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Greifswald Riskanter Alkoholkonsum in Vorpommern-Greifswald
Vorpommern Greifswald Riskanter Alkoholkonsum in Vorpommern-Greifswald
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18:54 26.09.2019
Jugendliche trinken auf einem öffentlichen Spielplatz Alkohol (gestelltes Foto). Quelle: Andrea Enderlein (epd)
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Greifswald

Hier ein Bierchen in Ehren, dort eine exzessive Geburtstagsparty mit Freunden bis hin zum Komasaufen: Die Zahl der Jugendlichen in Vorpommern-Greifswald mit riskantem Alkoholkonsum ist besorgniserregend. Laut einer Befragung von 15-Jährigen trinken 37,4 Prozent der Mädchen regelmäßig oder nehmen bei einer Gelegenheit im Monat sechs – wenn nicht gar noch mehr – alkoholische Getränke zu sich. Das sind doppelt so viele Mädchen wie Jungen (18,3 Prozent). „Alarmierende Zahlen, mit denen wir weit über dem Landes- und Bundesdurchschnitt liegen“, sagt Kreissozialdezernent Dirk Scheer. Zum Vergleich: In Deutschland weisen 22,7 Prozent der Mädchen und 16,1 Prozent der Jungen in dieser Altersklasse einen riskanten Alkoholkonsum auf.

Diese und viele andere Daten sind Bestandteil der „Planung zur Suchtkrankenhilfe und Suchtprävention“ in Vorpommern-Greifswald für die Jahre 2019 bis 2022, die der Landkreis erstmals in Kooperation mit den Beratungsstellen freier Träger sowie der Regionalstelle für Suchtvorbeugung und Konfliktbewältigung (RSK) in Greifswald erarbeitete. Ein 119-seitiges Dokument, das der Kreistag nach vorheriger Beratung im Sozialausschuss auf seiner jüngsten Sitzung einhellig verabschiedete. Und zwar ohne jegliche Diskussion. Ein weiteres Papier, das folgenlos in Schreibtischschubladen verschwindet?

Prävention muss im Kindesalter beginnen

„Das Planungsdokument verdeutlicht, dass die Suchtprävention gestärkt und viel früher beginnen muss als bislang“, appelliert die leitende Sozialplanerin Petra Zahn an alle Entscheidungsträger. „Prävention muss ansetzen, wenn es noch kein Suchtverhalten gibt, nämlich im Kindesalter“, ergänzt RSK-Koordinatorin Janina Becker. Doch im Kita-Bereich habe es bislang nur vereinzelt Projekte gegeben, räumt die promovierte Sozialpädagogin für Gesundheitsförderung ein. Begrenzte finanzielle Mittel und personelle Kapazitäten stünden einem Ausbau der Prävention in Größenordnung bislang entgegen. Zudem sei es bislang auch nicht gelungen, Präventionsmaßnahmen an Schulen flächendeckend durchzuführen. Das verdeutlichen Erhebungen für die einzelnen Sozialräume: Während es im vorigen Jahr in Greifswald 86 und damit die Hälfte aller Veranstaltungen gegeben habe, gingen andere Sozialräume wie die Ämter Landhagen, Peenetal-Loitz, Jarmen/Tutow und der komplette südliche Landkreis nahezu leer aus.

„Die Suchtprävention muss gestärkt werden und viel früher beginnen als bislang.“ Petra Zahn, Leitende Sozialplanerin im Landkreis Vorpommern-Greifswald Quelle: Petra Hase

Auch nach Einschätzung von Mitgliedern des Präventionsrates seien die Projekte zur Suchtprävention unterfinanziert. Der Landeszuschuss in Höhe von 10 000 Euro sei bereits im September eines jeden Jahres verbraucht. „Ein systematisches und kontinuierliches Vorgehen ist aufgrund der Unterfinanzierung kaum möglich“, lautet daher ihr Urteil.

Die Problematik setze sich fort, wenn es um die Suchtkrankenhilfe geht. Zwar gebe es im Landkreis mit der Volkssolidarität Greifswald-Vorpommern, dem Förderverein für Suchtkrankenhilfe e. V. und dem Evangelischen Krankenhaus Bethanien drei freie Träger, die drei Haupt- und neun Nebensuchtberatungsstellen sicherstellen. Doch eine flächendeckende Prävention und Suchtberatung können die insgesamt 14 Fachkräfte in Vorpommern-Greifswald – drittgrößter Landkreis der Bundesrepublik – damit kaum gewährleisten. Die Ämter Züssow, Jarmen-Tutow und Anklam Land etwa verfügen über keine ambulanten Angebote der Suchtkrankenhilfe. Für Betroffene, die häufig nicht mobil sind, eine schwierige Situation. Auch Selbsthilfegruppen gebe es vorrangig nur in Städten. Pech für Bewohner auf dem Land. „Der Einsatz von Rufbussen oder andere Angebote könnten helfen“, so Sozialplanerin Petra Zahn. Der Bedarf sei auf alle Fälle groß, was nicht zuletzt die Zahl der Ratsuchenden in den Beratungsstellen verdeutliche. Um die 2200 Menschen nutzen jedes Jahr das Beratungsangebot, das sind 20 Prozent aller Ratsuchenden im Land MV. Eine höhere Fallzahl, so Zahn, könne nur noch die Mecklenburgische Seenplatte mit 22 Prozent vorweisen.

Krankenkassen wollen Prävention fördern

Zu wenig Geld und in der Folge zu wenig Personal für den hohen Bedarf. Da erscheint die Aussicht auf zusätzliche Unterstützung zumindest als Lichtblick: „Das Bündnis der gesetzlichen Krankenkassen hat ein Projekt ausgeschrieben, mit dessen Hilfe Kommunen beim Aufbau von Strukturen zur Prävention und Gesundheitsförderung unterstützt werden sollen“, sagt Janina Becker. Der Landkreis werde das nutzen und in Kürze die Antragsunterlagen einreichen. Ziel sei es, die Stelle eines Koordinators zu schaffen, der unter anderem vorhandene Netzwerke bündelt. Über eine Laufzeit von fünf Jahren könnten insgesamt 250 000 Euro nach Vorpommern-Greifswald fließen.

„Wir bewerben uns um Projektmittel, um die Strukturen weiter auszubauen.“ Janina Becker, Leiterin der RSK in Greifswald Quelle: Petra Hase

Daneben offeriere das Krankenkassenbündnis den Kommunen die Förderung zielgruppenspezifischer Interventionen. „Dabei geht es um präventive Angebote für vulnerable Zielgruppen, zu denen Alleinerziehende ebenso gehören wie Menschen mit Migrationshintergrund oder mit Beeinträchtigungen, aber auch ältere Menschen sowie Kinder aus sucht und/oder psychisch belasteten Familien“, erklärt die RSK-Chefin. Innerhalb von vier Jahren könnten auf diese Weise weitere 110 000 Euro generiert werden – sofern der Antrag bewilligt wird.

Von Petra Hase

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