Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald „Niemand sollte Schulgeld zahlen“
Vorpommern Greifswald „Niemand sollte Schulgeld zahlen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:05 30.03.2018
Nils Kleemann ist seit der Gründung im Jahr 1994 Leiter der Greifswalder Montessorischule.
Nils Kleemann ist seit der Gründung im Jahr 1994 Leiter der Greifswalder Montessorischule. Quelle: Peter Binder
Anzeige
Greifswald

OZ: Sie kritisieren schlechte Rahmenbedingungen für Schulen in MV. Was müsste sich ändern?

Nils Kleemann: Die staatliche Seite muss die Dinge absichern, die sie von den Schulen verlangt. Dazu gehört, dass das Land für eine ausreichende Anzahl an Lehrern sorgt. Wo sollen zum Beispiel Chemie- und Physiklehrer herkommen, wenn wir sie in Greifswald nicht ausbilden? Die Universität Greifswald muss diese Fächer unbedingt wieder anbieten.

OZ: Aus Rostock?

Kleemann: Die gucken nach Berlin, Hamburg oder bleiben in Rostock. Nach Greifswald verirrt sich vielleicht mal eine Physiklehrerin, weil ihr Mann an der Uni eine Stelle kriegt.

OZ: Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) lobt ihre Lehrermarktingkampagne als sehr erfolgreich.

Kleemann: Land investiert eine Million Euro in Werbung, um Lehrer aus anderen Bundesländern abzuwerben. Und spätestens nach einem Jahr merken die Lehrer, dass die Rahmenbedingungen hier nicht so sind, wie ihnen versprochen wurde. Die eine Million Euro sollte direkt an die beiden Universitäten gegeben werden, jeder hätte dann eine halbe Million Euro für die Lehrerausbildung. Das wäre sinnvoll.

OZ: Das Land verbeamtet mittlerweile Lehrer. Das ist ein Wettbewerbsnachteil für sie als Schule in freier Trägerschaft. Spüren Sie das?

Kleemann: Ja und nein. Wir haben Lehrer, die deswegen nicht zu uns kommen oder deswegen gegangen sind und wir haben Lehrer, die gerade deswegen zu uns kommen. Diese Lehrer reizt nicht die Verbeamtung, sondern das Konzept unserer Schule. Etwas besseres kann es doch gar nicht geben. An einer staatlichen Schulen können Sie nicht sicher sein, ob sich der Lehrer wegen der Verbeamtung oder wegen des Schulkonzepts beworben hat.

OZ: Sie haben also keine Sorgen, künftig noch Lehrer zu finden?

Kleemann: Für die gesamte Schullandschaft ist das ein riesiges Problem. In den kommenden Jahren werden für jedes Schuljahr hunderte Lehrer gesucht. Allein für 2021 werden 700 Lehrer an den staatlichen Schulen gesucht. Das bekommen aber nicht vorrangig die Schulen in Greifswald, Stralsund und Rostock zu spüren, sondern in Anklam und Ueckermünde. Ich bin froh, dass ich dort nicht Schule machen muss. Wir werden uns gegenseitig die guten Lehrer abjagen. Wer sie bekommt, kann gute Schule machen, die anderen schaffen es nicht. Besser wäre, der Staat fängt gestern an, Lehrer auszubilden. Die Ausstattung der Räume ist nachrangig. Wir brauchen engagierte Lehrer, die die Visionen haben.

OZ: An der Montessorischule fällt kein Unterricht aus. Wie schaffen Sie das?

Kleemann: Auf den Schultern der Kollegen, die dann aushelfen. Wir arbeiten normalerweise in kleineren Lerngruppen, können im Krankheitsfall auf größere Lerngruppen zurückgreifen, die im staatlichen System bereits üblich wären. Bei uns sind es normalerweise 17 Schüler und dann sind es eben 34. Im Gegensatz zu den staatlichen Schulen bekommen wir leider keine Mittel für Vertretungslehrer. Warum das so ist, verstehe ich absolut nicht. Gibt es das Recht auf Vertretungsunterricht nur für die 90 Prozent Schüler an staatlichen Schulen? Der Landtag hat ein 50-Millionen-Euro-Programm für Bildung beschlossen. Was das Ministerium umgesetzt hat, ist ein Programm für 90 Prozent der Kinder an öffentlichen Schulen.

OZ: Damit sind Sie als Schule in freier Trägerschaft benachteiligt.

Kleemann: Die Eltern und die Familien sind benachteiligt. Der Landtag beschließt ein 50-Millionen-Euro-Programm für Bildung und schließt die Kinder an Schulen in freier Trägerschaft aus.

OZ: Als Schule in freier Trägerschaft finanzieren Sie sich über Schulgeld. Aktuell sind es 210 Euro im Monat.

Kleemann: Das ist notwendig, weil der Staat das Geld den Familien nicht zur Verfügung stellt. Er spart jedes Jahr an einem Kind, das eine Schule in freier Trägerschaft besucht, 2000 Euro. Warum? Der Staat hat für seine Kinder Geld zur Verfügung zu stellen. Es ist absurd, dass Schulen Schuldgeld nehmen müssen. Fast ein Drittel der Greifswalder Eltern gibt ihre Kinder in eine Schule, für die Schulgeld gezahlt werden muss. Das geht vollkommen in die falsche Richtung. Ich bin für kostenlose Bildung.

OZ: Trotz dieser Bedingungen haben Sie sich entschlossen, die Schule zu erweitern und bauen jetzt ein neues Schulgebäude für eine Oberstufe.

Kleemann: Wir haben uns entschlossen, eine Oberstufe anzubieten, weil sich das die Eltern gewünscht haben und schließlich auch der Träger die Initiative unterstützt hat. Wir freuen uns auf die Herausforderung, haben aber auch Respekt vor der Aufgabe, denn die Bedingungen sind alles andere als ideal. Klar ist: Wenn wir etwas machen, dann machen wir das richtig gut.

OZ: Wann geht es los?

Kleemann: 2019 ziehen die ersten Schüler in das neue Gebäude ein. Im Sommer 2022 legen zum ersten Mal Schüler aus der Montessorischule in Greifswald ihr Abitur ab. Derzeit haben wir 530 Schüler, perspektivisch wollen wir wachsen auf 730 und bis zum Abitur zweizügig werden.

OZ: Seit einigen Jahren wird viel über Inklusion gesprochen. An Ihrer Schule leben Sie die Integration sozial auffälliger Kinder und solcher mit Lernschwierigkeiten vom Konzept her seit Jahren vor. Wie machen Sie das?

Kleemann: Inklusion heißt, jedem einzelnen Kind gerecht zu werden. Es geht nicht darum, behinderte Kinder in Klassen zu stecken.

OZ: Wie werden Sie jedem Kind gerecht?

Kleemann: Bei den jüngeren Kindern arbeiten wir sehr stark mit didaktischen Lernmaterialien, die es uns ermöglichen, sehr individuell auf die Kinder einzugehen. In den oberen Klassen geht es eher um selbstverantwortliches Lernen und darum, Strukturen zu schaffen, die es ermöglichen zu lernen.

OZ: Was wünschen Sie sich am dringendsten vom Staat?

Kleemann: Ich möchte endlich, dass sich der Staat zu Qualität an Schulen bekennt und dann auch bereit ist, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Ich wünsche mir, dass der Staat die Schüler an öffentlichen und privaten Schulen in gleicher Weise unterstützt. Ich habe Familien, die können das Schulgeld nicht zahlen. Die schließen wir aber nicht auf, sondern ermäßigen das Schulgeld. Bei den Kindertagesstätten übernimmt der Staat die Kosten, wenn die Eltern die Gebühren nicht bezahlen können. Dabei ist die Kita eine freiwillige Aufgabe. Es gibt aber eine Schulpflicht und trotzdem übernimmt der Staat die Kosten für das Schulgeld nicht, wenn die Eltern ein geringes Einkommen haben. Hat der Staat etwa Angst, dass die privaten Schulen mit den gleichen Mitteln, die jede öffentliche Schule hat, bessere Arbeit machen könnten und damit die Schwächen des öffentlichen Schulsystems offenbart werden?

Degrassi Katharina

29.03.2018
29.03.2018
29.03.2018