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Greifswald Ich habe die letzte Chance genutzt
Vorpommern Greifswald Ich habe die letzte Chance genutzt
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14:13 07.12.2018
Frauenhaus-Mitarbeiterin Christiane Siegler und Larissa B., ehemalige Bewohnerin Quelle: Anne Ziebarth
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Greifswald

„Ohne das Frauenhaus wäre ich nicht mehr am Leben“, sagt Larissa B. „Ich wäre untergegangen.“ Wer die Mittsechzigerin heute erlebt – eine muntere Rentnerin mit lachenden Augen - kann sich kaum Vorstellen, wie dünn der Faden war, an dem ihr Leben vor rund zwölf Jahren hing. Grund dafür war das Familienleben, was völlig aus den Fugen geraten war. „Mein Mann hat mich terrorisiert, die Eifersucht war unvorstellbar“, beschreibt sie. „Bin ich zur Arbeit gegangen, wurde mir sofort unterstellt, ich würde fremdgehen. Er ist mir auch hinterhergefahren und hat kontrolliert, was ich mache. Es war zwar dunkel, aber seinen Mann erkennt man ja trotzdem.“ Beschimpft habe er sie, angeschieen, jeden Tag. „Hafennutte und Russensau waren noch das geringste“, sagt sie. „Wenn er getrunken hatte, war es besonders schlimm. Ich hatte Angst vor Ihm, Angst nach Hause zu kommen.“ Eine Trennung kam für Larissa trotzdem nicht in Frage. „Ich wusste ja, dass er herzensgut war“, sagt sie. „Nur eben nicht, wenn wir alleine waren.“

Christiane Siegler vom Frauenhaus kennt solche Situationen. Sie betont, dass Gewalt auch andere Gesichter haben kann als Schläge. „Psychische Gewalt gehört ganz klar dazu, aber auch sexualisierte Gewalt oder ökonomische Gewalt“, zählt sie auf. „Die Frauen leiden unter Psychoterror genauso wie unter Schlägen. Ständige Beschimpfungen, Kontrollwahn und Schreiereien können einen Menschen völlig zerstören. Insbesondere wenn die Frau nirgendwoanders hin kann.“ Viele Betroffene würden denken, das wäre dann kein Fall fürs Frauenhaus, sagt Siegler. „Aber auch dafür sind wir da.“

„Ich hab schon früher über eine Trennung nachgedacht“, sagt Larissa B. „Aber meinen zwei Kindern konnte ich das nicht antun. Und was wäre aus dem gemeinsame Haus geworden“ Dem Druck aus Streit und Schreiereien, Trinken und Versöhnung hielt sie irgendwann nicht mehr Stand. Bei Larissa hatte sich die psychische Situation im Jahr 2006 massiv verschlechtert. Im Frühjahr versuchte sie, sich durch einen Messerstich in den Bauch das Leben zu nehmen. „Es war, als ob ich es tun musste, eine Stimme mir sagte, ich solle das Messer nehmen“, sagt sie heute. „Ich erinnere mich noch an die entsetzten Gesichter der Familie. Dann wurde mir schwarz vor Augen.“ Heute bedauert sie die Tat zutiefst. „Meine große Tochter hat mich gefunden. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was ich ihr antue.“

Sie flüchtete sich zu ihrem Psychologen in Stralsund. „Ich hatte ja gehofft, er schickt mich wieder in die Odebrecht Stiftung“, erzählt sie. „Das hat mir in der Vergangenenheit immer gutgetan. Aber dieses Mal war alles anders. Frauenhaus oder zurück nach Hause, diese Wahl hatte ich. Und eine Stunde Bedenkzeit.“ Da wurde ihr klar, das Zuhause keine Option mehr war. Schweren Herzens entschied sie sich fürs Frauenhaus. Für ein paar Wochen, dachte sie. Es wurden eineinhalb Jahre daraus. „Größtes Problem war für uns zunächst die Alkoholkrankheit von Larissa“, erzählt Christiane Siegler. „Alkohol ist bei uns streng verboten. Aber Larissa war ja schon in Behandlung und hatte den festen Willen, davon los zu kommen. Das hat den Ausschlag gegeben, dass wir in der ersten Zeit für Larissa eine Ausnahme gemacht haben.“ Die ersten Tage und Wochen waren schwer für sie. „Ich hatte einen Euro in der Tasche und das Auto. Sonst nichts.“ Weil sie aber noch das Haus besaß, war es schwer, finanzielle Unterstützung für ihre Zeit im Frauenhaus zu beantragen. „Ich bin dann zur Tafel gegangen“, erinnert sie sich. Während sie in der Schlange stand um sich Lebensmittel abzuholen, schossen ihr die Gedanken nur so durch den Kopf. „Was machst Du hier nur, habe ich mich gefragt.Was ist nur mit deinem Leben passiert.“

Nach einer bewilligten Reha-Maßnahme, einem Alkoholentzug und vielen Gesprächen mit Psychologen stand ihr Entschluss fest: Nach Hause gehe sie nicht zurück. „Ich habe versucht von der Reha aus klärende Telefonate mit meinem Mann zu führen. Ich hab ihn doch trotz allem geliebt, nicht gehasst“, erzählt sie. „Aber es kam gar nichts zurück. Kein Schuldbewusstsein, keine Gesprächsbereitschaft und keine Zukunft.“ Larissa entschloss sich schließlich, auf eigene Faust glücklich zu werden. „Gemeinsam mit den Frauenhausmitarbeiterinnen habe ich eine eigene Wohnung gesucht“, sagt sie. „Ein Traum wurde wahr. Eine schöne eigene Wohnung, selbst eingerichtet. Keiner hatte mir was zu sagen. Ich war so glücklich.“ Irgendwie lief es für Larissa. Sie schaffte es, trocken zu bleiben, die beiden Kinder freuten sich für sie, sie fand Arbeit in der Fahrradwerkstatt und neue Freunde beim Angeln. „Mama, das hättest Du schon lange machen sollen“, so der Sohn.

Die Scheidung war schon beantragt, als sich der Gesundheitszustand ihres Mannes plötzlich verschlechterte und er starb. „Eigentlich hatte ich vereinbart im Zuge der Scheidung auf das Haus zu verzichten“, sagt sie. „Nun gehörte es mir plötzlich doch. Ich war platt.“ Zurückzuziehen wäre keine Option gewesen. „Ich habe hier in Greifswald wieder begonnen zu leben“, sagt sie. „Um kein Geld der Welt wäre ich dort wieder eingezogen.“ Auch die Kinder wollten das Haus nicht. Beide sind erwachsen und haben ihre eigenen Familien. „Also haben wir es verkauft und das Geld gespart“, sagt sie. Dass sie nochmal ein so anderes Leben führen würde, hätte Larissa B. nicht gedacht. „Ich habe hier im Frauenhaus die letzte Chance bekommen, um alles zu drehen“, sagt sie. „Und habe sie genutzt.“

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Anne Ziebarth

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