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Greifswald SPD Vorpommern: Verlassen in der Fläche?
Vorpommern Greifswald SPD Vorpommern: Verlassen in der Fläche?
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09:06 27.10.2019
"30 Jahre Sozialdemokratie in Vorpommern" - Anlässlich des 30. Jahrestags der Wiedergründung der SPDin Vorpommern hatte die Ebert-Stiftung ins Krupp Kolleg geladen. Bei der Podiumsdiskussion versuchten Michael Hosang (Ortsvereinsvorsitz HGW), Anna Kassautzki (Jusos), Monique Wölk (Bürgerschaft), Thomas Lange (ehem. Ortsvereinsvorsitz HGW) und Verkehrsminister Christian Pegel (v.li) die Brücke in die Zukunft zu schlagen. Quelle: Anne Ziebarth
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Greifswald

Der Blick in die Vergangenheit fällt manchmal leichter als der Blick in den Spiegel. Zum 30. Jahrestag der Wiedergründung der SPD Vorpommern hatte die Friedrich-Ebert-Stiftung zur Rückschau auf die Anfänge der Partei in der Region geladen, zur Bestandsaufnahme und zum Ausblick. Einen Einblick in die spannende Umbruchszeit Ende der 1980er Jahre ist gab SPD-Urgestein und Landtagspräsident a.D. Hinrich Kuessner, der mit seinen persönlichen Erinnerungen aus der Wendezeit vor allem das jüngere Publikum in Atem hielt. Etwa, wenn er über Besetzung der Greifswalder Stasizentrale berichtete.

Besetzung der Stasizentrale

Kuessner, damals Mitglied des Neuen Forums, führte die Aktion an. „Es war der 4. Dezember 1989, ein Montag um 13 Uhr. Das ganze Wochenende war schon voller Spannung gewesen“, sagte er. „Dann kam ein Anruf aus Rostock, dort hatte man auch vor die Stasizentrale zu besetzen, ob wir das in Greifswald auch machen würden.“ Als schließlich bekannt wurde, dass Rauch aus dem Schornstein der Staatssicherheit in der Domstraße aufstieg, fassten sich Kuessner und weitere Mitglieder des Neuen Forums und der SED ein Herz und schritten mitsamt eines Staatsanwaltes zur Tat und sicherten die Akten.

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"30 Jahre Sozialdemokratie in Vorpommern" - Anlässlich des 30. Jahrestags der Wiedergründung der SPD in Vorpommern hatte die Ebert-Stiftung ins Krupp Kolleg geladen. Bei der Podiumsdiskussion versuchten Michael Hosang (Ortsvereinsvorsitz HGW), Anna Kassautzki (Jusos), Monique Wölk (Bürgerschaft), Thomas Lange (ehem. Ortsvereinsvorsitz HGW) und Verkehrsminister Christian Pegel (v.li) die Brücke in die Zukunft zu schlagen. Rechts im Bild: Moderator Stefan Ewert. Quelle: Anne Ziebarth

Umstrittene Koalition mit der PDS

Auch Verkehrsminister Christian Pegel erinnerte sich an leidenschaftliche Diskussionen in der Politik. In diesem Fall ging es um das Jahr 1998. „Zur Debatte stand die Koalition mit der PDS“, so Pegel, der damals Geschäftsführer der SPD-Fraktion der Bürgerschaft war. „Die Meinungen dazu gingen weit auseinander, von ,ihr verratet meine Ideale’ bis zu ,wir verlangen das jetzt’. Ich dachte, jetzt kommen die Messer raus.“

Verlassen in der Fläche

Angesichts solch emotionaler Geschichten wirkt die SPD heute selbst auf Mitglieder etwas zahnlos. „In Jarmen wird eine große Mühle geschlossen und keiner sagt was“, klagte Ute Schildt aus Loitz. „Da müssen wir uns doch zeigen, wir müssen mehr Handeln.“ Sie stehe voll und ganz zur SPD, wünsche sich aber mehr Ortsvereine, gerade im ländlichen Bereich. „Ich fühle mich einsam und verlassen in der Fläche. Wir müssen mehr menschliche Kontakte aufbauen.“ Man habe viele gute Ziele mit der SPD durchgebracht, betonte sie. „Wir müssen das aber auch mit breiter Brust sagen und dürfen uns nicht klein machen.“

Mindestlohn für Azubis guter Erfolg

Dass es diese Erfolge gebe, betonte auch die Juso-Kreisvorsitzende Anna Kassautzki. „Ich habe viel über einen Mindestlohn für Azubis diskutiert“, sagt sie. „Jetzt erlebe ich, wie diese Idee umgesetzt wird. Das ist toll.“ Von Aussagen wie „die SPD hat ihre Wählerschaft verloren, es gibt hier kaum noch Arbeiter“, hält sie nichts. „Wir haben eine Vermögensverteilung, die echt uncool ist“, sagte sie. Solange Kapital und Arbeit so einen Gegensatz bildeten, gebe es Bedarf und Wähler.

Großer Wurf fehlt

Den „großen Wurf“, der Mitglieder und Wähler mitzieht und motiviert, vermisst aber auch sie. „Wir müssen auch grundsätzliche Fragen anpacken. Wie sieht die Welt in 30 Jahren aus? Wie entwickelt sich die Arbeitswelt, wenn es immer mehr Maschinen gibt?“, fragt sie. „Eigentlich sollte das ja bedeuten, dass die Menschen weniger arbeiten müssen.“ Auch die vermeintlich kleinen Themen könnten allerdings einen Gewinn darstellen, findet Hinrich Kuessner. „Wir müssen uns um die Belange der Menschen vor Ort kümmern, damit sie uns wieder wahrnehmen“, so Kuessner. „Wichtig ist dabei natürlich, dass es auch zur Durchführung der Maßnahmen kommt und es nicht bei Ideen bleibt.“

Dezember bringt „Halbzeitfazit“

Das Thema „Große Koalition“ wurde in der Podiumsrunde sorgfältig vermieden, eine Frage aus dem Publikum brachte dann doch die Bundespolitik ins Spiel. „Ich habe zwar SPD gewählt, aber ich bin enttäuscht“, sagte ein Gast. „Was ist denn mit der Angleichung der Renten. Ich fühle mich wie ein Bürger zweiter Klasse.“ Christian Pegel räumte ein, er wäre mit der jetzigen Regelung der Rentenanpassung auch nicht zufrieden. „Ich bin nie jemand gewesen, der die große Koalition pauschal abgelehnt hat, immerhin haben wir ja auch gemeinsam etwas geschaffen“, sagte er. „Aber wir werden im Dezember Bilanz ziehen müssen, wie zufrieden wir mit dem Erreichten in der Koalition sind. Dann sehen wir, wie es weiter geht.“

Pegel: Klimanotstand ist guter Weg

Mit dem von der SPD forcierten Klimanotstand für die Hansestadt jedenfalls geht die Partei keineswegs so neue Wege, wie manch Kritiker glaubt. Im Gründungsvertrag aus dem Jahr 1989 ist ausdrücklich eine sozial ausgerichtete, ökologische Politik festgehalten. „Ich denke, die Ausrufung des Klimanotstands ist ein guter Weg um das Thema jetzt nach vorne bringen“, meinte auch Christian Pegel. Es sei entscheidend, dass jetzt nach Lösungen gesucht werde, welche Maßnahmen auch umzusetzen seien. Einen flächendeckenden kostenfreien ÖPNV in MV hält Pegel allerdings für unrealistisch. „Als Fernziel ist das ok“, sagt er. „Aber angesichts der Kosten wohl noch nicht umsetzbar.“

 

Von Anne Ziebarth