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Greifswald Groß Ernsthof: Hier gibt es Milch aus dem Zapfhahn
Vorpommern Greifswald Groß Ernsthof: Hier gibt es Milch aus dem Zapfhahn
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08:24 20.07.2019
Streicheleinheiten für das Kälbchen. Aimée (6) und ihr Vater, Landwirt René Marquardt im Kälberstall. Quelle: Anne Ziebarth
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Greifswald

Der Pick-up rumpelt über den Feldweg bei Groß Ernsthof, dann geht es querfeldein über die Wiese. Am Steuer sitzt Landwirt René Marquardt, neben sich Gummihandschuhe, Desinfektionsspray, Taschenlampe und ein Outdoor­handy. „Ich will noch schnell zum Kalb von heute früh“, sagt er. „Schauen, ob alles in Ordnung ist.“ Wo andere Landwirte auf schnellstmögliche Trennung von Mutter und Kind setzen, praktiziert er in seinem Betrieb ein anderes Modell. „Wir haben beobachtet, dass die Kälber, die noch ein paar Tage bei der Mutter sein können, einfach fitter sind“, so der 44-Jährige „Die Kuh massiert das Kalb nach der Geburt mit der Zunge, versorgt es – so gut kann der Mensch das wahrscheinlich gar nicht.“

Weidegang statt Maximalertrag

Noch etwas unterscheidet das Leben der Kühe ganz wesentlich von den meisten ihrer „Kolleginnen“ in anderen Milchbetrieben: Sie kommen tagsüber auf die Weide, so lange die Witterung das zulässt. „Morgens nach dem Melken geht es raus, dann am späten Nachmittag wieder zurück in den Stall“, beschreibt Marquardt. Das sei zwar betriebswirtschaftlich nicht sonderlich sinnvoll, weil Kühe in reiner Stallhaltung mehr Milch geben – gerade an wärmeren Tagen würde man das merken. „Aber wir haben hier auch nie auf den Maximalertrag um jeden Preis gesetzt.“ Außerdem seien es die Tiere des Familienbetriebs und sie würden sich auf der Weide sichtlich wohler fühlen, Punkt.

Milchverkauf am Automaten als zweites Standbein

Um trotzdem den Familienbetrieb im Einklang aus Tierwohl und Wirtschaftlichkeit aufrechterhalten zu können, hat sich die gelernte Einzelhandelskauffrau Sandra Marquardt mit dem Direktmarketing beschäftigt. Die Milch ohne Milchzwischenhändler direkt an die Verbraucher verkaufen, war der Plan. Und aus der Idee wurde Ernst: Seit zweieinhalb Jahren haben die Marquardts eine Kuhmilchtankstelle vor ihrem Hof direkt an der K 22, an der sich Kunden 24 Stunden am Tag selbst Rohmilch aus dem Hahn zapfen können. Daneben steht eine Regiobox, ein Automat, der Wurst und Kartoffeln aus eigener Produktion sowie geräucherten Käse in der Auslage hat. Der Kunde wirft Geld ein und wählt das Produkt, anschließend setzt sich ein Transportmechanismus in Bewegung, sanft landen Kartoffeln oder Rindersalami im Ausgabefach.

80 Liter Milch werden an der Milchtankstelle täglich gezapft

Das Konzept geht auf, mittlerweile ist die Direktvermarktung für den Familienbetrieb zu einem unverzichtbaren wirtschaftlichen Standbein geworden. Rund 80 bis 100 Liter Milch verkauft der Hof pro Tag über die Milchtankstelle. Das ist zwar wenig im Vergleich zu den 2000 Litern, die der Deutsche Milchkontor täglich abholt, dafür liegt die Preisgestaltung in der Hand der Landwirte, aktuell kostet ein Liter Milch an der Tankstelle in Groß Ernsthof einen Euro. Auf die Milchpreise der Großabnehmer ist René Marquardt nicht gut zu sprechen. „Wir sind zwar nicht mehr beim absoluten Tiefststand von 19 Cent pro Liter, aber auch bei einem Milch­basispreis von aktuell 30 Cent ist es für kleinere Höfe unmöglich, damit über die Runden zu kommen“, beschreibt er. „Der Preis wird von den Einzelhändlern gemacht, dann werden die Transport- und Verarbeitungskosten abgezogen und das, was übrig bleibt, ist dann für die Milchbauern. Jemand hat uns mal als Restgeldempfänger bezeichnet. Ich finde, das ist sehr passend.“ Eigentlich hätte man in der Milchproduktion nur die Möglichkeit, die Bestände auf hunderte von Tieren zu vergrößern und auf Automatisierung zu setzen, oder sich andere Möglichkeiten des Zuverdienstes zu suchen. Wie eben den Direktverkauf von Rohmilch, der gesetzlich allerdings nur 800 Meter vom Hof entfernt erlaubt ist, ein Verkauf der Milch im nächsten Supermarkt wäre nur pasteurisiert möglich.

Willi und Barbara Gardebrecht aus Wolgast kommen einmal in der Woche, um sich ihre Milch in Groß Ernsthof abzuholen. Stilecht: Die Tragevorrichtung mit Kuhmotiv hat Enkelin Johanna vor einigen Jahren gefertigt. Quelle: Anne Ziebarth

Die Kunden, die sich vor der Milchtankstelle einfinden, sind gern bereit, etwas mehr zu zahlen. Barbara und Willi Gardebrecht zum Beispiel kommen aus Wolgast, um sich jede Woche ihre drei Flaschen Milch zu holen, dazu noch Kartoffeln und Wurst. „Die Milch von hier schmeckt einfach besser“, sagt Barbara Gardebrecht. „Außerdem lassen sich damit auch hervorragend Gerichte wie Pudding oder Suppe machen. Nur die Dickmilch will mir nicht gelingen.“ Sandra Marquardt kann helfen. „Dafür darf die Milch nicht zu kühl stehen. Es muss einmal eine gewisse Temperaturschwelle überschritten werden. Früher sagte man, Dickmilch gibt’s nur bei Gewitter. Wahrscheinlich wegen der höheren Temperaturen davor.“ Die enorme Resonanz auf die Milchtankstelle habe die Marquardts fast überrascht. „In der ersten Zeit haben wir täglich kleine Zettel am Automaten gefunden, mit Lob und Zuspruch für unsere Idee“, erinnert sich Sandra Marquardt. „Unter anderem auch von einer Frau, die den Automaten immer nutzt, wenn sie von der Nachtschicht kommt und hier vorbeifährt.“

Trotz Überstunden: Landwirt ist Traumberuf

Milchtankstelle und Regiobox sind in kleinen Holzhäuschen untergebracht. Quelle: Anne Ziebarth

Auch die Arbeitszeit der Marquardts entspricht nur selten dem klassischen 8-Stunden-Job. Neben den Kühen warten noch rund 350 Hektar Anbaufläche, dazu kommen 120 Hektar Grünland, eine Bullenaufzucht, Umbaupläne für eine Scheune ... „Trotzdem ist das mein Traumberuf“, sagt Marquardt und die Augen des Landwirts mit der hünenhaften Gestalt leuchten. „Ich habe den Hof von meinen Eltern übernommen und fühle eine große Verbundenheit mit dem Land und auch Stolz, dass ich ihn weiterführen darf.“ So etwas gehe nur mit einem guten Team, betont er. Fünf Mitarbeiter sind derzeit auf dem Hof beschäftigt, auch Vater Peter (71) packt mit an. Die nächsten Pläne für eine Weiterentwicklung sind bereits auf dem Tisch.

„Wir probieren jetzt mal, Angus-Rinder bzw. Uckermärker in unsere Rotbunten einzukreuzen. Das sind Rassen, die für die Fleischgewinnung gezüchtet werden“, erzählt Marquardt. „Wir haben eine stabile Herde von Milchkühen und mehr Kuhnachwuchs als wir integrieren können. So könnte man zusätzlich das Fleisch der Rinder verwerten. Und direkt vermarkten.“

In Groß Ernsthof gibt es Landwirtschaft "wie früher". Die Milchkühe von Landwirt René Marquardt kommen morgens auf die Weide, Kälber dürfen mehrere Tage bei ihrer Mutter bleiben. Quelle: Anne Ziebarth

Lesen Sie weiter:

Übersicht der Milchtankstellen im Land

Anne Ziebarth

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