Landwirt aus Züssow: Deswegen ist der Umstieg auf Bio-Fleisch schwierig
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Landwirt aus Züssow: Deswegen ist der Umstieg auf Bio-Fleisch schwierig

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18:33 20.07.2021
Landwirt Sebastian Vaegler steht vor dem Schweinestall in Dambeck.
Landwirt Sebastian Vaegler steht vor dem Schweinestall in Dambeck. Quelle: Christopher Gottschalk
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Züssow/Greifswald

Schweine, Rinder, Puten und Hühner mästen – für viele Landwirte steht in den kommenden Jahren eine Richtungsentscheidung an. Zu ihnen gehört Sebastian Vaegler (32) aus Züssow. Der Landwirt betreibt eine Schweinemast mit rund 1750 Tieren im wenige Kilometer entfernten Dambeck und stellt sich wie viele seiner Kollegen die Frage, wie es mit der Fleischproduktion weitergeht.

Denn der Handel, allen voran Aldi, will neue Regeln durchsetzen. Der Discounter-Riese verkündete vor wenigen Wochen, nur noch Frischfleisch der Haltungsstufen 3 und 4 verkaufen zu wollen (siehe Infokasten). 2030 soll es soweit sein, andere Handelsketten wie Rewe stecken sich ähnliche Ziele. Bis dahin wird der Anteil des Fleisches aus konventioneller Stallhaltung in den Regalen Schritt für Schritt verringert. Was bedeutet das für Landwirte wie Sebastian Vaegler?

Stallneubau wäre einzige Option

Bisher erfüllte er die gesetzlichen Mindestvorgaben, vor Kurzem baute er seinen Stall um, damit die Schweine mehr Platz haben, das entspricht Haltungsstufe 2. Der Betrieb baut zudem verschiedene Getreidesorten an. Müsse er seine Haltung auf die Premiumstufen 3 oder 4 umstellen, werde er voraussichtlich aus der Schweinemast aussteigen, sagt Vaegler. Es könnte sich dann womöglich nicht mehr rechnen. „Dafür müsste ich bestimmt einen Außenklimastall neu bauen, das ist ein riesiges Investitionsvolumen.“

Derzeit hält er seine Mastschweine in einer Altanlage, die die Familie seit zwei Jahrzehnten als Schweinemast betreibt. Rund 6.000 Schweine habe er bisher pro Jahr verkauft. Vor Kurzem habe er für rund 10.000 Euro neue Fenster eingebaut und Luzernenstangen als Raufutter installiert, um den Anforderungen der Initiative Tierwohl zu entsprechen, sagt Vaegler.

Mastschweine, die in Dambeck in einem Stall leben. Quelle: Sebastian Vaegler

Initiative Tierwohl zahlt Bonus für jedes Mastschwein

Heißt konkret, dass jedes Schwein zudem zehn Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben bekommt. Ein Tier zwischen 50 und 110 Kilogramm hat so nach der Anpassung 0,82 Quadratmeter, ein Tier über 110 Kilogramm 1,1 Quadratmeter. Vaegler hatte dafür auf rund 250 Schweine in seinem Stall verzichtet. Seit Juli bekommt er für die verbesserten Haltungsbedingungen 5,28 Euro Bonus pro verkauftem Mastschwein von seinem Abnehmer Tönnies. Die Vergütung ist der Teil der Initiative Tierwohl, die der Handel, Gastronomie, Land- und Fleischwirtschaft 2015 ins Leben gerufen hatte.

Allein wegen der Mengen sei er auf den Großabnehmer angewiesen, so Vaegler. An Schlachtunternehmen in MV fehle es, eine Direktvermarktung sei logistisch schwierig zu bewerkstelligen. Doch die Nachfrage nach regionalem Fleisch wachse. Im Juli lag der Kilopreis für Schwein laut der Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch bei 1,45 Euro.

Vaegler werde rund zwei Jahre brauchen, um die 10.000 Euro-Investition und Einnahmeverluste durch weniger Schweine im Stall auszugleichen, sagt er. Bei einem kompletten Stallneubau kämen jahrelange Belastungen auf ihn zu. Hinzu kämen langwierige Antragsverfahren für Genehmigungen und Vorgaben aus dem Immissionsschutzgesetz, die eine Neuausrichtung erschweren.

„Ich mache meinen Job nach bestem Wissen und Gewissen, weil der Betrieb in der nächsten Generation weitergehen soll. Jeden Tag kümmern wir uns darum, dass es den Schweinen hier gut geht“, sagt Vaegler. Er sorge sich, dass einheimische Produzenten verdrängt werden und Fleisch aus dem Ausland auf den Markt kommt, das mit weniger Kontrollen produziert wurde. „Da wissen wir vielleicht gar nicht, wie die Tiere aufgewachsen sind.“

Aldi verbannt bestimmtes Billigfleisch

Der Discounter hat angekündigt, ab 2030 nur noch Frischfleisch von Schweinen, Rindern, Hühnern und Puten zu verkaufen, das mindestens der Haltungsform 3 entspricht. Je höher die Haltungsstufe, desto mehr Platz haben die Tiere, in Stufe 4 haben sie ständigen Auslauf. Ab 2025 soll Fleisch aus Stallhaltung Stufe 1, die nur die gesetzlichen Vorgaben einhält, komplett aus den Regalen verschwinden. 2026 soll ein Drittel des Fleisches aus den Stufen 3 und 4 kommen – zu der letzten zählt Biofleisch. Ab 2030 soll der Anteil auf 100 Prozent wachsen. Ausgenommen von Aldis Ankündigung sind „internationale Spezialitäten“ und Tiefkühlfleisch.

Kritik an Discounter Aldi

Aber schon jetzt seien die Margen für Landwirte gering, ergänzt Jörg Espig, Vorstandsvorsitzender des Bauernverbandes Ostvorpommern. Finanzielle Unsicherheit durch allzu große Kredite wolle sich kaum jemand zumuten. Die gesetzlichen Vorgaben könnten sich ändern, der Handel neue Anforderungen stellen, Landwirte blieben auf hohen Investitionen sitzen. „Discounter wie Aldi wollen auf unserem Rücken gut produzieren lassen, aber trotzdem ihre hohen Gewinne machen“, kritisiert Espig, zugleich Geschäftsführer der Usedomer Agrar GmbH.

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Wolle der Einzelhandel auf Fleisch aus den Stufen 3 und 4 umstellen, müssten Verbraucher bereit sein, mehr zu zahlen. Bisher sei das kaum der Fall, billiges Fleisch verkaufe sich hingegen gut. Zum Problem werde auch, dass deutlich mehr Fläche nötig wird, um die gleiche Menge an Fleisch zu produzieren, betont Espig. Die Nachfrage aber bleibe: „Ich denke nicht, dass in Zukunft alle Verbraucher Vegetarier werden.“

Von Christopher Gottschalk