“, sagt Marion Groth. Wer heute Arzt werden wolle, habe oft Arztserien wie „Grey’s Anatomy“ vor Augen, in denen junge Mediziner die größten Heldentaten am OP-Tisch vollbringen. „Klar, eine komplizierte Herz-Operation hinzubekommen, kann sehr befriedigend sein. Es ist aber auch erfüllend, die Leute auf ihrem Weg durchs Leben zu begleiten.“ Jeder müsse für sich selbst entscheiden, ob die Klinik oder eine eigene Praxis das Richtige für einen seien.

Marion Groth genießt jedenfalls die eigene Freiheit. Auch die Freiheit, die Abläufe im Alltag so zu gestalten, wie sie es für richtig hält. Bei ihr gibt es nur wenige Termine. Wer ins Wartezimmer kommt, trägt sich stattdessen in eine Liste ein. Die Namen werden dann der Reihe nach - und nach medizinischer Dringlichkeit - abgearbeitet. Auch für Privatpatienten gibt es keine Sonderbehandlung.

„Die tragen sich in die Liste ein wie alle anderen auch. Das Blut ist bei allen Menschen rot, da gibt es keinen Unterschied.“

Patienten fragen Marion Groth in letzter Zeit durchaus des Öfteren einmal: Wie lange machen Sie denn noch? Sie antwortet dann immer: „Ich hoffe, ich hab’ noch 30 Jahre, bis ich umfalle.“

Den Arztkittel würde sie gern schon früher abgeben. Aber wer ihr eine Weile zuhört, ahnt, dass der Druck noch nicht allzu groß ist. Schließlich spricht sie es selbst aus: „Ich kann noch eine Weile Spaß haben an meinem Beruf.“ Ärzte immer älter 134 offene Hausarztstellen gibt es nach Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung in ganz MV. Die meisten Mediziner werden im Rostocker Umland gesucht, dort sind 18,5 Stellen offen. In Vorpommern ist die Not in Grimmen (7,5 offene Stellen) sowie im Greifswalder und Stralsunder Umland besonders groß (jeweils fünf offene Stellen). Das Durchschnittsalter von Hausärzten in MV beträgt 55 Jahre (Stand 2016). 231 von ihnen sind sogar mehr als 60 Jahre alt.

Im Facharztbereich ist das Gegenteil der Fall. Hier gibt es in ganz MV fast keine freien Plätze. Einzig im HNO-Bereich gibt es etwas Luft. 2,5 Stellen sind im Land unbesetzt.

Alexander Müller

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30.06.2018
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