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Greifswald Rückbau des KKW dauert noch Jahre
Vorpommern Greifswald Rückbau des KKW dauert noch Jahre
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17:09 02.11.2018
Unternehmenssprecherin Marlies Philipp vor gelben Fässern mit Material, das radioaktive und andere schädliche Stoffe beinhaltet. Quelle: Petra Hase
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Lubmin

Eine steife Brise fegt an diesem Morgen übers Industriegelände nah am Greifswalder Bodden. Das Entsorgungswerk für Nuklearanlagen (EWN) liegt unter dunklen Wolken. Regen peitscht an die dickwandigen Betonfassaden der Blöcke 3 und 4. Doch von all dem bekommen die Mitarbeiter im Innern nichts mit. Wer die Schleusen passiert und ins Kontrollzentrum gelangt, ist von jeglicher Witterung abgeschirmt. Beleuchtete Flure, Treppenhäuser und Räume mit grellem Licht verströmen alten DDR-Charme: vergilbte Ölfarbe an Wänden, eingestaubte Kabelträger, alte Schilder mit Warnhinweisen vermitteln einen Eindruck von jener Zeit, als hier noch Energie produziert wurde. Das Kernkraftwerk Lubmin deckte in seiner Betriebszeit mit bis zu 1760 Megawatt elf Prozent des DDR-Strombedarfs.

1990 war jedoch Schluss, wurde das Kraftwerk abgeschaltet. Der Bund als Eigentümer beschloss den Rückbau des Atommeilers. „Mit der Demontage der technischen Anlagen, wie der Reaktoren, Dampferzeuger und anderen Wärmetauscher, Lüftungsanlagen und weiteres mehr wurde schließlich 1995 begonnen“, sagt EWN-Sprecherin Marlies Philipp. Seither sei viel erreicht. „Die Demontage in den Blöcken eins bis fünf ist im Wesentlichen abgeschlossen, der letzte Reaktor kam 2009 ins benachbarte Zwischenlager Nord“, sagt sie. Was nicht bedeute, dass man sich dem Ende nähert. Auf die derzeit 785 Mitarbeiter am Standort Lubmin warte weiter viel Arbeit. Handarbeit im großen Stil vor allem. Oder treffender formuliert: Knochenarbeit. Trotz Maschinen.

Das gesamte KKW landet in Boxen

Männer in orangefarbenen oder weißen Overalls mit Helm und Schutzmaske arbeiten sich Meter für Meter in den einzelnen Bereichen vor. Im ehemaligen Spezialgebäude für die KKW-Blöcke 1 und 2 etwa kniet ein Arbeiter auf dem Boden und zerteilt unter großem Lärm mit Bohrhammer und Muskelkraft Beton. In einem anderen Raum sammeln Martin Hoyer und Andy Dombrowski Betonbruch in Eimer, um ihn anschließend in Bigbags und dann in Boxen zu verfrachten. „Das ganze KKW verschwindet praktisch in diesen grauen Boxen“, sagt Philipp und deutet auf die 120 x 80 Zentimeter großen Kisten. Ob Beton, Metall oder Glas, Kabel oder Rohre, Schrauben oder Lampen: Sämtliche Teile werden getrennt sortiert und im Bedarfsfall zerkleinert, bevor die Paletten in Container wandern. „Sortenreine Trennung ist für nachfolgende Schritte wie Reinigung, Freimessung und für den Verkauf wichtig, aber auch zur Dokumentation“, betont Philipp. 30 Jahre lang müssen Daten der Materialien wie Herkunft, Entsorgungsweg, Gefahrenpotenzial nachvollziehbar sein. Vieles werde verkauft. Allein 47000 Tonnen gingen bislang zum Schrotthändler, 162000 Tonnen zum Betonverwerter.

Alles muss dekontaminiert werden

Was nicht für die Transportboxen geeignet ist, landet in gelben Fässern: Betonstaub etwa, der von Wänden und Fußböden abgefräst wird, da er radioaktive Partikel enthält. „Verkauft oder deponiert werden darf nur, was dekontaminiert ist und nicht mehr strahlt“, betont Marlies Philipp und deutet auf zwei Männer in weißen Overalls mit Kopfschutz und Maske. Arbeits- und Strahlenschutz gehen im EWN über alles. Im Zeitlupentempo bewegt sich der eine Mitarbeiter Zentimeter für Zentimeter mit der Fräse durch den Raum, während sein Kollege den feinen Staub mit einem Besen zur Saugvorrichtung fegt. Nichts soll liegen bleiben. Durch einen Schlauch wandert das Gefahrgut in eine gelbe Tonne. „Ist die Arbeit beendet, wird der Raum freigemessen“, sagt Philipp. Heißt: Überschreitet die Radioaktivität bei der Messung auch nur auf handtellergroßen Flächen den vorgeschriebenen Grenzwert, muss nachgearbeitet werden.

Im Jahr 1995 begann der Rückbau des stillgelegten Atomkraftwerks Lubmin. Die meisten technischen Anlagen wurden bereits demontiert. Doch noch immer gibt es Arbeit für viele Jahre.

Durch ein Labyrinth von Fluren, leeren Räumen und Bereichen mit deponiertem Material geht es zum Zerlegeplatz für einen Dampferzeuger im Block 4. Jedem der Kernreaktoren waren einmal sechs dieser Anlagen zur Erzeugung von Wasserdampf zugeordnet. Der 165 Tonnen schwere und zwölf Meter lange Koloss befindet sich unter der Hallendecke. Dort oben, auf einem Gerüst stehend, schleift ein Arbeiter in voller Schutzmontur mit einem Schweißbrenner die Farbe des Dampferzeugers ab. „Auch sie könnte mit radioaktiven und anderen schädlichen Stoffen versetzt sein“, erklärt die Sprecherin. Das Prinzip ist immer gleich: Alles muss dekontaminiert werden. „2013 wurde der letzte der insgesamt 30 Dampferzeuger aus den fünf Reaktorblöcken, die einst in Betrieb waren, ausgebaut und ins Zwischenlager gebracht“, sagt Philipp. Dort sei mittels Säure eine Innenreinigung erfolgt. Für die Zerlegung in Kleinteile wurde der Dampferzeuger zurücktransportiert. Eine Aufgabe, die den immensen Aufwand verdeutlicht. So reihen sich Tag an Tag, Woche an Woche, Monat an Monat.

EWN bildet eigenen Nachwuchs aus

„Pro Spezialgebäude werden sieben bis acht Jahre für die Demontage und Dekontamination benötigt, bevor der konventionelle Abriss beginnen kann“, verdeutlicht Philipp. Das erste der drei Spezialgebäude soll 2019 soweit sein. „Im zweiten Gebäude fangen wir gerade mit der Dekontamination an“, sagt sie. Laut Konzept sollen 2028 sämtliche Vorarbeiten beendet sein, um den Rückbau zu beginnen. Doch es sei nicht auszuschließen, dass diese Planung noch einmal überarbeitet werden muss. Das Reaktorgebäude mit den Blöcken 7 und 8, die wegen des politischen Umbruchs 1989 nicht mehr in Betrieb gingen, sei bereits zum Teil abgerissen.

Während ein Teil der Mitarbeiter das Werk in einzelne Segmente zerlegt, bauen andere Geräte und Anlagen auf, schaffen quasi dafür die Voraussetzungen. Im 126 Meter langen Reaktorgebäude der Blöcke 3 und 4 kümmern sich die Hebezeugwärter Martin Kleinke und Nico Sternberg um die Reinigung einer Seiltrommel. TÜV-Gutachter sind vor Ort, um die Technik zu überprüfen. Anderswo werden Kabel verlegt, neue Belüftungsanlagen installiert. Deshalb wundert es auch nicht, dass das EWN für Nachwuchs sorgt: „Wir haben 76 Azubis und Dualstudierende“, sagt Marlies Philipp, darunter künftige Ingenieure, Kaufleute für Bürokommunikation, Energieelektroniker und Instandhaltungsmechaniker. Der Rückbau des alten Atommeilers – eine Jahrhundertaufgabe.

Petra Hase

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