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Greifswald Mühle Jarmen macht dicht – Zukunft der 28 Mitarbeiter ungewiss
Vorpommern Greifswald Mühle Jarmen macht dicht – Zukunft der 28 Mitarbeiter ungewiss
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16:50 27.09.2019
Die Nordland Mühle Jarmen wird stillgelegt. Jürgen Mattutat, Stephan Grabow, Klaus-Dieter Holz und Andreas Heymann gehören zu der 28-köpfigen Belegschaft, die von der Nachricht in dieser Woche völlig überrascht wurde. Quelle: Petra Hase
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Jarmen

Die Nachricht aus der Chefetage des Konzerns traf die 28 Mitarbeiter tief ins Mark: Die Nordland Mühle Jarmen soll zum 30. September 2020 die Produktion einstellen. Eine 113-jährige Tradition steht damit vor dem Aus. Darüber informierte die Geschäftsführung der Goodmills Deutschland GmbH mit Sitz in Hamburg am Mittwoch die Belegschaft. „Vor dem Hintergrund eines strukturell schwierigen Marktumfeldes und einem seit Jahren anhaltenden Bäckereisterbens haben wir die schwere Entscheidung treffen müssen, unseren Standort in Jarmen im kommenden Jahr und nach einer angemessenen Übergangsfrist stillzulegen“, begründet Unternehmenssprecher Gunnar Steffek den Schritt (OZ berichtete).

Nachricht überraschte alle

Für Müller Andreas Heymann brach damit ein Stück heile Welt zusammen. Zwar habe er wie alle Kollegen irgendwann mit Veränderungen gerechnet. „Aber dass es jetzt so plötzlich über uns kommt, das hätte niemand gedacht“, sagt der 33-Jährige Familienvater, der in Zarrenthin bei Jarmen aufgewachsen ist. 2003 habe er im Unternehmen seine Lehre begonnen, später die Meisterausbildung zum Verfahrenstechnologen absolviert. „Sogar den Lkw-Führerschein hat der Betrieb mitfinanziert“, zeigt Heymann dankbar. Doch die Aussicht, womöglich als Pendler an einem anderen Standort des Unternehmens zu arbeiten, behagt ihm gar nicht: „Unser Kind ist gerade hier zur Schule gekommen, das zweite unterwegs. Meine Frau arbeitet als Krankenschwester im Drei-Schicht-System, da kann ich nicht die ganze Woche weg sein“, sagt er.

Die Nordland Mühle Jarmen an der Peene wurde 1907 als Kunstmühle Jarmen gegründet. Quelle: HGW

Auch Jürgen Mattutat, in Jarmen geboren und aufgewachsen, blickt düster drein: „Seit 30 Jahren bin ich in der Firma. Erst als Kraftfahrer, jetzt in der Getreideannahme“, sagt der 54-Jährige. Nach einer Herzerkrankung vor drei Jahren sei er lange Zeit ausgefallen und sehr erleichtert gewesen, mit Schwerbehindertenausweis weiter beschäftigt worden zu sein. „Auch wenn der Konzern sicher eine Lösung findet – was wird aus der Mühle? Die gehört doch zu Jarmen“, sagt Mattutat und meint, die Politik habe einmal mehr versagt. Eine Mühle nach der anderen sei in MV geschlossen worden, nur Jarmen hielt die Fahne hoch. Mattutat: „Ich bin bitter enttäuscht.“

50000 Tonnen Getreide pro Jahr

Und nicht nur er. Kraftfahrer Klaus-Dieter Holz, seit 41 Jahren im Unternehmen, kann seinen Zorn kaum verbergen. „Da wird ständig von CO2-Steuer geredet. Aber wenn der Betrieb hier dicht macht, wird das Getreide noch weiter durch die Gegend kutschiert. Ich habe den Glauben an die Politik verloren“, sagt der 61-Jährige.

Eduard Haidl ist Standortleiter in Jarmen. Er hat das Müllerhandwerk von der Pike auf gelernt. Die Stilllegung des Betriebes ist für ihn und seine Kollegen bitter. Quelle: HGW

Die Nordland Mühle Jarmen bezieht laut Standortleiter Eduard Haidl das Getreide von Landwirten aus der Region: „30, vielleicht auch 40 Kilometer rings um unseren Kirchturm“, definiert er den Einzugsbereich. 50000 Tonnen Getreide jährlich verarbeite die 1907 errichtete Mühle zu Mehl und anderen Mahlerzeugnissen. Die Technik sei auf neuestem Stand. „Wir sind keine alte Klappermühle, beliefern Bäckereien in ganz MV, bis nach Berlin ran und an die Grenze Schleswig-Holsteins“, sagt er. Auch der Lila Bäcker, der Ende Januar Insolvenz anmeldete und vorerst als gerettet gilt, zähle zu den Kunden. Gerade unlängst habe sich die Mühle auf den Weg gemacht, mit Dinkel- und Bioprodukten neue Märkte zu erschließen. Vergeblich. „Das Bäckersterben ist im vollen Gange. Das bleibt für unsere Branche nicht ohne Folgen“, sagt Haidl, der dem Goodmills Konzern keine Schuld am Untergang des Traditionsbetriebes gibt. „Aus unternehmerischer Sicht kann ich die Stilllegung nachvollziehen“, sagt der gebürtige Teterower. Die Ursachen dieser und anderer Schließungen lägen woanders. „Es gibt ganz offensichtlich eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem, was die Verbraucher wollen – nämlich Klimaschutz, weniger Verkehr, mehr Regionalität – und dem, was sie tatsächlich tun: An den Backshops von Aldi, Lidl & Co billig einkaufen“, sagt der studierte Müller. Über seine eigene Zukunft mache er sich wenig Gedanken: „In sechs Wochen werde ich 60, irgendwas wird schon. Aber wir haben, neben ein paar jungen Leuten, eine extrem hohe Altersstruktur.“ Und dennoch sei er guter Hoffnung, dass die Geschäftsführung wie angekündigt mit dem Betriebsrat sozialverträgliche Lösungen für die Mitarbeiter finde. „Bei den bisherigen Stilllegungen in Parchim, Völklingen und Hameln ist das auch sauber gelaufen“, versichert Haidl.

Konzern beschäftigt bundesweit 630 Mitarbeiter

Die Geschäftsführung wolle Möglichkeiten interner Versetzungen prüfen. „Aktuell sind in der Goodmills Gruppe Deutschland, die 630 Menschen beschäftigt, 20 Stellen vakant“, informiert Sprecher Karl-Friedrich Brenner von der sugarandspice communications GmbH für Goodmills. In Hamburg gebe es zurzeit 60, in Berlin 30 Mitarbeiter. Er versichert zudem, dass die Belieferung der vor allem in MV ansässigen Kunden auch nach dem September 2020 fortgesetzt werde. Das Unternehmen plane, die Produktionsmengen bis dahin auf die Standorte Berlin und Hamburg zu verlagern. Unklar indes sei, was mit der Mühle in Jarmen geschehe. „Eine Entscheidung über die künftige Nutzung von Gebäude und Grundstück wird erst im Laufe der kommenden zwölf Monate fallen“, sagt Brenner.

Jarmens Bürgermeister Arno Karp hofft auch für das Gebäude auf eine Lösung. Die große Mühle an der Peene sei stadtbildprägend. „Eine Ruine brauchen wir an der Stelle wahrlich nicht.“ Von der Nachricht der Stilllegung sei auch er überrascht worden: „Für die Beschäftigten ist das bitter“, bedauert Karp.

Das Unternehmen

Die Nordland Mühle Jarmen gehört zur Goodmills Deutschland GmbH mit Sitz in Hamburg. Bundesweit gibt es acht Standorte mit 630 Mitarbeitern. Sie bündelt unter ihrem Dach drei eigenständige Geschäftsbereiche: Der Bereich „Mühlen“ stellt Mahlerzeugnisse für die Lebensmittel- und Backindustrie her. Der Geschäftsbereich „Innovation“ befasst sich mit der Veredelung von Mehlen und neuen Funktionalitäten. Der Bereich „Einzelhandel“ bündelt das Markengeschäft für Mehl, Mahlerzeugnisse, Reis und Hülsenfrüchte. Zu den bekanntesten Marken im Endverbrauchergeschäft gehören Aurora, Diamant, Gloria, Goldpuder, Müller’s Mühle und Rosenmehl.

Die GoodMills Deutschland GmbH ist Teil der in Wien ansässigen Goodmills Group GmbH mit 25 Mühlenstandorten in sieben Ländern, neben Deutschland auch in Österreich, Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Sie ist nach eigenen Angaben das größte Mühlenunternehmen Europas und zählt weltweit zu den Top vier der Mühlenbranche.

Von Petra Hase

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