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Greifswald Professor: Friedrich-Blick wird zerstört
Vorpommern Greifswald Professor: Friedrich-Blick wird zerstört
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01:24 05.03.2015
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Greifswald

Windräder werden in Zukunft Teil der vielgerühmten Greifswalder Silhouette sein. Denn der Windpark bei Hinríchshagen wird mit neuen und größeren Mühlen aufgerüstet.

Repowering nennt man das im Neudeutschen. Vorgesehen sind sechs Anlagen mit einer Nabenhöhe von 94 Metern (die OZ berichtete). Der Rotordurchmesser beträgt 112 Meter, das ergibt 150 Meter Höhe insgesamt bis zur Flügelspitze. Eine der Anlagen werde künftig neben der Jacobikirche zu sehen sein, ist Bauamtsleiter Thilo Kaiser überzeugt.

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Für Kilian Heck, Professor für Kunstgeschichte in Greifswald, ist die Errichtung immer neuer Windkraftanlagen in der weiten norddeutschen Landschaft ein großes Problem. „Mecklenburg-Vorpommern läuft gegenwärtig Gefahr, in vielen Abschnitten seine Kulturlandschaft zu zerstören“, sagt er. Wenn die Pläne für den Bau neuer Windparks vor der Küste wahr würden, dann könnten die Besucher künftig von der Halbinsel Jasmund mit den berühmten Kreidefelsen auf Windräder blicken, argumentiert er. „Wir stellen uns die Horizonte zu.“

Und die Horizontlinie, das sei ein bestimmendes Element der Kunst des romantischen Malers Caspar David Friedrichs, mit dem sich Greifswald und MV so gern schmückten. „Der Künstler hat die Ansicht der Stadt mehrfach von verschiedenen Seiten gemalt“, betont Heck. „Also nicht nur den sogenannten Caspar-David-Friedrich-Blick, wie wir ihn von den ,Wiesen bei Greifswald‘ in der Hamburger Kunsthalle kennen. Er zeigt Greifswald von Nordwesten.“ Schon die jetzt bei Hinrichshagen stehenden Anlagen hätten nicht sein dürfen, meint der Kunsthistoriker. 

Die Aufstellung der Windmühlen konterkarierten auch die Greifswalder Bemühungen, mit ihrem großen Sohn zu werben, beispielsweise mit einem Bildweg durch Stadt und Umgebung. Eine Station ist der Neue Friedhof, der Standort des Blicks auf Greifswald wie auf dem Hamburger Bild. Den Einwand, dass Friedrich auch schon Bockwindmühlen am Weg nach Greifswald darstellte, lässt der Professor nicht gelten.

„Die Dimensionen sind  ganz andere“, sagt er. „Die neuen Windräder sind 50 Meter höher als der Dom und passen sich damit nicht in die Silhouette der Stadt ein. Sie überragen die drei Hauptkirchen als die architektonisch bestimmenden und weit in der Umgebung sichtbaren Landmarken der Stadt.“

Heck sieht für das Greifswalder Umland schon das nächste Problem, und zwar für Behrenhoff. „Da wird eine kunsthistorisch besonders bedeutsame Kirche mit großem Aufwand und mit deutschlandweiten Spendenaktionen gerettet und dann das Ensemble, der Blick auf das Dorf, zerstört, wenn dort wie geplant Windräder gebaut werden“, sagt er. Für den Kunsthistoriker läuft die sogenannte Verspargelung der norddeutschen Kulturlandschaft auf eine Grundsatzentscheidung der Gesellschaft hinaus: Wollen wir allerorten die mit ökonomischen und ökologischen Zwängen begründeten Windräder, oder nicht?

Anders gesagt, nimmt MV die Zerstörung der auch touristisch wertvollen Landschaft in Kauf oder nicht?

Greifswald steht auf Hecks Seite. Die Stadt lehnt die 150-Meter-Anlagen wegen der Störung der denkmalgeschützten Ansicht ab. Aber das Landesamt für Kultur Denkmalpflege gab trotzdem grünes Licht:

„Die Angelegenheit ist in einem mehrstufigen Verfahren der Abstimmung der Träger öffentlicher Belange in den Jahren 2011, 2012, 2013 von allen Seiten geprüft und begutachtet worden“, heißt es zur Begründung. Es habe mehrere Visualisierungen, Vor-Ort-Termine und Gutachten zu einer möglichen Beeinträchtigung des Caspar-David-Friedrich-Blicks gegeben. Das Ergebnis: Die Aufstellung der neuen Anlagen sei gesetzeskonform.

Für die Greifswalder Christdemokraten ist das nicht das letzte Wort. In einer kleinen Anfrage an den Oberbürgermeister bitten sie den Verwaltungschef, das Schreiben des Landesamtes den Bürgerschaftsfraktionen zur Verfügung zu stellen. „Es ist unerhört, wie hier mit Hilfe von Kultur-Denkmalschützern die historische Stadtansicht inklusive Friedrichblick verunstaltet wird“, rügt CDU-Fraktionschef Axel Hochschild. Und wenn die Stadt das noch nicht getan habe, dann sollte sie jetzt den Klageweg gegen die Schweriner Entscheidung beschreiten, fordern die Christdemokraten.



Eckhard Oberdörfer