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Greifswald Nie wieder im Wartezimmer sitzen
Vorpommern Greifswald Nie wieder im Wartezimmer sitzen
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16:32 26.06.2018
So könnte das neue Care-Center aussehen.
So könnte das neue Care-Center aussehen. Quelle: Peter Röhr
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Greifswald

Digitale Technik soll hiesige Arztpraxen revolutionieren. Wie das geht, soll das Carecenter zeigen, das im kommenden Jahr am Museumshafen eröffnet.

Warum haben Sie sich für das Gesundheitszentrum einen Standort ausgesucht, an dem keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren? Wäre eine Bushaltestelle vor der Tür nicht sinnvoll?

Claus-Peter Röhr: Nein. Der Standort ist ideal, weil wir am Museumshafen auf der einen Seite Tourismus haben und auf der anderen Seite Betriebe wie Hanseyachts, mit denen wir zusammenarbeiten.

Wer ist denn genau Zielgruppe für Ihr Carecenter?

Touristen, die sich angucken wollen, wie eine digitale Arztpraxis funktioniert. Unternehmen, die betriebsärztliche Untersuchungen anbieten wollen, und Hausärzte, die sich bei uns angucken, wie eine digitale Arztpraxis funktioniert und das Konzept dann bei uns einkaufen können. Von der Software bis zum Bild an der Wand stellen wir alles für die Einrichtung der Praxen.

Was ist denn so ein Carecenter überhaupt genau?

Das ist eine Praxis, die an ein Klinikum angedockt ist und sich an mittelständische Betriebe richtet. Diese können ihr Personal zur betriebsärztlichen Untersuchung in unser Carecenter schicken. Das ist eine zentrale Maßnahme zur Gesunderhaltung. Wir haben uns überlegt, wie wir am besten Personen erreichen können. Da ein Großteil der Menschen arbeitet, geht das am effizientesten über den Betrieb. Der hat ein Interesse daran, dass die Mitarbeiter möglichst wenig krank sind. Unser Ansatz ist es, Firmen vor dem Ausfall der Mitarbeiter zu bewahren und die Menschen vor Burnout oder chronischen Gelenkschmerzen. Man kann sehr viel machen, wenn die Leute rechtzeitig kommen.

Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, ob Ihr Konzept aufgeht?

Daran arbeiten wir. Die an der Unimedizin Greifswald angesiedelte Ship-Studie verfolgt beispielsweise diesen ganzheitlichen Ansatz. Der Mensch wird in seiner gesamten Komplexität betrachtet. Wenn ich Stress mit dem Ehepartner habe oder finanzielle Probleme wirkt sich das auf die Gesundheit aus. Wir arbeiten seit acht Jahren eng mit der Unimedizin zusammen. Dort wird wissenschaftlich eine sehr gute Leistung erbracht.

Ist die Zusammenarbeit mit der Unimedizin der Grund, dass Sie sich in Greifswald ansiedeln?

Ja, hier entsteht unser Hauptsitz mit 35 Arbeitsplätzen. Die Ship-Studie ist bundesweiter Vorreiter, wenn es um das Thema geht, wie man Menschen gesund erhält. Im Carecenter in Braunschweig arbeiten vier Personen, weitere im Carecenter in den USA. Bis 2020 soll es in jedem Bundesland ein Carecenter geben. In Greifswald werden wir unsere Hard- und Software produzieren sowie den Service für die Standorte weltweit durchführen. Unser Personal werden wir von der Fachhochschule Stralsund bekommen, wo Gesundheitsinformatik gelehrt wird. Die Absolventen sind hervorragend für uns geeignet.

Was produzieren Sie für Hard- und Software?

Unsere Entwicklung ist das sogenannte Präventiometer. Das ist eine Plattform für medizinische Geräte, mit der bis zu 17 Untersuchungen gebündelt angeboten werden können. Für den Patienten bedeutet das eine immense Zeitersparnis, weil er alle Untersuchungen auf einmal machen lassen kann, statt Extratermine beim Augenarzt, für die Untersuchung der Lunge oder Leber zu vereinbaren. Sie können an das Präventiometer jedes Gerät anschließen und die Daten komplex auswerten. Zweiter Kern unserer Arbeit ist die sogenannte Digitale Arztpraxis. Das Konzept entlastet Hausärzte durch ein digitales Management massiv bei den administrativen Aufgaben. Unsere Software bringt Zeitersparnis von bis zu 50 Prozent. Hausärzte sollen in unseren Showroom am Museumshafen kommen, sich so eine digitale Praxis ansehen und dann richten wir diese für den Arzt ein.

Was ist in der digitalen Arztpraxis anders als bei meinem Hausarzt?

Es gibt kein Wartezimmer mehr. Dort besteht Ansteckungsgefahr. Nehmen wir an, Sie haben einen Termin um 9.45 Uhr. Sollte es zu einer Verschiebung kommen, werden Sie per SMS informiert, dass es länger dauert. Sie können dann ins nächste Café gehen und einen Tee trinken statt im Wartezimmer zu sitzen. Durch die digitale Verknüpfung Ihrer Daten kann der Arzt Sie umfassender untersuchen und hat vor allem mehr Zeit für Sie, weil der administrative Aufwand deutlich sinkt. In den Folgewochen werden sie von einem sogenannten Patientencoach betreut.

Was ist das?

Der Patientencoach ist eine Person, die eine medizinische Ausbildung hat, beispielsweise eine Krankenschwester, ein Krankenpfleger. Sie bekommen eine Zusatzausbildung für das Coaching und sollen beispielsweise chronische Patienten digital betreuen. Sie melden sich in regelmäßigen Abständen bei den Patienten oder die Kunden rufen an, wenn sie Fragen zu den Medikamenten oder ähnlichem haben. Der Arzt erstellt einen Behandlungsplan, der Coach betreut. Studien, auch die Ship-Studie, haben ergeben, dass der regelmäßige Kontakt extrem wichtig für den Erfolg ist.

Das klingt teuer.

Im Gegenteil. Der Arzt hat dann mehr Kapazitäten, um sich um den Patienten zu kümmern, weil der Coach ihm einen Teil der Aufgaben abnimmt. Ein Coach ist ja billiger als ein Arzt.

Funktioniert eine telefonische Betreuung für ältere Menschen?

Am Anfang müssen die Leute persönlich abgeholt werden, sie müssen den Coach persönlich treffen. Das gilt für alle Altersgruppen. Denn nicht jeder Coach ist geeignet mit jedem Patienten zu arbeiten. Sie müssen die Person am anderen Ende sympathisch finden. Gerade für ältere Menschen ist der enge Kontakt zum Coach eine tolle Chance, denn er hat mehr Zeit als der Arzt. Viele Menschen gehen heute wegen kleiner Probleme zum Arzt, die auch ein Patientcoach lösen kann.

Gibt es etwas Vergleichbares bei den betrieblichen Checkups? Die Menschen, die dort hinkommen, sind ja in der Regel nicht krank.

Dort gibt es einen Präventionscoach. Bereits während der medizinischen Untersuchung werden die Kunden von Personal begleitet und Vertrauen über Gespräche aufgebaut, um sie ganzheitlich kennenzulernen. Der Coach könnte während der weiteren Betreuung dann Yoga empfehlen oder Autogenes Training. Er analysiert, in welchem Bereich Veränderungen notwendig sind. Der Präventionscoach ruft die Kunden immer wieder an, verwickelt sie in Gespräch.

Wie werden die Untersuchungen finanziert?

Die Carecenter sollen an Kliniken angedockt und von Betrieben finanziert werden, die die gesetzliche Pflicht, einen Betriebsarzt vorzuhalten, dorthin ausgliedern. Im Fall der digitalen Arztpraxis wollen wir den Hausärzten Leasing anbieten. Wenn Sie als Kunde zu uns an den Museumshafen kommen möchten, können Sie eine Komplettuntersuchung für schätzungsweise 150 Euro buchen. Eine anschließende Betreuung durch einen Coach würde eine erneute Gebühr kosten.

Interview: Katharina Degrassi

Katharins Degrassi

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