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Greifswald Quartiersmanagement in Schönwalde II auf der Kippe
Vorpommern Greifswald Quartiersmanagement in Schönwalde II auf der Kippe
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13:06 25.10.2019
Ruth Bördlein und Eva Held sind die Quartiersmanagerinnen von Schönwalde II. Doch ihre Zukunft ist ungewiss. Quelle: Petra Hase
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Greifswald

Im Quartierbüro von Schönwalde II geben sich die Menschen die Klinke in die Hand. Die einen suchen Mitstreiter für ein neues Vorhaben, die anderen möchten Geld für ein Projekt beantragen, die nächsten brauchen einfach mal jemanden zum Reden. „Wir sind Netzwerkerinnen, Vermittlerinnen, Koordinatorinnen, aber auch Unterstützerinnen und Begleiterinnen“, bringt es Quartiersmanagerin Ruth Bördlein auf den Punkt. Sie und ihre Kollegin Eva Held agieren quasi als Mädchen für alles. Doch die Zukunft dieser Anlaufstelle in der Maka­renko­straße 12 ist ungewiss: Der Caritasverband für das Erzbistum Berlin e. V., seit vielen Jahren Träger der Einrichtung, wird den bis 31. Dezember 2019 mit der Hansestadt Greifswald bestehenden Vertrag aus „steuerrechtlichen Gründen“ nicht verlängern. Dabei gab es diese Option.

„Uns liegt das Quartiersmanagement stark am Herzen. Deshalb hoffen wir, einen neuen Träger zu finden, der die Arbeit fortsetzt. Die Ausschreibung läuft noch bis 11. November“, sagt Greifswalds Stadtbauamtsleiter Thilo Kaiser. Ziel dieser Ausschreibung sei eine möglichst nahtlose Fortführung des Quartiersmanagements im Stadtteil, wenngleich mit einer Entscheidung über die Vergabe erst Ende 2019 zu rechnen sei.

Quartierbüro war schon einmal dicht

Die Gefahr der Schließung tritt nicht zum ersten Mal auf. Die Caritas sah sich bereits in der Vergangenheit aufgrund verschlechterter finanzieller Bedingungen zeitweise nicht in der Lage, die Aufgabe zu wuppen. Eine Folge: Das Büro war Anfang 2016 für drei Monate geschlossen.

Finanziert wird das Quartiersmanagement für Schönwalde II seit 2004 über das StädtebauförderprogrammStadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – Soziale Stadt“. Bund, Land und Stadt geben zu je einem Drittel Geld. Standen einst 100 000 Euro pro Jahr zur Verfügung, war es zwischenzeitlich nur noch die Hälfte. Die 1,5 Personalstellen wurden auf eine Dreiviertelstelle gekürzt. Doch die Kommunalpolitik machte sich für die Stadtteilarbeit stark, es gab wieder mehr Geld. Gerettet war damit noch nichts. Auf Initiative der Linken verabschiedete die Bürgerschaft mit großer Mehrheit im Juni 2017 schließlich einen Beschluss, das Quartiersmanagement weiterzuentwickeln und zu verstetigen. „Wir wollten die Arbeit langfristig sichern, die Trägerschaft nicht immer wieder alle zwei Jahre neu ausschreiben“, blickt Fraktionschef Jörn Kasbohm zurück. Das sei auch gelungen. Der Vertrag mit der Caritas ab Januar 2018 bis Ende 2019 sah die Option vor, um weitere vier Jahre zu verlängern. Dass die Caritas nun von dieser Option keinen Gebrauch mache, sei nicht vorherzusehen gewesen, bedauert Kasbohm und hofft ebenfalls auf eine zeitnahe Lösung.

Caritas erhielt Steuernachforderung

„Auch wir bedauern sehr, diese Arbeit nicht fortführen zu können“, versichert Caritas-Regionalleiter Alexander Liebisch auf OZ-Nachfrage. Doch man sehe keine Alternative. „Das für uns zuständige Finanzamt hat nach einer Tiefenprüfung erklärt, dass das Quartiersmanagement ein umsatzsteuerpflichtiges Projekt sei und eine Steuernachforderung von 250 000 Euro für die Jahre 2010 bis 2018 erhoben“, begründet Liebisch die Entscheidung. Hintergrund ist, dass die Caritas zu der Förderung über das Programm „Soziale Stadt“ auch Eigenmittel investierte. Wolle die Caritas nicht ihre Gemeinnützigkeit gefährden, müsse sie sich vom Quartiersmanagement trennen. Der Versuch, einen anderen Weg zu finden, sei bislang erfolglos geblieben. „Sollte sich doch noch eine alternative Förderung auftun, sind wir gern bereit, mit der Stadt zu sprechen“, so Liebisch.

Für die Quartiersmanagerinnen ist die Situation bitter. Ihre Zukunft – völlig offen. „Wir wurden von der Caritas informiert, dass wir eventuell zum 31. Dezember unsere Kündigung erhalten“, sagt Eva Held. Seit 2015 arbeitet sie in der Einrichtung, anfangs 10 Stunden pro Woche, später 20, aktuell 25 Stunden – wie derzeit auch Ruth Bördlein. Gern würden die beiden Geografinnen ihre Arbeit fortsetzen. „Denn es macht immer mehr Spaß. Wir haben tolle Netzwerkpartner“, würdigt Held und nennt beispielhaft die Schulsozialarbeiterin des Humboldtgymnasiums, den Nachbarschaftshilfeverein der WGG, das Seminar für Kirchlichen Dienst oder auch die Kiste und den Literatursalon. Was die beiden Frauen tun, tun sie mit Herzblut und für den Stadtteil. „Denn dessen Image“, so Eva Held, „ist nach innen viel besser als nach außen“.

SErik Wilde vom Stadtbauamt Greifswald erläutert die Entwicklung von Schönwalde II. Quelle: Petra Hase

Viele Menschen verließen Schönwalde II

Seit 2004 gehört Schönwalde II zu den bundesweit geförderten Stadtteilen „mit besonderem Entwicklungsbedarf“. Wie lange noch, ist laut Stadtverwaltung derzeit unklar. Bislang seien über das Programm „Soziale Stadt“ 5,75 Millionen Euro Städtebaufördermittel ins Viertel geflossen, unter anderem in die Sanierung und Umgestaltung des Begegnungszentrums „Schwalbe“. Allein in diesem Jahr seien 146 000 Euro ausgegeben worden.

Etabliert hat sich auf diese Weise der Verfügungsfonds: Vereine, Initiativen, Schulen und Kitas können Anträge für Projektideen stellen. Die Lenkungsgruppe „Soziale Stadt“ entscheidet dann, welche bewilligt werden. Jährlich stehen 20 000 Euro zur Verfügung.

Geplant und gebaut für junge Werktätige mit Kindern in den 1970er-Jahren, erlebte Schönwalde II in den vergangenen drei Jahrzehnten einen erheblichen Wandel. „Allein zwischen 1992 und 2000 verzeichnete der Stadtteil einen Bevölkerungsrückgang um 29 Prozent, das ist der stärkste Rückgang aller Stadtteile“, so der Geograf Christoph Schützler. Besonders junge und mittlere Altersgruppen kehrten Schönwalde II den Rücken. Derzeit leben laut Erik Wilde vom Greifswalder Stadtbauamt ca. 8300 Menschen dort. Der Ausländeranteil betrage 11,4 Prozent (Greifswald: 7,4 Prozent). Die Arbeitslosenquote liege bei 27 Prozent (Greifswald: 7 Prozent). „Seit 1992 gibt es einen deutlichen Anstieg der über 65-Jährigen“, sagt Wilde und beziffert ihren Anteil aktuell mit 1857 Personen. Das werfe die Frage auf, „wie seniorengerecht ist Schönwalde II?“

In dem vom Quartiersmanagement erarbeiteten und von der Bürgerschaft 2017 beschlossenen Integrierten Handlungskonzept für Schönwalde II sind 33 Maßnahmenvorschläge aufgelistet, die für mehr Lebensqualität im Stadtteil und für starke Quartiere sorgen sollen. Ein Themenfeld betrifft das Wohnen. Nicht nur Wohnungen sollten altersgerecht und barrierearm umgebaut werden, heißt es darin beispielsweise, sondern auch öffentliche Räume und Gehwege.

Lecker Frühstück in der Makarenkostraße 12. Mal kommen mehr, mal weniger zum beliebten Treff des Quartiersmanagements. Quelle: Petra Hase

Makarenkostraße 12 ist wichtige Adresse für Ehrenamtler

Geselliges Beisammensein oder Stadtteilfest, Flohmarkt oder Hilfestellung bei Projektanträgen – die Arbeit des Quartiersmanagements ist aus Schönwalde II nicht mehr wegzudenken. „Es wäre daher schade, wenn Eva Held und Ruth Bördlein zum Jahresende gehen müssten. Sie machen sehr viel für den Stadtteil“, würdigt Rosmarie Kuhn die Arbeit der beiden Frauen beim jüngsten Stadtteilfrühstück in der Maka­renko­straße 12.

Die 67-Jährige, die sich ebenfalls ehrenamtlich in diesem Hause engagiert, hatte in dieser Woche mit Interesse die öffentliche Veranstaltung zu Schönwalde II verfolgt. Etwa 50 Menschen kamen ins Humboldtgymnasium, um sich über „Rückblicke und Ausblicke“ zum Förderprogramm „Soziale Stadt“ zu informieren. Seit 2004 sei manches erreicht, so Rosmarie Kuhn, die gern im Stadtteil wohnt. „Allerdings ist der Zustand vieler Straßen schlecht. Regnet es, stehen an vielen Ecken Pfützen“, kritisiert sie. Der Ausbau der Kreuzung Maka­renko­straße/Thälmannring sei ein Lichtblick. Doch anderes warte seit Jahren. „Dazu gehört das fehlende Buswartehäuschen hier an der Haltestelle Wohnheime“, erinnert sie an ein Dauerärgernis.

Über diese und andere Probleme diskutieren die Bewohner beim Stadtteilfrühstück, das vor Jahren schon vom Quartiersmanagement initiiert wurde. Jeden zweiten und vierten Mittwoch im Monat ist Klönzeit in der Maka­renko­straße 12 – mit frischen Brötchen, die Steffen Henkel vorher einkauft, während andere für weitere Zutaten sorgen. Seit sechs Jahren engagiert sich der 51-Jährige ehrenamtlich im Quartierbüro, trägt vierteljährlich die Stadtteilzeitung aus und hilft bei Veranstaltungen wie dem Stadtteilfest. Das Quartierbüro wurde für ihn zur festen Adresse. „Ein schöner Treff, ich fühle mich wohl hier, komme unter Menschen“, sagt der Frührentner. Das sieht Klaus Wulf genauso. Der 57-Jährige lebte einst in Friedrichshagen. Doch nach dem Tod seiner Mutter wurde ihm die Bewirtschaftung des Elternhauses zu viel, er zog nach Schönwalde II. „Eigentlich bin ich ja kein Stadtmensch, doch hier habe ich mehr Freunde gefunden als früher bei uns im Dorf.“

Von Petra Hase

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