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Greifswald Laut, wütend und extrem: Pussy Riot im Theater Greifswald
Vorpommern Greifswald Laut, wütend und extrem: Pussy Riot im Theater Greifswald
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Maria Alyokhina und Tänzer Kiril Masheka von Pussy Riot auf der Bühne des Greifswalder Theaters. Quelle: foto: Christopher Gottschalk
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Greifswald

Vier Personen stehen ruhig im Bühnenlicht im Theater Greifswald. Plötzlich schreit eine der vier ein russisches Wort. Die 367 Zuschauer zucken zusammen. Die laute und aufrührerische Show von Pussy Riot beginnt. Doch schnell wird klar: Es geht um mehr als Kunst an diesem Abend. Das Kollektiv spielt für die, die politisch verfolgt und inhaftiert werden. So wie Frontfrau Maria Alyokhina, die zwei Jahre in Lagerhaft saß. Heute steht sie auf der Bühne und berichtet über die Leidenszeit.

Der Auftritt erzählte diese Geschichte in Tanz, Musik und Videoszenen mit vielen politischen Anspielungen auf den russischen Staat und die Kirche. Das Kollektiv Pussy Riot entstand 2011 als Reaktion auf die dritte Amtszeit von Wladimir Putin. 2012 wurden Mitglieder nach einem „Punk-Gebet“ in der Moskauer Erlöserkirche verhaftet und verurteilt. Maria Alyokhina erduldete daraufhin zwei Jahre Martyrium aus sexueller Belästigung, Misshandlung und Hungerstreik in der Haft, bis sie vorzeitig entlassen wurde.

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Masturbation auf offener Bühne

Auf einer Videoleinwand waren Bilder der Kirchen-Aktion zu sehen, immer wieder tauchte Putin auf der Leinwand auf. Alyokhina und Tänzer Kiril Masheka trugen auf Russisch und Englisch die Texte vor, mal sprechend, mal fast wie Rapper, immer wütend und intensiv. Die deutschen Untertitel liefen auf der Leinwand mit. Viel los auf der Bühne, fand der 28-jährige Thomas: „Es war explosiv. Ich habe fünf Minuten gebraucht ,um in das Thema reinzukommen.“ Text, Performance und Bildmaterial auf einmal waren viel, stimmt die 32-jährige Theresa zu. Mit ihrer gemeinsamen Freundin Laura sind sich jedoch alle einig: Diese Show hat sich gelohnt.

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Das lag auch an der schnellen musikalischen Untermalung: Trommeln, elektronische Geräusche, die auch mal wie eine Gitarre klingen und eine schreiende Trompete. Alles zusammen ergab ein Grundrauschen, das die Performance trug. Das Quartett um Frontfrau Alyokhina, Trompeter Oleg Larionov, Kot und Tänzer Kiril Masheka verfiel knieend in Klagegesang, heulte an anderer Stelle wie ein Wolf.

Als Wladimir Putin mit dem weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko auf der Leinwand zu sehen war, begann Kiril Masheka auf der Bühne zu masturbieren und rekelte sich auf dem Boden – eine Provokation. Der Text auf der Leinwand lautet: Geh doch und heirate Onkel Lukaschenko! Manche Zuschauer rissen hier die Augen auf, wieder andere schauten entspannt und amüsiert.

Die Sprache, die Pussy Riot gegen Putin wählte, klang deftig und furchtlos. „Entlarvendes Theater führt die Mächtigen vor, auch indem es sie in einen anderen Kontext setzt“, sagt der Theater-Chefdramaturg Sascha Löschner. „Der Auftritt war auch in MV, das wirtschaftlich mit Russland verflochten ist, wichtig. Von der selbstherrlichen Seite Russlands, das Menschen wegsperrt, wird nämlich zu gerne weggeschaut.“

Dass Pussy Riot während des Auftritts das Publikum mit Wasser bespritzen wollte, war den Theater-Verantwortlichen zunächst ein Dorn im Auge. Man denke an den Denkmalschutz und die Zuschauer in den ersten Reihen. Doch der Widerspruch half nichts. Der Produzent der Show, Alexander Cheparukhin, entgegnete: „Kein Wasser, kein Auftritt.“ Der Kompromiss: Die ersten sechs Reihen im großen Saal wurden mit gelben Regencapes ausgestattet, an denen das Wasser abperlte.

Protest im Theater-Foyer

Aktivisten hielten nach dem Auftritt ein Banner im Theater-Foyer hoch, auf dem sie die Freilassung politischer Häftlinge forderten. „Anarchisten, Aktivisten und Menschen, die nicht systemkonform sind, können ihre Meinung in Russland nicht frei sagen. Und hier interessieren diese Zustände kaum jemanden“, sagt Markus, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er kenne selbst jemanden, den der russische Staat ins Gefängnis steckte. Auch Pussy Riot zeigen in den letzten Zügen der Show Bilder und Namen von Inhaftierten. Maria Alyokhina tritt nach dem Auftritt ans Mikro, dankt dem Publikum und sagt, dass die Erlöse der Tour auch an die Familien der Inhaftierten gingen. Die Botschaft des Auftritts formulierte der Produzent Alexander Cheparukhin so: „Jeder kann Pussy Riot sein. Freiheit existiert nur, wenn man jeden Tag für sie kämpft. Das sind für mich die zentralen Sätze der Show und des Buches.“

Christopher Gottschalk

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