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Greifswald Neues Atomlager für Castoren in Lubmin ohne heiße Zelle
Vorpommern Greifswald Neues Atomlager für Castoren in Lubmin ohne heiße Zelle
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09:21 10.05.2019
Blick in die Halle 8 des atomaren Zwischenlagers in Lubmin. Die Halle genügt nicht mehr den verschärften Sicherheitsstandards zur Lagerung von Castoren. deshalb soll neu gebaut werden. Foto: Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa
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Lubmin

Der in Lubmin gelagerte hochradioaktive Atom-Abfall wird voraussichtlich ab 2025 aus Gründen des Terrorschutzes umgelagert. Das sind zumindest die Pläne des bundeseigenen Entsorgungswerks für Nuklearanlagen (EWN). Um die nach 2011 bundesweit erhöhten Sicherheitsanforderungen für Atom-Zwischenlager zu erfüllen, sollen die 74 Castoren mit Brennelementen aus Lubmin, Rheinsberg, Karlsruhe und aus dem atombetriebenen Forschungsschiff „Otto Hahn“ künftig in einem monolithischen Stahlbetonbau mit 1,80 Meter dicken Wänden deponiert werden. Für den seit mehr als einem Jahr angekündigten Neubau, der auf dem EWN-Gelände nahe dem bestehenden Zwischenlager Nord entstehen soll, will das Unternehmen nun Ende Mai/Anfang Juni die Genehmigungsanträge einreichen.

Der Umweltverband BUND und die Grünen kritisieren, dass in den Planungen für den Neubau keine heiße Zelle vorgesehen ist, in der – wenn erforderlich – defekte Atombehälter ferngesteuert durch Roboter geöffnet und neu verpackt werden können. „Wir müssen damit rechnen, dass es bis 2039 kein bezugsfertiges Endlager geben wird und die Castoren noch Jahrzehnte in den Zwischenlagern stehen werden“, sagte der BUND-Atomexperte Fabian Czerwinski. Alle Zwischenlager-Neubauten sollten deshalb mit heißen Zellen ausgerüstet werden, um die Behälter vor dem Ablauf der Genehmigung auf mögliche Schäden untersuchen zu können. In ähnliche Richtung zielt auch die Kritik der Grünen: „Die Castoren haben einen Sicherheitsnachweis für 40 Jahre. Wir können aber davon ausgehen, dass die Atombehälter länger als 40 Jahre im Zwischenlagern deponiert sein werden“, sagte die Landes-Vorsitzende der Grünen, Ulrike Berger.

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Gelände für neues Castor-Lager soll aufgeschüttet werden

Die Grünen wollen aus diesem Grund ein vom EWN geplantes regionales Bürgerforum am 18. Mai kritisch begleiten – wie das geschehen soll, will Berger noch nicht sagen. Dann nämlich – etwa zwei Wochen, bevor das EWN die Neubau-Anträge beim Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) einreicht – sollen die Anwohner um Lubmin informiert werden. Die nicht sicherheitsrelevanten Eckdaten sind seit wenigen Tagen auf der EWN-Website veröffentlicht: Vor dem Bau des 135 Meter langen Gebäudes soll das Gelände auf über 5,50 über Normal angeschüttet werden, um damit die kerntechnischen Anforderungen eines alle 10000 Jahre eintretenden Hochwasser zu erfüllen. Mehr als 74 Castoren-Stellplätze soll es in der Halle mit einem Verlade-, Wartungs- und Lagerbereich nicht geben. Auch bleibt demnach der beantragte Aufbewahrungszeitraum auf 40 Jahre nach Castor-Verschluss begrenzt. Der erste Behälter wurde 1996 verschlossen, der letzte 2011. Das heißt, die Aufbewahrungsgenehmigung für den letzten Behälter soll 2051 enden.

Nach den Terroranschlägen in New York und mehreren europäischen Staaten sowie einer neuen Gefahrenbewertung von Täterprofilen und Waffensystemen wurden im Frühjahr 2011 alle Betreiber von Atom-Zwischenlager aufgefordert, ihre Sicherheitsmaßnahmen zu verschärfen. Das EWN – damals noch unter dem Namen Energiewerke Nord – hatte im Sommer 2015 seinen Antrag zur sicherheitstechnischen Nachrüstung des bestehenden ZLN an das damals zuständigen Bundesamt für Strahlenschutz zurückgezogen, nachdem sich dieser als nicht genehmigungsfähig erwiesen hatte. Nun will des Unternehmen ein Ersatzlager für die Lagerung der 74 Castoren errichten.

Die Anwohner erfahren einiges, aber nicht alles. „So offen wie möglich, aber so zugleich so vorsichtig wie nötig“, betonen die Geschäftsführer Henry Cordes und Jürgen Ramthun in der zum Download bereitgestellten Broschüre. Schließlich gehe es um geheimhaltungsbedürftige Aspekte wie den Schutz des Zwischenlagers vor Terror und Sabotage. Auf konkrekte Presse-Nachfragen will sich das EWN vor dem Bürgerforum nicht äußern. Man wolle derzeit eine „Sekundärdiskussion“ vermeiden, hieß es.

Lediglich Raumreserve für heiße Zelle

Auf der firmeneigenen Website ist zu erfahren, dass das EWN eine Ausrüstung des Ersatzlagers (Estral) mit einer heißen Zelle derzeit für überflüssig hält. Begründung: „Ein Öffnen des Primärdeckels ist im Reparaturkonzept nicht vorgesehen.“ Sollte es zu dem äußerst unwahrscheinlichen Fall kommen, dass ein Sekundärdeckel undicht wird, will der Atomentsorger diesen austauschen. Sollte ein Primärdeckel undicht werden, soll ein zusätzlicher Deckel über dem Sekundärdeckel aufgesetzt werden.

Dennoch reserviert das EWN bereits jetzt einen Bereich für eine mögliche Nachrüstung mit einer heißen Zelle – “für den hypotetischen Fall, dass sich die Anforderungen an die Zwischenlagerung grundlegend ändern sollten“. Der Grünen-Politikerin Berger reicht das nicht:„Im Falle einer Materialermüdung oder bei Veränderungen im Innern des Castors muss man jederzeit die Option haben, den Primärdeckel zu öffnen.“ In Deutschland verfügt derzeit kein Atom-Zwischenlager über eine heiße Zelle.

Umweltverband fordert breitere Öffentlichkeitsbeteiligung

Der BUND hätte sich von dem EWN eine breitere Öffentlichkeitsbeteiligung gewünscht, möglichst nach dem Standard VDI 7000, der nach dem Bau von Stuttgart 21 als Vorbild für eine transparente Beteiligung gilt. Der Bau des Zwischenlagers sei ein Thema für ganz Mecklenburg-Vorpommern, sagte der promovierte Physiker Czerwinski. Den Kreis der Öffentlichkeit mit einer Veröffentlichung in einem regionalen Anzeigenblatt auf die Bewohner um Lubmin zu beschränken, sei nicht korrekt. Zudem sei der Termin für die Einreichung der Anträge beim Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) Anfang Juni ziemlich eng gesetzt, so dass Anregungen nicht eingearbeitet werden könnten. „Hier müsste eigentlich der Grundsatz Gründlichkeit vor Schnelligkeit gelten.“

EWN-Information zum Estral 

Martina Rathke

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