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Greifswald Nur heiße Luft? Dahlemann und die Pommern-Akten
Vorpommern Greifswald Nur heiße Luft? Dahlemann und die Pommern-Akten
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11:48 07.03.2019
Vorpommern-Staatssekretär Patrick Dahlemann auf Kurs Quelle: Christian Rödel
Greifswald

Im September 2017 gab Vorpommern-Staatssekretär Patrick Dahlemann (SPD) im Landtag ein großes Versprechen: Kurzfristig würden 50 000 Euro aus dem Vorpommern-Fonds für die Restaurierung der beschädigten Pommern-Akten im Landesarchiv Greifswald zur Verfügung gestellt.

Doch die angekündigte Finanzspritze ist nicht geflossen. Wie eine OZ-Anfrage bei den zuständigen Landesministerien ergab, wurde das von Dahlemann aus dem Fonds zugesagte Geld nie gezahlt. „Durch eine geänderte Prioritätensetzung und unter Inanspruchnahme der zur Verfügung stehenden haushaltsrechtlichen Deckungsmöglichkeiten können Mittel für die Sanierung der Akten aus anderen Haushaltstiteln verwendet werden“, lautet die Antwort, die das Kultusministerium in Abstimmung mit dem Finanzministerium und der Staatskanzlei gab und nur eines bedeutet: Das Geld, das Dahlemann in seiner Rede ankündigte, kam nie an.

Stattdessen verweist das Land in seiner Antwort auf die regulären Haushaltstitel, aus denen in den Landesarchiven Schwerin und Greifswald und der Landesbibliothek die dauerhafte Sanierung von Archivgut mit jährlich rund 60 000 bis 70 000 Euro finanziert wird – und das schon seit Jahren. Die in seiner Rede angekündigten Mittel, stellte Dahlemann jetzt klar, sollten nie als zusätzliche Finanzspritze fließen – sondern nur dann, wenn das Kultusministerium die bereits regulär geplanten Gelder nicht zügig zur Verfügung gestellt hätte. „Hätte das nicht geklappt, hätten wir das Geld bereitgestellt“, so der SPD-Politiker.

Die unter dem Namen Pommern-Akten geführten Überlieferungen umfassen Stadt- und Kirchenbücher, Einwohnerlisten sowie Innungsakten, die zu Kriegsende in Stettin ausgelagert und dann später in Greifswald zusammengeführt wurden. Wegen einer nicht sachgerechten Lagerung vor allem in den ersten Jahren nach Kriegsende sind die Akten durch Feuchtigkeit und Schimmel stark angegriffen. „Knapp 15 Prozent des etwa drei Kilometer Länge umfassenden Bestandes – also etwa 400 Meter – gelten als stark restaurierungsbedürftig und sind deshalb für die Nutzung gesperrt“, so der Direktor des Landesarchivs, Martin Schoebel.

Die Restaurierung von einem Meter des Aktenbestandes kostet seinen Angaben zufolge rund 40 000 Euro. Damit würde die Sanierung der allein in Greifswald gelagerten beschädigten Akten etwa 400 Jahre dauern. Die CDU macht seit Jahren Druck, mehr Geld für die Restaurierung der Akten zur Verfügung zu stellen.

Umso mehr zeigte sich nun der Greifswalder CDU-Landtagsabgeordnete Egbert Liskow irritiert von dem Eingeständnis des Vorpommern-Staatssekretärs. „Wir alle sind davon ausgegangen, dass es sich bei der Dahlemann-Ankündigung um zusätzliches Geld handelt“, erinnert er sich an die Landtagssitzung. Ziel sei es doch gewesen, mit diesen weiteren Mitteln einen wirklichen Fortschritt bei der Sanierung der Pommern-Akten zu erreichen.

Liskow sieht sich durch ein Video gestützt, das sich noch heute auf der Seite der SPD-Fraktion findet – aufgenommen einen Tag nach der Sitzung vom 27.9.2017. In dem Video bedankt sich Dahlemann zunächst wortreich bei Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD). Dann kommt der entscheidende Satz: „Deshalb haben wir uns verständigt, mit einer Soforthilfe von 50 000 Euro auch aus dem Vorpommern-Fonds bei den dringendsten Akten handeln zu können.“ Auch seine am Vortag auf der Sitzung gehaltene Rede findet sich noch im Netz. In ihr versprach der SPD-Mann eine zügige Umsetzung.

Brisant ist, dass Dahlemann mit seiner Ankündigung einen Antrag der AfD-Fraktion abbügelte. Diese hatte gefordert, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, den in Greifswald gelagerten Aktenbestand zur Geschichte Pommerns zu sichten und beschädigte Akten in einen gebrauchsfähigen Zustand zu versetzen.

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Schon im vorigen Jahr gab es Unmut wegen finanzieller Zusagen des Vorpommern-Staatssekretärs. Der Greifswalder Konzert-Veranstalter Marcel Glöden wartet noch heute auf die 30 000 Euro, die ihm für 2017 aus dem Vorpommern-Fonds für die Finanzierung von Pop-Konzerten versprochen waren. „Ich hatte in der letzten Woche ein Gespräch mit Herrn Dahlemann. Das Geld für 2017 soll kommen“, zeigte sich Glöden zuversichtlich. Wegen der hohen Verluste hatte der Geschäftsführer vom „Haus Neuer Medien“ für 2019 das Aus für die Sundkonzerte (Stralsund), die Boddenklänge (Greifswald) und das Schlagerfestival (Anklam) verkündet. Nur in Wolgast wird es mit Unterstützung der Stadt ein Johannes-Oerding-Konzert geben.

Dahlemann hat kein Problem damit, dass es sich bei den in seiner Landtagsrede versprochenen 50 000 Euro um Mittel handelte, die bereits im Haushalt unter anderem Titel geplant waren. Letztendlich sei er froh, dass damals das Geld aus dem Ministeriums-Etat zügig floss. „Denn der Vorpommern-Fonds ist gnadenlos überzeichnet.“

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