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Greifswald Stellnetzfischer starten in schwierige Heringssaison
Vorpommern Greifswald Stellnetzfischer starten in schwierige Heringssaison
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10:24 27.02.2019
Der Freester Fischer Dirk Baumann ist in die Heringsfischerei gestartet. Quelle: Martina Rathke
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Freest/Sassnitz

Der Geruch von frisch gefangenem Hering liegt in der Luft. Möwen kreisen in Erwartung von fetter Beute über den Kuttern: In den vorpommerschen Häfen hat in diesen Tagen die Heringsfischerei begonnen. Etwa 70 Prozent der Jahreseinnahmen werden in der hiesigen Fischerei über den Hering, der als Brotfisch der Fischer gilt, erzielt. Doch in diesem Jahr ist die Freude über den Saisonstart getrübt. „48 Prozent Quotenkürzung gegenüber dem Vorjahr. Wer kann davon noch leben?“, fragt der Freester Fischer Dirk Baumann (53). Allein er rechnet in diesem Jahr mit 35 000 Euro weniger Umsatz. „Die Quotensenkung ist existenzbedrohend.“ Reden will Baumann eigentlich nicht: „Die Fischerei kennt nur noch einen Weg“, sagt er und zeigt mit dem Daumen nach unten.

Höhere Dorschquote kann Minus bei Hering nicht kompensieren

Der Hafen in Freest gilt als bedeutende Basis für die Heringsstellnetzfischerei. Für die Genossenschaft bedeutet die Quotenkürzung nicht nur 700 Tonnen Heringe weniger als 2018, sondern erhebliche Umsatzeinbußen „Die Frage steht, ob die Fischer in diesem Jahr über den Sommer kommen“, so der Geschäftsführer der Freester Fischereigenossenschaft, Michael Schütt. Zwar sei die Dorschquote um 70 Prozent gestiegen, in der Summe mache das für die Freester Fischerei, die traditionell auf den Heringsfang ausgerichtet ist, ein Plus von nur 61 Tonnen Dorsch. „Die höhere Dorschquote kann die Einbußen beim Hering nicht kompensieren“, ist er überzeugt.

Hering aus Freest geht an dänischen Fischverarbeiter

Neben den 25 ortsansässigen Fischern gehen in diesem Jahr vier Haff-Fischer von Freest aus auf Heringsfang. Zusammen mit den Greifswalder und Usedomer Kollegen haben sich die Fischer schon vor Jahren zu einer Erzeugergenossenschaft zusammengetan, die ihre Heringsfänge nach Dänemark an den Fischverarbeiter „Scandic Pelagic“ vermarktet. Dort werde der Fisch filetiert und zu sogenannten „Lappen“ verarbeitet. Was ihn aber besonders wertvoll mache, sei der Rogen, der von Dänemark aus als Delikatesse nach Japan gehe, berichtet Schütt. Über die Preise wollen die Fischer nicht reden, aber sie seien höher als im Sassnitzer EuroBaltic-Fischwerk. Am Dienstag rollte ein erster Lastwagen mit 16 Tonnen Hering von Freest und Greifswald aus nach Dänemark. Angesichts der niedrigeren Quote kann die Saison schneller als gedacht zu Ende sein.

Robben machen den Fischern zu schaffen

Die Stimmung bei den Fischern liegt am Boden, obwohl die Netze voll mit fett-glänzendem Hering von Baumanns Kutter über die Rolle aufs Band gleiten. Die Qualität der Fische sei auch in diesem Jahr top, erzählt Torsten Grabow, der direkt neben Baumann seinen Kutter entleert. Rund 3,5 Tonnen Fisch landete Grabow allein am Dienstag an. Mit den ersten Fängen dieser Saison sei er sehr zufrieden, wenn da nicht die Kegelrobben wären. Allein in diesem Jahr habe er bereits zwölf Netze verloren, berichtet er. Manchmal blieben nur noch die Kiemendeckel übrig, die dann mühselig aus den Netzen gepellt werden müssten. „Die Robben bedienen sich an den Netzen wie an einem reich gedeckten Büfett.“ Die Fischer vermuten, dass die versierten Fischjäger auch die Heringe von den Laichplätzen vertreiben und die stetig wachsende Robbenpopulation – neben dem Klimawandel – eine wesentliche Ursache dafür ist, dass immer weniger Heringe im Greifswalder Bodden, der angestammten „Kinderstube“, nachwachsen.

Land lässt seit einem Jahr Schäden dokumentieren

Im vergangenen Jahr dokumentierte Grabow die durch Robben verursachten Schäden auf Fotos. Komplette Fänge habe er entsorgen müssen, berichtet er frustriert. Das Land lässt seit einem Jahr die an den Netzen verursachten Schäden und die entgangenen Fänge dokumentieren. Diese Daten sollten als Basis für mögliche Entschädigungsleistungen dienen. Doch entschieden ist bislang noch nichts. Fischer Dirk Baumann ist skeptisch und befürchtet, dass die Daten dafür verwendet werden, um die Fischerei noch stärker einzuschränken.

Die Sorge um Fangquoten kratzt am Selbstbewusstsein der einst so stolzen Branche. „Die Fischer werden zunehmend zu Leistungsempfängern“, berichtet Schütt. Stillliegeprämien würden zwar für eine Kompensation abgesenkter Fangquoten sorgen, brächten die Fischer aber zunehmend in Abhängigkeit von staatlichen Zahlungen. „Dabei wollen alle Fischer mit ihrer Hände Arbeit Geld verdienen.“ Nachwuchs gebe es kaum noch – nicht nur weil sauberere Jobs mit regelmäßigem Verdienst und familienfreundlicheren Arbeitszeiten locken. „Die Banken geben jungen Fischern keine Kredite mehr, weil die Einnahmen durch die jährlichen Fangquotenänderungen nicht mehr berechenbar sind.“

Läden und Gaststätten bringen mehr Einnahmen

Die Greifswalder Kollegen sehen die Lage ähnlich. Als Ilona Volkwardt 1993 in der Wiecker Fischereigenossenschaft begann, zählte die Organisation noch 18 Fischer. Jetzt sind es nur noch sieben. Die Greifswalder Fischer konzentrieren sich auf die Direktvermarktung ihrer Fänge, um damit höhere Preise zu erzielen. Mit zwei Läden und einer Gaststätte funktioniere das inzwischen ganz gut, sagt der Vorsitzende der FischereigenossenschaftGreifswalder Bodden“, Björn Michalak. Lediglich die Heringsfänge gingen noch an den Großhandel.

Rügens Fischer kämpfen mit Brexit-Auswirkungen

Auf der Insel Rügen hat die Fischerei derzeit mit anderen Sorgen zu kämpfen. Nicht nur die Halbierung der Fangquote in der Ostsee, sondern auch die 40-prozentige Absenkung der Nordseequote stellen das EuroBalticFischwerk, einem der größten Heringsverarbeiter in Europa, in diesem Jahr vor eine schwierige Situation. „Fünf Wochen vor dem angekündigten Brexit ist noch immer unklar, ob von uns auch nach dem 30. März Nordseehering in britischen Gewässern gefangen und im Fischwerk verarbeitet werden kann“, sagt Geschäftsführer Uwe Richter. Eine Übergangsregelung für 2019, die britischen und europäischen Fischern den gegenseitigen Zugang zu ihren Gewässern erlaubt, sei zwar vorbereitet, könne aber erst nach dem Brexit verhandelt werden. Von den etwa 50 000 Tonnen Hering, die pro Jahr in Sassnitz verarbeitet werden, stammten etwa 40 000 Tonnen aus der Nordsee. Im Fischwerk mit 140 festen und etwa 60 Saisonkräften landen derzeit die Schleppnetzfischer aus der Ostsee die letzten Fänge der Saison an. Seit einer Woche liefern die ersten Stellnetzfischer aus Vorpommern ihre Fänge an das Werk. Die Fangmengen seien mit zwei bis 15 Tonnen allerdings noch sehr niedrig.

Martina Rathke

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