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Greifswald Das atmende Museum: Ein Besuch auf der Museumswerft
Vorpommern Greifswald Das atmende Museum: Ein Besuch auf der Museumswerft
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17:38 16.03.2019
Eindrücke von der Greifswalder Museumswerft. Quelle: Christopher Gottschalk
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Greifswald

 „Segeln ist ein Virus“, sagt Holger Mattes. „Wer ihn einmal hat, wird ihn nicht mehr los.“ Für Mattes bedeutet der Virus etliche Stunden auf See und bei der Greifswalder Museumswerft, wo er als Werftwart organisiert, Anfragen bearbeitet, repariert, was anfällt, Materialien besorgt. Der selbstständige Geologe erhält wie die weiteren 50 Mitglieder der „Greifswalder Museumswerft“ im Ehrenamt die Tradition des Holzbootbaus am Leben.

Verein kaufte Werft-Gelände 2005

Das Hobby sei eine Nische und ein Luxus, findet Mattes. „Die Flotte alter Schiffe wird immer kleiner“, sagt er. Greifswald hat zwar mit über 50 Schiffen den größten Museumshafen der Republik. Doch wenige wollten wegen des großen Unterhaltunsaufwands so ein Schiff. Manche trifft man zwischen den Hallen und sich stapelnden Brettern auf der Museumswerft. Das Gelände gehört dem Verein seit 2005, später kam der Heineschuppen hinzu (siehe Infokasten). Die Hallen, Geräte und der Pausenraum haben das Do-it-yourself-Gefühl. Sie werden vom Verein Stück für Stück restauriert und erhalten.

Sehen Sie hier Eindrücke von der Selbsthilfewerft

Menschen wie René Fait fühlen sich davon angezogen. Fait, 53 Jahre alt, im Beruf Kapitän, der bei Vermessungsarbeiten auch beim Projekt Nord Stream 2 dabei war, sitzt vor dem Pausenraum. Vor der Tür schnurrt der dreibeinige Werftkater. Faits Kutter „Vorwärts“, 1938 gebaut, steht seit Jahren an Land. „Ich muss die Relingsstützen erneuern, Malerarbeiten durchführen, das Deck bearbeiten“, sagt Fait und grinst dabei. Die Freude behält er. Bis sein „Pleasureboat“ in See sticht, würden wohl noch zwei Jahre vergehen.

Erhalt historischer Schiffe ist kostspielig

Immer dabei ist der Werftkater. Quelle: Christopher Gottschalk

Vier Jahre wird die „Bjørnsund“ an Land stehen, schätzt Holger Mattes. Der rund 5 Meter hohe Haikutter von Anfang des 20. Jahrhunderts steht aufgebockt in einer aus Balken und weißen Planen improvisierten Halle. Die Fläche stellt der Verein dem Bootseigner gegen Pacht zur Verfügung. Im Radio spielt Nirvana, die Luft riecht fischig. „Das ist Wurzelteer“, sagt Mattes. „Schützt das Holz vor Rott.“ Ein kurzer Blick genügt, um morsches Holz zu entdecken, Planken und Spanten, die ersetzt werden müssen. Eine neue Maschine muss her, ein neuer Lack muss drauf. Das kostet doch sicher tausende Euro? Der Eigner ist an diesem Tag zwar nicht da, aber Holger Mattes antwortet mit einem vielsagenden Lachen. Allgemein gesprochen ließe sich sagen, dass ein laufender Meter eines Traditionsschiffes 1000 Euro pro Jahr koste, sagt Mattes später.

Blick auf die Bjørnsund, ein Haikutter, der derzeit in der Museumswerft über mehrere Jahre wieder aufgebaut wird. Quelle: Christopher Gottschalk

Die Museumswerft erhält sich durch Einnahmen von Bootseignern für die Werftnutzung und Mitgliedsbeiträge. Ein Bootsbaumeister zahlt dem Verein zudem Miete für seine geschäftliche Werkstatt, die der Verein erlaubte, weil manche Bootseigner nicht alle Arbeiten selbst ausführen können und technisch anspruchsvolle Arbeiten an einen Fachmann vergeben wollen, so Mattes. „Der Job ist abwechslungsreich und interessant“, sagt Mitarbeiter Marcel Bütow, der Hanfseile vorbereitet, die später Planken abdichten. „Kein Boot ist gleich“. So finden sich im Museumshafen Gaffelketschen, Logger, Plattbodenschiffe, auch Yachten und Stahlboote legen an.

Slipanlage und Bandsäge gehören zum Bestand

René Fait auf dem Weg zum Arbeitseinsatz. Quelle: Christopher Gottschalk

Besucher können die Werft besichtigen und bekommen ein lebendes Museum geboten, der Verein bietet Führungen an. Die Bandsäge in der Maschinenhalle sei bereits 100 Jahre alt, erklärt Holger Mattes. Auch „der ganze Stolz der Werft“, die Slipanlage, hätte einige Jahre auf dem Buckel, zieht noch heute Schiffe an Land. Für die Öffentlichkeit ist der Heineschuppen besonders präsent mit seinen Lesungen, Konzerten und Aktionstagen.

Geschichte der Museumswerft

Noch bis ins 19. Jahrhundert befanden sich mehrere Werften im Stadthafen. Den Niedergang der Segelschifffahrt überlebte nur eine: die heutige Museumswerft.

1911 gelang der Standort in den Besitz von Richard Buchholz. In den folgenden 30 Jahren kamen weitere Hallen und Werkstätten und Slipanlage hinzu. Im Zweiten Weltkrieg waren auch Zwangsarbeiter dort beschäftigt.

1952 siedelte die Familie Buchholz wegen der drohenden Enteignung nach Berlin über. Zu DDR-Zeiten wurden in der Werft Fischkutter hergestellt und repariert. Mit der Wende wurde der Betrieb eingestellt.

1995 wird die Slipanlage und zwei Jahre später die gesamte Werft in die Denkmalliste der Stadt aufgenommen.

2005 kauft der Verein „Greifswalder Museumswerft“ das Gelände von der Buchholz’schen Erbengemeinschaft und kümmert sich seitdem um Restauration, Erhalt und Weiterentwicklung der Werft.

Mattes erklärt, dass der Raum vielfältig genutzt werde. In der Halle werde auch von der Planke bis zum Mast vieles lackiert. Hauptarbeitszeit auf der Werft ist das Winterhalbjahr. Im Sommer würde offenes Holz zu leicht Risse bekommen. „Im Hochsommer ist es bei uns eher leer.“

Heineschuppen soll Terrasse bekommen

Noch in diesem Jahr solle eine Besucherterrasse vor dem Heineschuppen entstehen, blickt Mattes voraus. „Doch um die Kulisse geht es uns hier nicht“, sagt Mattes. „Wir sind Seefahrer. Wir wollen raus aufs Meer.“ Von dieser Leidenschaft lebt dieser Ort. „Das Schöne hier ist, dass es nicht nur Bootsbau ist, sondern auch Nonsens machen, Zeit verbringen, Kaffee trinken. Zum Glück haben wir die Werft gekauft“, beschreibt der Kapitän René Fait.

Am Ende ist alles ganz einfach: „Solange es die alten Schiffe noch gibt, wird es auch uns geben“, sagt Holger Mattes.

Christopher Gottschalk

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