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Greifswald Mehr Krätze-Fälle in Vorpommern registriert: Das sind die Ursachen
Vorpommern Greifswald Mehr Krätze-Fälle in Vorpommern registriert: Das sind die Ursachen
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17:45 15.05.2019
Narben erinnern an eine Überstandene Skabies (Krätze) Erkrankung. Milben sind der Auslöser. Sie werden durch engen Hautkontakt weitergegeben. (Archivfoto) Quelle: Henning Kaiser / dpa
Greifswald/Stralsund

Sie bohrt sich in die Oberhaut des Menschen, gräbt dort kleine Gänge, in denen sie ihre Kotballen und Eier hinterlässt. Die Krätzmilbe verursacht ein unangenehmes penetrantes Jucken – vor allem in den Nächten treibt sie die Betroffenen durch den von der Bettwärme verstärkten Juckreiz in die Schlaflosigkeit.

In Vorpommern – das legt zumindest ein Blick auf kurzfristige Zeitreihen nahe – ist die Krätze (Skabies – lat. scabere = kratzen) auf dem Vormarsch. Wurden 2015 in Vorpommern-Greifswald 14 Fälle und in Vorpommern-Rügen nicht ein Fall dieser ansteckenden Hautkrankheit registriert, sind die Zahlen der gemeldeten Erkrankungen in den beiden Folgejahren gestiegen. Vorpommern-Greifswald registrierte für 2017 genau 81 Erkrankungen, ein Jahr später 109 Erkrankungen.

Für 2019 wurden in Vorpommern-Greifswald bereits 38 gemeldete Skabiesfälle in Gemeinschaftseinrichtungen, speziell in Schulen, erfasst. Ähnlich der Trend in Vorpommern-Rügen: Dort wurden laut dem Landes- Gesundheitsministerium im Jahr 2017 genau 51 Fälle gemeldet, ein Jahr später 157 Fälle. Doch was sagt die Statistik aus?

Behörden sehen keinen Grund zur Panik

„Das sind im Bundes- und Landesvergleich noch keine dramatischen Zahlen. Die Tatsache, dass insgesamt in den letzten Jahren die Skabiesfälle angestiegen sind, ist in Gesamtdeutschland zu beobachten“, sagte die Amtsärztin von Vorpommern-Greifswald, Marlies Kühn. Auch im Nachbarkreis sieht man trotz des Anstiegs keine besorgniserregende Entwicklung. „Die Lage ist völlig entspannt“, sagte Vorpommern-Rügens Kreissprecher Olaf Manzke. Welche Schulen beziehungsweise Gemeinschaftseinrichtungen genau betroffen sind, sagen die Behörden mit Verweis auf den Datenschutz nicht. Die Verteilung im Landkreis sei homogen, hieß es aus Greifswald.

Krätze – schlechter Ruf, aber gut behandelbar

Die Krätze gibt es seit Jahrhunderten. Schon die Ägypter und Römer berichteten von der juckenden Hautkrankheit. Sie wird mit fehlender Hygiene, Enge, Schweiß, Armut und Dreck assoziert, hat deshalb bis heute einen schlechten Ruf – und dient damit besonders gut der Stigmatisierung. „Krätze ist nicht lebensgefährlich, aber sie ist äußerst unangenehm“, betonte Professor Michael Jünger, Direktor der Hautklinik der Universitätsmedizin Greifswald. Zum Juckreiz kommen ekzemartige Hautveränderungen wie Rötungen und Pusteln. Betroffen sind meist die Zwischenräume zwischen Zehen oder Fingern, Achselhöhlen, Genital- oder Leistenregionen. „Der Körper nimmt die Krätzemilben wahr und entwickelt dagegen Abwehrkräfte. Es kommt zu einer Entzündung.“

Im Vergleich zu anderen Hautkrankheiten wie Krebs oder bläschenbildenden Entzündungen, die schwer behandelbar sind, gilt die Krätze aber als eher harmloses Problem. „Die Behandlung gehört in den ambulanten Sektor, nur in Einzelfällen gibt es stationäre Aufnahmen, wenn die Krankheit zu einer Superinfektion des Haut geführt hat, das Ekzem ausgeprägt ist oder die Familie im häuslichen Umfeld überfordert ist“, erklärte Jünger. „Aber da stirbt kein Mensch dran.“

AfF will Erkrankungszahlen politisch für sich nutzen

Wegen der Ansteckungsgefahr ist die Krätze eine in Teilen meldepflichtige Krankheit. Dort, wo Menschen auf engem Raum zusammenleben, in Schulen, in Kitas, in Pflegeheimen und Flüchtlingsheimen, wird sie registriert, weil dort die Übertragungsgefahr am größten ist. Damit die Milben von einem Menschen zu einem anderen wandern, ist in der Regel ein längerer Hautkontakt von mindestens fünf Minuten nötig.

Krätze – unangenehm, aber gut behandelbar

Krätze (Scabies) ist eine weitverbreitete, durch die Krätzmilbe verursachte parasitäre Hautkrankheit. Die Krätze gibt es seit Jahrhunderten. Schon die Ägypter und Römer berichteten von der juckenden Hautkrankheit. Die etwa 0,3–0,5 Millimeter großen Weibchen der Krätzmilbe bohren sich in die Oberhaut (Epidermis) und legen dort in den Kanälen Kotballen und Eier ab. Ihre Absonderungen führen zur Schädigung der Haut und lösen einen starken Juckreiz aus. Die Inkubationszeit beträgt etwa einige Tage bis sechs Wochen. Für befallene Patienten gilt in Deutschland nach § 34 Infektionsschutzgesetz ein Verbot des Aufenthalts und Arbeitens in Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen, Kindergärten oder Heimen, denn die Krätzemilben werden bei engem Körperkontakt übertragen. Die Krankheit gilt als gut behandelbar. Entscheidend für den Erfolg ist die zeitgleiche Behandlung aller Menschen, die in direktem Körperkontakt miteinander leben.

Die AfD versucht aus dem Anstieg der gemeldeten Erkrankungszahlen politisch Honig zu saugen. Von landesweit 21 Fällen im Jahr 2015 sei die Zahl bis 2018 um 1800 Prozent auf knapp 400 Fälle gestiegen, interpretierte die Partei die vom Gesundheitsministerium veröffentlichten Zahlen. Der Anstieg der Krätze-Erkrankungen korreliere mit dem erhöhten Flüchtlingsaufkommen seit 2015, so der AfD-Politiker Gunter Jess.

In den Landkreisen kann man diesen Zusammenhang so nicht bestätigen. Die Behörden sehen den Anstieg vor allem in einer seit 2017 veränderten Meldepflicht begründet. Seit jenem Jahr sind nicht nur Kitas und Schulen meldepflichtig, sondern auch andere Gemeinschaftseinrichtungen wie Altenheime, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Obdachlosenheime, und Unterkünfte für Flüchtlinge. Zudem wird aus epidemiologischer Sicht diskutiert, dass es bei der Krätze ähnlich wie bei anderen Infektionserkrankungen wellenförmige Verläufe gibt und es nach Jahrzehnten mit niedrige Zahlen und wieder eine Phase mit höheren Erkrankungszahlen gibt, wie Amtsärztin Kühn betonte.

Dennoch bleiben die Daten zur Häufigkeit der Krätze in Deutschland sehr lückenhaft, da für die Krankheit in Privathaushalten keine Meldepflicht besteht und Landkreise die Meldepflicht auch unterschiedlich auslegen. Die Kreise Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald erfassen nach eigenen Angaben auch Krätze-Fälle in Familien. Das würde erklären, warum im Osten des Landes insgesamt mehr Fälle registriert sind.

Erkrankungen vor allem in Familien – Ämter bieten Hilfe

Bei einer Erstinfektion treten krätzetypische Symptome erst nach einer Inkubationszeit von zwei bis sechs Wochen auf. In dieser Zeit können Milben noch nicht wahrgenommen, aber bereits weiter verbreitet werden. Wie eine Sprecherin des Kreises Vorpommern-Greifswald sagte, häuften sich die Erkrankungen im Jahr 2018 vor allem in Familien, Schulen, Pflegeheimen und Jugendwohngruppen. Einzelfallmeldungen kamen demnach aus Kitas, Altenheimen, Einrichtungen für betreutes Wohnen. Bei Flüchtlingen seien wenige Fälle registriert worden. Von den im vergangenen Jahr landesweit 399 Fällen wurden 229 in privaten Haushalten registriert, 44 in Schulen und 47 in Kindereinrichtungen und Horten. 26 Fälle wurden den Behörden aus Asyl- und Flüchtlingsheimen gemeldet.

„Entscheidend ist die zeitgleiche Behandlung aller Menschen, die in direktem Körperkontakt miteinander leben“, mahnte Professor Michael Jünger. Mit speziellen Salben oder Ivermectin-Tabletten ließen sich die Erreger sehr gut bekämpfen. Wichtig sei, die Behandlung nach einer Woche zu wiederholen, damit auch die Krätzemilben erwischt werden, die vorher als Eier existierten. Zudem müsse das Ekzem behandelt werden. „Unabdingbar ist die Sanierung des häuslichen Umfeldes, also von Teppichen, Bettwäsche und Spielsachen.“ Das Hauptproblem für das Wiederauftreten, so Jünger weiter, seien die Lücken in der Sanierung des Umfeldes. Bei besonders schwierigen Fällen, versichern die Kreise, unterstützen Gesundheitsämter durch Familienkrankenschwestern, Sozialarbeiter, Hygienemitarbeiter die Familien. „Es werden Hausbesuche getätigt, bei welchen Hygienemaßnahmen und die Anwendung der Medikamente besprochen und überwacht werden“, sagte eine Kreissprecherin.

Im Eigenbetrieb „Hansekinder“ der Hansestadt Greifswald, zu dem 14 Kitas und drei Horteinrichtungen gehören, ist die Krätze eine der selten auftretenden Krankheiten. „Wir hatten in den vergangenen Jahren ein, zwei Fälle“, sagte der Leiter des Eigenbetriebes Achim Lerm. In diesen Fällen blieben die betroffenen Kinder – wie gefordert – zu Hause, bis die Behandlung der Krankheit mit Salbe oder Ivermectin-Tabletten erfolgreich abgeschlossen sei. Bei Auftreten von Krätze würden die Eltern wie bei anderen ansteckenden Krankheiten auch über Aushänge informiert.

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Martina Rathke

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