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Greifswald Schreiadler wird zum Helden der Opernale 2019
Vorpommern Greifswald Schreiadler wird zum Helden der Opernale 2019
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17:45 07.08.2019
Die Puppenspieler Heiki Ikkola und Sabine Köhler mit dem Sänger Collin André Schöning (v.l.) in „Clanga pomarina. Die Schreiadleroper“. Quelle: HGW
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Vorpommern

Dunkelbraun ist er und ziemlich unscheinbar. Auf den ersten Blick erinnert die Figur wenig an Draufgängertum. Doch Rainer hat das Zeug zum Helden. Zum Opernhelden gar. Denn in „Clanga pomarina“ mausert sich der kleine Vogel vom unauffälligen Gesellen zum Herzensbrecher der Zuschauer. Das Publikum der „Schreiadleroper“ wird anders aus dieser neuesten Produktion der Opernale-Macher herauskommen als es hineingegangen ist. Denn diese Geschichte bewegt. Wer sie erleben will, sollte sich sputen: Die mobile Bühne macht in den 13 Vorstellungsorten zwischen Ribnitz an der Recknitz und Stolpe an der Peene nur jeweils einmal Halt. Die Uraufführung feiern die Akteure passend zum Thema am Sonnabend im Vogelpark Marlow.

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„Am Anfang war es ein Zeitungsartikel, der bei uns große Heiterkeit ausgelöst hat“, sagt Henriette Sehmsdorf, künstlerische Leiterin der Opernale und zugleich Regisseurin der aktuellen Produktion. „Darin wurde gemutmaßt, wie sich ein Schreiadler äußert. Eher ’Tjück, tjück’ oder ’Huigück’.“ Anlass für die Künstler, sich einmal näher mit dem vergleichsweise kleinen Vertreter der Greifvögel zu beschäftigen, der in Vorpommern zu Hause ist. Deshalb trägt der auch als Pommernadler bezeichnete Geselle den wissenschaftlichen Namen Clanga pomarina. Mit nur noch etwa 100 Brutpaaren steht er auf der Roten Liste der bedrohten Vogelarten in Deutschland. Ein Adler, der durch seine Lebensweise und hohen Ansprüche an eine intakte Umwelt auch viele existenzielle Themen der Gesellschaft berührt: Natur und Umwelt, Klimawandel und Artensterben, Landwirtschaft und Energiegewinnung... Reichlich Zündstoff für die Bühne. Zumal sich mit dem Schreiadler Rainer ein tatsächlich existierender Protagonist fand. „Er schlüpfte am 21. Juni 2009 in einem Waldstück nahe Neubrandenburg aus einem Ei“, berichtet Henriette Sehmsdorf. Ornithologen verpassten ihm einen GPS-Sender, „sodass alle seine Flugbewegungen aufgezeichnet wurden, bis sein Leben am 31. Oktober 2017 ein plötzliches Ende fand“, erzählt sie.

Spannende Reise ins Winterquartier

Wie spannungsgeladen, ja aus menschlicher Sicht gar dramatisch sein Leben verlief, das vermitteln die Akteure des Festivals auf künstlerisch hohem Niveau ebenso witzig wie herzergreifend. Gespickt mit vielen Daten und wissenschaftlichen Fakten über die Greifvogelart erwecken Jacoba Arekhi (Sopran), Collin André Schöning (Tenor) und Lars Grünwoldt (Bariton) sowie die beiden Puppenspieler Sabine Köhler und Heiki Ikkola den Geist des Schreiadlers zu neuem Leben. Rainers Geschichte erhält ein Gesicht – von der Geburt bis zum Tod. Die Besucher werden Zeuge der Aufzucht des Kükens, der Futtersuche in den Flussniederungen Vorpommerns und tragischer Ereignisse auf der Reise ins Winterquartier nach Afrika, hinweg über die Krisengebiete dieser Welt. Dabei bedienen sich die Künstler mit einer großen Projektionswand als Hintergrund inklusive moderner Filmtechnik einem simplen, aber sehr effektvollen Bühnenmittel.

Sänger Lars Grünwoldt bei der Opernale 2019. Quelle: HGW

Und natürlich darf bei all den Videoclips von Anne Peschken, den Gesängen, Spielszenen mit der Puppe Rainer die Musik nicht fehlen! Mit gewohnt kreativer Professionalität näherte sich der Komponist und Pianist Benjamin Saupe dem vom Aussterben bedrohten Vogel, ließ reichlich stilistische Vielfalt walten: „Von Barockarien, arabischen Klängen, oratorischer Musik bis hin zum Schlager und einem kleinen Ragtime ist vieles mit dabei“, macht der musikalische Leiter der Opernale neugierig. Nicht zuletzt sei es für ihn eine Herausforderung gewesen, die Lautäußerungen des Pommernadlers zu verwandeln, verrät er. „Tjück, tjück“ oder „Huigück“? Das Publikum darf sich von den Klavier- und Flötentönen überraschen lassen. Ebenso wie von der Begeisterungsfähigkeit der Mitstreiter, die etwa Lars Grünwoldt ins Gesicht geschrieben steht.

Regional und politisch

Zum sechsten Mal ist der gestandene Opern-, Konzert- und Liedsänger beim Festival mit dabei. Und zwar aus purer Lust und Überzeugung: „Die Opernale hat einen hohen künstlerischen Anspruch, setzt Akzente. Sie bringt gute Leute zusammen, ist obendrein noch regional sowie politisch und trotzdem unterhaltsam“, urteilt er über die bisherigen Inszenierungen. Mit der neuesten Produktion „hat sich Henriette Sehmsdorf selbst übertroffen“, lobt der Künstler, der über zehn Jahre in Berlin lebte und arbeitete, bevor er der Opernale wegen nach Greifswald zog und dort mittlerweile auch als Dozent am Institut für Kirchenmusik der Universität arbeitet.

Zwei junge Schreiadler: Einer fliegt aus dem Nest. Die Puppenspieler Sabine Köhler und Heiki Ikkola in Aktion. Quelle: HGW

Mit Spaß sind auch Sabine Köhler und Heiki Ikkola, Kunstpreisträger der Stadt Dresden, dabei. Seit 2006 agieren die beiden als Compagnie und entwickeln unter dem Namen „Freaks und Fremde“ auch eigene Stücke mit verschiedenen Genres. Die Mitwirkung an einer Oper indes „ist für uns schon etwas Besonderes“, offenbart Ikkola und berichtet, dass Sabine Köhler die Figur des Rainers selbst baute. Ein Adler, der immer wieder weit die Flügel spreizt und auf der Bühne quasi symbolisch die Welt vermisst. Im Sommer in Pommern, im Winter in Afrika. „Die Frage, ob ich nun Afrikaner oder Europäer bin, habe ich mir nie gestellt“, sagt Rainer, der sich so seine Gedanken über die Menschen macht. Und die Menschen machen sich Gedanken über ihn. Über den „obligatorischen Kainismus“ zum Beispiel, wie die ihm angeborene Tötungshandlung bezeichnet wird, wenn ein Küken vom Altvogel eliminiert wird. Schaurig, aber nicht das Ende.

Das Land unterstützt die Opernale

Henriette Sehmsdorf jedenfalls freut sich, dass die Opernale wieder auf Tour zu den Menschen in Vorpommern geht. Hin zu außergewöhnlichen Spielorten. Vom Vogelpark Marlow war schon die Rede. Doch auch der Pferdestall in Kirchdorf (Sundhagen), das Klanghaus am See in Klein Jasedow oder Schloss Kummerow bei Malchin bieten den Akteuren eine hervorragende Bühne für ein Vorhaben, das unterm Strich rund 150000 Euro koste. Deshalb ist Sehmsdorf auch dankbar darüber, dass das Land MV dem Opernale-Verein von 2019 bis 2021 eine Projektförderung in Höhe von 90000 Euro pro Jahr zukommen lässt. „Damit ist es uns möglich, auch jungen, talentierten Künstlern den Rücken zu stärken“, sagt sie. Die Sängerin Jacoba Arekhi habe gerade ihren Masterabschluss feiern können und Collin André Schöning den Bachelor, bevor er seine Ausbildung demnächst fortsetze. Da aber auch die Landesmittel nicht ausreichten, um die Opernale stattfinden zu lassen, freue sie sich über die finanzielle Unterstützung weiterer Partner und Förderer.

Sängerin Jacoba Arekhi (vorn) mit den Puppenspielern Sabine Köhler und Heiki Ikkola. Quelle: HGW

Das sind die Spielorte in diesem Jahr

10. August, 19 Uhr: Premiere im Vogelpark Marlow

16. August, 20 Uhr: Pferdestall in Kirchdorf (Sundhagen)

17. August, 20 Uhr: Kirche Starkow bei Velgast

18. August, 17 Uhr: Klanghaus am See in Klein Jasedow

23. August, 20 Uhr: Kirche Nehringen bei Grammendorf

24. August, 20 Uhr: Peter-Tucholski-Haus in Loitz

25. August, 15 Uhr: SOS-Dorfgemeinschaft Hohenwieden Grimmen

30. August, 20 Uhr: Schloss Kummerow

31. August, 20 Uhr: Landhof Trittelwitz bei Schönfeld

1. September, 16 Uhr: Burg Klempenow bei Breest

5. September, 20 Uhr: Gutshaus Stolpe an der Peene

6. September, 20 Uhr: Kloster Ribnitz, Ribnitz-Damgarten

7. September, 20 Uhr: Pommersches Landesmuseum Greifswald

Karten auf www.mv-tickets.de, in allen Vorverkaufsstellen, bei den Mitveranstaltern vor Ort und unter www.opernale.de

Auch in diesem Jahr gibt es wieder die Opernale-Förderaktie. Die Aktionäre finanzieren mit ihrem Engagement anteilig die Uraufführung „Clanga pomarina. Die Schreiadleroper“ und unterstützen darüber hinaus den weiteren Aufbau des Opernale Instituts für Musik & Theater in Vorpommern. Die Förderaktie kommt einer temporären Fördermitgliedschaft im Verein Opernale e.V. gleich. Die Aktie kostet 70 Euro. Sie beinhaltet ein Ticket im Wert von 25 Euro für eine der Opernale-Aufführungen.

Von Petra Hase

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