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Greifswald Naturschützer gegen Landwirte: Die große Glyphosat-Kluft
Vorpommern Greifswald Naturschützer gegen Landwirte: Die große Glyphosat-Kluft
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05:30 25.07.2018
Erntefahrzeuge und Traktoren mit Strohpressen sind derzeit täglich auf den Feldern unterwegs, so wie hier auf der Insel Usedom. Quelle: Tilo Wallrodt
Greifswald

In etlichen Kommunalparlamenten Vorpommerns wird seit Monaten hitzig über die negativen Folgen des Unkrautvernichters Glyphosat gestritten. Zum einen steht das Pflanzengift unter dem Verdacht, krebserregend zu sein. Zum anderen schränkt es offenbar die Artenvielfalt ein, trägt eine Mitschuld am Insektensterben. Das zumindest sind die wichtigsten Argumente, mit denen Umweltschützer für das Verbot des weltweit am meisten verwendeten Unkrautvernichters kämpfen. Auf EU-Ebene wurde Glyphosat nach monatelangem Streit Ende 2017 für weitere fünf Jahre zugelassen. Deswegen gibt es vorerst nur eine Möglichkeit, die Nutzung zu unterbinden: Die Kommunalparlamente müssen beschließen, den Landwirten, die ihre Flächen pachten, ein solches Verbot in die Verträge zu schreiben. Bislang sind in Vorpommern alle Versuche gescheitert, das zu erreichen. Entsprechende Anträge wurden in Stralsund, Greifswald, Anklam und Ribnitz-Damgarten abgelehnt.

In Bergen auf Rügen haben die Stadtvertreter lediglich beschlossen, auf städtischen Flächen kein Glyphosat zu verwenden, also auf Sportflächen, Spielplätzen oder in Parkanlagen. Solche Einschränkungen sind in Stralsund und Greifswald seit Jahren üblich. Außerdem rufen die Bergener Stadtvertreter die Landwirte auf, sich „diesem Verzicht anzuschließen beziehungsweise die Verwendung stark einzuschränken“ – so steht es im Beschluss des Parlaments vom Februar. Ein Verbot ist das nicht.

Bürgerinitiativen kämpfen weiter

Trotzdem schwelen die Streitigkeiten um Glyphosat weiter. In Greifswald befindet sich eine Initiative in Gründung, die unter anderem vom Naturschutzbund, vom BUND, von Greenpeace und dem Verein Ostseelandschaft Vorpommern unterstützt wird. Diese Institutionen hatten sich vor dem Beschluss der Greifswalder Bürgerschaft Anfang Juli bereits in einem offenen Brief an die Mitglieder der Stadtvertretung gewandt. Auch in Ribnitz-Damgarten kämpft eine Bürgeriniative weiter für ein Verbot von Glyphosat und anderen gefährlichen Pestiziden. Der kürzlich abgelehnte Antrag der Stadtvertreter gehe auf den Schnellschuss eines einzelnen Parlamentsmitgliedes zurück. Die Bürgerinitiative selbst hat zum Ziel, dass Ribnitz-Damgarten eine pestizidfreie Kommune wird. Allerdings ohne Zeitdruck. Für die Mitglieder steht der Dialog mit den Landwirten im Vordergrund, wie eine Sprecherin betont.

Glyphosat-Verbot bringt neue Chemie auf den Markt

Landwirte aus der Region schütteln über die Art der Debatte den Kopf. Jörg Espig, Geschäftsführer der Usedomer Agrar GmbH und Vorstandsmitglied des Bauernverbandes Ostvorpommern, beklagt, dass es keine fachliche Auseinandersetzung gibt, sondern Glyphosat zum Politikum gemacht wird. „Die grünen Verbände sind aus der EU-weiten Debatte um Glyphosat als Verlierer herausgegangen, weil das Mittel weiter zugelassen wurde. Jetzt wollen sie alles tun, um Glyphosat doch noch zu verbieten“, sagt Espig. Worin der Erfolg bestehen soll, sehe er nicht. „Es gibt Alternativen zu Glyphosat, die würden wir im Fall eines Verbotes auch verwenden. Aber die sind weniger effizient, müssen damit vermehrt angewendet werden und sind teurer“, erklärt der Landwirt.Auch der Umweltschutzexperte Sebastian Schmidt aus Greifswald ist überzeugt, dass „in Kürze ein neues Mittel in den Regalen stehen wird“. Ihm geht es um ein komplettes Umdenken. „Wir müssen uns über Nachhaltigkeit unterhalten, darüber, was wir als sozial empfinden und wie wir leben wollen“, sagt der Geschäftsführer der Finc-Foundation, die sich für einen gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Umweltschutz stark macht.

Leitlinien für eine nachhaltige Landwirtschaft

Einen Schritt in diese Richtung geht die Stadt Greifswald aus Sicht des Oberbürgermeisters Stefan Fassbinder (Grüne) bereits. Er hatte sich zwar gegen das von seiner Partei beantragte Glyphosat-Verbot auf Flächen, die die Stadt verpachtet, ausgesprochen. Jedoch hat die Stadtverwaltung ein Konzept und Leitlinien für eine nachhaltige Landwirtschaft entwickelt. Demnach verpflichten sich die Landwirte freiwillig, so wenig Glyphosat wie möglich zu verwenden. Naturschützer bezeichnen das Papier als unambitioniert. Der grüne Oberbürgermeister hingegen lobt die vor fünf Jahren gegründete Greifswalder Agrarinitiative, in der sich Verpächter wie die Stadt Greifswald, die Universität und die Nordkirche regelmäßig mit Pächtern treffen, um über die Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft zu diskutieren. Etwas losere Gesprächsrunden gibt es auch in Stralsund unter Leitung von OB Alexander Badrow (CDU) und in Ribnitz-Damgarten.

Den Austausch zwischen Verpächtern, Politikern, Verwaltungen und Landwirten sieht Karin Pisch, Geschäftsführerin des Bauernverbandes Rügen, als richtigen Weg an. Auf der Insel gebe es hier noch deutlichen Nachholebedarf. „Wir müssen mit Stadtvertretern und Gemeinden ins Gespräch kommen und erklären, wie wir Glyphosat einsetzen und warum es wichtig ist“, sagt Pisch. Sie ist überzeugt: „Kein Landwirt spritzt Glyphosat nur so, sondern wenn es wirklich notwendig wird, allein schon weil das Pflanzenschutzmittel preisintensiv ist.“ Sie verweist darauf, dass alle Landwirte im Einsatz geschult sind.

Glyphosat-Anwendung vor der Ernte nur auf Antrag

„Außerdem müssen wir Landwirte jedes Mal einen Antrag stellen, wenn wir vor der Ernte Glyphosat aufbringen wollen“, erklärt der Usedomer Landwirt Jörg Espig. Die Genehmigung muss das Landespflanzenschutzamt erstellen. Die Mitarbeiter prüfen binnen 24 Stunden vor Ort, ob der Unkrautbefall tatsächlich so drastisch ist, dass der Einsatz des Totalherbizides gerechtfertigt erscheint. In diesem Jahr erwägt Espig, einen solchen Antrag zu stellen. „Wenn es extreme Wetterbedingungen gibt, so wie den vielen Regen im vergangenen Jahr oder die extreme Trockenheit in diesem Sommer, dann sind die Bedingungen für Unkraut besonders gut“, sagt Espig. Deswegen sei es dann mitunter notwendig, Glyphosat einzusetzen, um kurz vor der Ernte die Qualität zu sichern.

In anderen Jahren komme er ohne aus. Dann werde Glyphosat lediglich nach der Ernte gespritzt, um auf dem Acker alles Unkraut zu vernichten und den Boden damit für die neue Saat vorzubereiten.

Das Totalherbizid Glyphosat

40 Prozent – So groß ist der Anteil der Ackerflächen auf denen Glyphosat angewendet wird. Das Totalherbizid vernichtet alle Pflanzen, die damit gespritzt werden. Einzige Ausnahme sind Pflanzen, die durch genetische Veränderung gegen Glyphosat immun gemacht wurden. Da genmanipuliertes Saatgut in Deutschland verboten ist, spielt diese Anwendung hier jedoch keine Rolle.

Das Glyphosat greift das Chlorophyll – also die grünen Bestandteile – einer Pflanze an. Das ermöglicht zusätzlich eine Anwendung kurz vor der Ernte, wenn das reife Getreide kein Chlorophyll mehr enthält.

Katharina Degrassi

Die OZ sprach zu den Vorwürfen auch mit der Sprecherin des Polizeipräsidiums in Neubrandenburg, Carolin Radloff.

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