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Greifswald Hartz-4-Zwischenbilanz: Wir leben uns ein
Vorpommern Greifswald Hartz-4-Zwischenbilanz: Wir leben uns ein
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08:49 07.03.2019
Christin und Kai Lachmann aus Greifswald machen den großen Test: Wie schwer ist das Leben mit dem Hartz-4 Regelsatz
Christin und Kai Lachmann aus Greifswald machen den großen Test: Wie schwer ist das Leben mit dem Hartz-4 Regelsatz Quelle: Anne Ziebarth
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Greifswald

Seit sieben Tagen leben mein Mann und ich in einem Selbstversuch einen Monat lang vom Hartz-4-Regelsatz. Wir wollen herausfinden, wie man im Jahr 2019 mit diesem Geld auskommt. Am vergangenen Freitag holten wir 763,20 Euro von der Bank ab. Soviel stünde uns als Bedarfsgemeinschaft zu.

Gar nicht so wenig Geld, oder?! Doch der Betrag minimierte sich in den ersten Tagen recht schnell. Strom, Handyrechnung, Zeitungsabo und und und. Die Zwischenbilanz: Nach Abzügen der persönlichen Fixkosten und den ersten Einkäufen im Discounter haben wir nun noch insgesamt 531,66 Euro für die restlichen 24 Tage über.

Das Ende des Monats ist noch weit entfernt. So langsam bekommen wir nach den ersten Tagen eine Ahnung davon, was Verzichten wirklich heißt. Unsere täglichen, oft mit Geldausgeben verbundenen Gewohnheiten mussten wir um- oder einstellen. Morgens schnell noch ein belegtes Brötchen vom Bäcker holen oder mittags eine Kleinigkeit auswärts essen? Das ist nicht mehr drin.

Uns fällt auch zunehmend auf, dass sich der Alltag mehr und mehr ums Geld dreht. Worüber wir auch reden - die erste Frage ist meist: Wie viel kostet das? Jede Ausgabe muss genau überdacht und kalkuliert werden. Wir versuchen, auf unnötige Ausgaben zu verzichten. Statt Markencola landet nun die Discounter-Eigenmarke im Einkaufswagen - wenn überhaupt. Zum Frühstück gibt es Müsli, den Tag über Stullen und am Abend Nudeln - wir leben uns ein.

Nun rückt das Wochenende näher. Wir bekommen Besuch von Freunden aus Berlin. Wir haben uns bereits ein kostengünstiges Bespaßungsprogramm ausgedacht. Statt Cocktails in einer Bar zu schlürfen, wollen wir zu Hause einen Spieleabend veranstalten. Und vielleicht können wir ja anstatt in einem Club auch in der Küche tanzen.

Die finanzielle Grundsicherung ist aber nur ein Aspekt von Hartz 4. Behördengänge, mögliche Sanktionen, die Stigmatisierung und das Gefühl, in einem reichen Land arm zu sein: All das werden wir während unseres Selbstversuchs nur schwer nachvollziehen können. Um deshalb einen besseren Einblick in das Thema "Leben mit Hartz 4" zu bekommen, haben wir bereits mit mehreren Leuten gesprochen, die auf diese finanzielle Unterstützung angewiesen sind oder waren. Die Artikel dazu sammeln wir auf der Themenseite www.ostsee-zeitung.de/Thema/H/Hartz-IV-Experiment. Dort gibt es auch einen Blog, indem wir täglich über den Fortgang des Experiments berichten.

Für uns endet der Selbstversuch am 31. März. Für viele andere - genauer gesagt für vier Millionen Deutsche - wird der Kreislauf des Regelsatzes erneut beginnen: Aufs Geld warten, Rechnungen bezahlen, die nötigsten Dinge einkaufen und hoffen, dass am Ende des Monats wenigstens etwas übrig bleibt, damit man eine kleine Rücklage bilden kann - falls beispielsweise die Waschmaschine kaputt geht.

Wir haben noch 24 Tage vor uns. Werden wir mit dem Geld hinkommen oder kommen noch ungeplante Ausgaben hinzu?

Christin Lachmann

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