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Greifswald Neue Notaufnahme in Greifswald: „Wir machen niemals zu“
Vorpommern Greifswald Neue Notaufnahme in Greifswald: „Wir machen niemals zu“
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09:40 08.02.2019
Im Schockraum:Die Oberärztin der Neurologie, Sarah Bornmann mit Pflegedienstleiter Martin Mengel und Oberarzt Andreas Gibb. Quelle: Anne Ziebarth
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Greifswald

Hin und wieder erklingt noch das Geräusch einer Bohrmaschine, alles in allem ist das neue Vorzeigeobjekt Notaufnahme der Universitätsmedizin aber fertig. „Wir sind im Vollbetrieb“, erzählt Prof. Klaus Hahnenkamp, Leiter der Notaufnahme und stellvertretender Ärztlicher Vorstand. „Zwischen 80 und 120 Patienten kommen täglich zu uns in die Notaufnahme. In Spitzenzeiten, zum Beispiel am Wochenende, aber auch deutlich mehr.“ Rund 1000 Quadratmeter Fläche im Neubau bieten mehr Platz, breitere Gänge, mehr Behandlungsräume und den Raum, um das neue Konzept einer Zentralen Notaufnahme umzusetzen. Das alte Gebäude sei schlicht zu klein geworden, so Hahnenkamp. „Und die Patientenzahlen in der Notaufnahme steigen weiter an.“ Darunter seien viele Notfälle, aber auch Patienten, bei denen ein Besuch beim Hausarzt oder dem ärztlichen Notdienst wahrscheinlich ausgereicht hätte.

Zentrale Anlaufstelle für Patienten

Diese Tendenz ist bundesweit steigend, insbesondere außerhalb der Öffnungszeiten der Hausärzte fahren viele Menschen mit Grippe oder einem verstauchten Fuß direkt ins Krankenhaus, obwohl dafür eigentlich der Notdienst der niedergelassenen Ärzte zuständig ist. „Auch das haben wir in der Planung des Neubaus berücksichtigt“, sagt der Ärztliche Vorstand, Claus-Dieter Heidecke. „Es stehen Räume für Ärzte der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) bereit. Die könnten die Behandlung der Patienten übernehmen, die keine Notfälle sind.“ Eigentlich sollten die Räume bereits besetzt sein, doch die Verhandlungen mit der KV kommen nicht recht in Schwung. Dabei sei das doch eine Win-Win Situation, von der alle profitieren, findet Marie le Claire, kaufmännischer Vorstand des Klinikums. „Die kassenärztlichen Notdienste werden häufig nicht so stark frequentiert – und bei uns werden es immer mehr Patienten“, sagt le Claire. „Und für die Patienten ist es auch besser, eine zentrale Anlaufstelle zu haben.“

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Vom Schockraum bis zum MRT: Ärzte und Pfleger arbeiten künftig in hochmodernen Räumen. Vor allem haben sie mehr Platz.

Für die Greifswalder Klinik, die sich seit Jahren auf einem strikten Sparkurs befindet, wäre das auch ein Kostenaspekt. „Das Geld, das die Krankenkassen für ambulante Notfallpatienten übernehmen, deckt unsere Kosten nicht“, sagt Marie le Claire. „Wir erhalten rund 36 Euro pro Notfall-Patient – die tatsächlichen Kosten liegen aber deutlich darüber. Eine 2015 von der Deutschen Krankenhausgesellschaft vorgestellte Studie hat hier eine Summe von rund 120 Euro angesetzt, vermutlich sind die Zahlen heute noch höher.“ Menschen, die selbst in die Notaufnahme kommen, könnten künftig also erst kurz einem dort befindlichen Hausarzt vorgestellt werden, der dann entscheidet, ob ein Fall für die Notfallmedizin vorliegt oder ob die Behandlung in den Räumen der Kassenärzte weitergeht. „Das würde unsere Mitarbeiter natürlich entlasten“, so le Claire.

Ärzte aus vielen Fachrichtungen in der zentralen Notaufnahme

Derzeit wird die Notaufnahme nach einem Dienstsystem besetzt, das gewährleistet, dass stets ein Team von 21 Ärzten ganz unterschiedlicher Fachrichtungen des Klinikums vor Ort bereit steht. Ein Kinderarzt zum Beispiel, aber auch Unfallchirurgen oder Neurologen. „Jede entsprechende Abteilung des Hauses stellt Mitarbeiter für die Notaufnahme ab“, erklärt Professor Hahnenkamp. Vorher hatten viele Abteilungen ihre eigenen Ambulanzen. „Der Patient musste selbstständig entscheiden, ob er sich beispielsweise an die Chirurgie oder die Neurologie wendet.“ Das entfällt jetzt. Nur rund vier Minuten dauert der erste Check des Patienten, dann wird der Notfall an die passenden Ärzte der Notaufnahme weitervermittelt.„Die Patienten werden nicht mehr quer durch das ganze Krankenhaus geschickt“, sagt Hahnenkamp. „Wenn es schlecht lief, mussten die Patienten in der Vergangenheit zweimal warten.“

Die neue Notaufnahme

22 Millionen Euro hat der Neubau der Notaufnahme des Uniklinikums gekostet, die Summe wurde vom Land übernommen. Die Bauzeit betrug rund zweieinhalb Jahre. Mit dem neuen Gebäude wird das Ziel der zentralen Notaufnahme erreicht, also einer einzigen Anlaufstelle für viele unterschiedliche medizinische Notfälle. Aktuell arbeitet in der Notaufnahme ein Team von 37 nichtärztlichen Mitarbeitern, wie zum Beispiel Krankenpfleger. Dazu kommen 21 Ärzte und Ärztinnen aus den verschiedenen Fachrichtungen, wie zum Beispiel Chirurgen, Kinderärzte oder Neurologen.

Durch den Neubau sind fast 1000 Quadratmeter Platz geschaffen worden, elf Behandlungsräume stehen zur Verfügung, inklusive einer „Über-Nacht-Station“ sind 88 Betten vorhanden. Rund 100 Menschen werden pro Tag in der Notaufnahme behandelt. Diese Zahl hat sich in den letzten 25 Jahren vervierfacht, was auch auf bessere gesundheitliche Aufklärung, zum Beispiel über Schlaganfälle zurückzuführen ist.

Sämtliche Untersuchungen – vom Röntgen bis zum MRT – finden in der Notaufnahme statt, die Schlaganfall-Abteilung mit Computertomograph schließt unmittelbar an, ein Fahrstuhl kann Patienten direkt auf die Intensivstation bringen. Über wie viele Mitarbeiter die neue Notaufnahme endgültig verfügen wird, steht noch nicht fest. Vier neue Pflegestellen und zwei Arztstellen seien schon hinzugekommen. „Wir müssen jetzt sehen, wie sich der Bedarf entwickelt“, sagt Hahnenkamp. „Bislang sind es nur die 37 Krankenpfleger, medizinische Fachangestellte und Notfallsanitäter, die der Notaufnahme fest zugeordnet sind. Es soll aber darauf hinauslaufen, dass wir auch ein festes Ärzteteam in der Notaufnahme haben. Dann müssen wir sehen, ob das Personal reicht.“

Viel Platz für Patienten, Mitarbeiter und Rettungssanitäter

Besonders froh sind Ärzte und Pfleger der Notaufnahme über die neue Großzügigkeit des Raumangebots sowohl für Mitarbeiter als auch für Patienten. „Wir haben viel mehr Platz, es ist nicht so eng“, beschreibt Oberarzt Andreas Gibb die Vorzüge der neuen Notfallmedizin. „Uns stehen mehr Behandlungsräume und dementsprechend auch mehr Betten zur Verfügung. Das heißt: Die Zeit, in der Notfallpatienten kurzfristig auf dem Flur untergebracht werden mussten, ist hoffentlich vorbei.“ Neben speziellen Behandlungsräumen mit Fachausstattung, gibt es drei Schockräume für lebensbedrohlich Verletzte und Räume für infektiöse Patienten, von denen eine Ansteckungsgefahr ausgeht.

Auch neue Wartebereiche wurden geschaffen, ein Aufenthaltsraum für Rettungskräfte, sogar auf Notfälle mit einer potenziellen Seuche ist man dank eines Raumes mit Schleuse vorbereitet. Mit der zentralen Notaufnahme, der umfangreichen Ausstattung sowie dem qualifizierten Personal erfüllt die Uniklinik künftig die Bedingungen für eine Einstufung in die Kategorie 3 im System der Notfallversorgung des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) und gilt als „umfangreicher Notfallversorger“. Diese Bewertung ist nicht nur mit Zuschüssen der Krankenkassen verbunden, sondern auch mit Vorgaben, etwa dass ein als Notfall eingestufter Patient innerhalb von 30 Minuten von einem Facharzt untersucht wird. Auch die „Öffnungszeit“ ist hier vorgegeben. „Andere Krankenhäuser melden sich über Nacht ab. Wir sind 24 Stunden für die Patienten da, sieben Tage die Woche“, sagt Klaus Hahnenkamp. „Wir schließen nie.“

Anne Ziebarth

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