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Greifswald Schönwalde I: Wohnen über den Dächern Greifswalds
Vorpommern Greifswald Schönwalde I: Wohnen über den Dächern Greifswalds
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10:23 11.09.2019
Hartmut und Marianne Seidlein wohnen seit 12 Jahren in Schönwalde I. Quelle: Christin Lachmann
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Greifswald

 Von ihrem Balkon aus haben Hartmut und Marianne Seidlein einen atemberaubenden Blick über die Stadt. „Bei gutem Wetter können wir bis nach Rügen schauen. Das Feuerwerk an Silvester erleben wir auch ganz nah“, sagt Marianne Seidlein mit ein bisschen Stolz in der Stimme.

Wohnen in der Platte: Für das Ehepaar gehört das zu einem guten Leben dazu. „Ich bin ein Plattenkind“, sagt die 65-Jährige. Seit zwölf Jahren leben sie in dem Hochhaus in der Lomonossowallee. Dort bewohnen sie im neunten Stock eine Vierraumwohnung.

Viele Alteingesessene im Hochhaus

Während die beiden Wellensittiche des Ehepaars in der Küche zwitschern, bereitet Marianne Seidlein Kaffee zu. Auf dem Couchtisch im Wohnzimmer steht ein Gugelhupf. Drumherum eine typisch deutsche Ledergarnitur. Die braune Anbauwand, mehrere Jahre auf dem Buckel und in einem durchweg gepflegten Zustand, soll einem neuen Mobiliar weichen. Einen Abnehmer für das riesige Möbelstück gibt es noch nicht. Das Sozialkaufhaus lehnte ab. „Sie meinten, dass so etwas nicht mehr gekauft wird.“

In ihrer Wohnung und in dem Hochhaus fühlt sich das Ehepaar wohl. Die Nachbarn, viele im gleichen Alter, leben seit Jahrzehnten dort. Während die Kinder dem Hochhaus entwachsen sind, wurden die Eltern zu Großeltern und sind geblieben. Ein paar junge Familien und Alleinstehende gibt es. Sie passen sich den Gewohnheiten der Alteingesessen an. Laut ist es nie, sagt das Ehepaar. „Manchmal ist es hier so ruhig wie in einem Sanatorium“, scherzt Hartmut Seidlein.

Man kennt und hilft sich untereinander

Trotz der elf Stockwerke: „Man kennt sich und man hilft sich untereinander“, sagt Marianne Seidlein. Manchmal sind es nur kleine Dinge, wie das Borgen eines Starterkabels oder einer Bohrmaschine. Manchmal auch Dinge über das Leben hinaus.

„Eine ältere Nachbarin haben wir noch zwei Wochen lang begleitet. Sie hatte auch nur noch ihre Schwester“, sagt Marianne Seidlein. Seit über einem Jahrzehnt in Schönwalde I ansässig, bekommt das Ehepaar die Veränderungen im Stadtteil genau mit. Getan habe sich die vergangenen Jahren einiges.

Viele Blöcke wurden saniert, manche sind ganz verschwunden, „bei anderen wiederum wurden die obersten Stöcke entfernt. Das macht die Sicht noch freier“, sagt Hartmut Seidlein. Sein Lieblingsort: das Neubaugebiet auf dem ehemaligen Busbahnhof hinter der Erwin-Fischer-Schule. „Dort gehen wir oft spazieren“, sagt der ehemalige Bahnmitarbeiter.

Aufbaustunden, um so eine Wohnung zu bekommen

Schnell wird klar: Wer die Wörter „Schönwalde I“ und „Getto“ in den Mund nimmt, stößt bei dem Ehepaar auf Unverständnis. „Wir waren schon mal in Afrika. Dort gibt es Gettos. Schönwalde I und auch kein anderer Stadtteil in Greifswald kann als Getto bezeichnet werden“, sagt Marianne Seidlein in einem ernsten Ton.

Das kommt nicht von ungefähr. Die Plattenbauten, die in den 60er-Jahren in Schönwalde I hauptsächlich für die Arbeiter des Kernkraftwerkes Lubmin errichtet wurden, waren zu der Zeit Luxus. Was heute normal erscheint, war in den Altbauten der Stadt, kein Standard. Kohleofen statt Heizung, Toilette auf der Etage oder auf dem Hof. Auch Marianne Seidlein erinnert sich noch gut an ihre Kindheit in diesen Altbauwohnungen.

„Jede einzelne Stunde wurde angerechnet“

Und sie erinnert sich genau daran, wie viel Arbeit notwendig war, um eine neue Wohnung in den Plattenbauten zu bekommen. Neben dem Kauf von Genossenschaftsanteilen, heute Geschäftsanteile genannt, mussten bis zur Wende Wohnungsinteressenten Aufbaustunden leisten. Je nach Wohnungsgröße ging es dabei um hunderte Arbeitsstunden, die in verschiedenen Bereichen absolviert werden mussten.

Dieser Stadtteil ist geprägt von Wandel und Entwicklung.

Nicht für ihre jetzige Wohnung, aber für eine neue Wohnung vor der Wende musste auch Hartmut Seidlein Aufbaustunden leisten. Sein Einsatzort war unter anderem der Tierpark. Dort habe er Zäune gestrichen, die Grünflächen gemäht oder sich um die Wege gekümmert. „Jede einzelne Stunde wurde angerechnet“, erinnert er sich. Manchmal wurden auch für projektbezogene Leistungen wie den Bau eines Schuppens mehr als die geleisteten Stunden angerechnet.

Was kaum noch vorstellbar ist, war Teil des Genossenschaftsprinzip. Ob das heute noch funktionieren würde? „Das wäre auf jeden Fall arbeitsrechtlich illegal“, sagt Marianne Seidlein und lacht. Wegziehen will das Ehepaar nicht. „Wir wollen hier so lange wie möglich bleiben“.

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