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Greifswald Die Vinetasage als Inspiration für Weltliteratur
Vorpommern Greifswald Die Vinetasage als Inspiration für Weltliteratur
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15:53 07.04.2019
Vineta Festspiele Zinnowitz auf Usedom
Vineta Festspiele Zinnowitz auf Usedom Quelle: Hannes Ewert
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Vorpommern

 „Vineta, holder Wortesort erscheine, entschwebe deiner Zukunft, werde Traum.“ So reimte Theodor Däubler (1886 bis 1934) im Jahre 1910. Nein er „pflügt mit kühnen Wortkonstruktionen die Sprache“, schätzt der wortgewaltige Germanistikprofessor Gunnar Müller-Waldeck ein. In seinem „Gang durch das literarische Vineta“. Weiter pflügt Däubler: „Ich schaue dich in goldner Morgenreinem und dein Erschwellen wellt Gewitterschaum. Du Wendenwahn Vineta, Wind der Wende, Du Wehmutswunsch erwache auf der Fluth, ...“ Nur ein Beispiel anregende Kraft der Vineta-Legenden, die Müller-Waldeck in seinem neuen Buch „Die Torte in der Landschaft. Unterhaltsame kulturgeschichtliche Streifzüge um Dichter, literarische Orte und Landschaften in Mecklenburg und Vorpommern“ belegt. Ob Vineta nun vor Barth, vor Koserow, vor Zinnowitz oder vor Wollin (Wolin) lag, das muss den Literaturwissenschaftler nicht interessieren und darauf muss auch keine Antwort geben. Auch Kap Arkona und der Peenemünder Haken sind Bewerber für den geschichtsträchtigen Ort. Die genaue Lokalisierung könnte für die Tourismuswerbung schädlich sein. Schließlich gibt es auf deutscher Seite das Vinetamuseum in Barth, die Vinetafestspiele der Vorpommerschen Landesbühne Anklam. Auch das heute polnische Wollin knüpft mit alljährlichen Festspielen der Slawen und Wikinger an das die märchenhaft reiche Stadt an, in der Schweine angeblich aus goldenen Trögen fraßen.

Müller-Waldeck schreibt von einer Legion der Vineta-Belletristik, von er nur einige Kostproben bringe. So enthält der Roman „Effi Briest“ von Theodor Fontane, dessen 200. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, Anspielungen auf Vineta. Die laut Sage wegen der Hochmut und Verschwendung ihrer Bewohner untergegangene Stadt ist dank der schwedischen Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf (1858 bis 1940) über den Roman „Nils Holgersson“ sogar „in schöner Variante in die Weltliteratur gekommen“. Denn der Storch und „echte Pommer“ Herr Emerich zeigt dem Märchenhelden auch seine Heimat. „Er setzt ihn am Strand nahe der versunkenen Stadt Vineta (der Sage nach bei Koserow) ab“, schildert Müller Waldeck. „Diese tauchte just an diesem Tag aus den Fluten auf. Der Junge, der eine gefundene Kupfermünze verächtlich in den Sand trat, streift über Straßen und Markt und muss erleben, wie all die Händler auf ihn zustreben, um ihm – und sei es für das geringste Geld - ihre wertvollen Güter anzubieten: Ein einziger Handelsvorgang und die nur aller hundert Jahre aufsteigende Sagenstadt erlöst worden, – so muss sie wieder herunter, denn der Junge findet die so verachtete Münze zu spät wieder.“

Gunnar Müller-Waldeck nennt in seinem amüsant zu lesenden Buch noch viele Beispiele der inspirierenden und vor Habgier und Prunksucht warnenden Vinetageschichte. So bemerkte Christian Morgenstern menschheitskritisch an: „Wir leben doch alle auf dem Meeresgrund (dem Grund des Luftmeeres) Vineta“. Auch Heinrich Heine nahm sich des Stoffes an. In seinem Gedicht „Seegespenst“ sieht ein Jüngling im Wasser „Kirchenkuppel und Türme“, Männer „mit langen Degen und Gesichtern“ sowie „seidenrauschende Jungfrauen“, darunter die „Immergeliebte“. Eben dieses Gedicht nutzte Fontanes Frauenversteher Major Krampas um per literarischer Bildung Effi Briest zu bezirzen.

Laut Müller-Waldeck sind die mit Vineta verbundenen Liebesgeschichten offenbar eine Zugabe der Romantik. Der Stoff eignet sich zudem für unterschiedliche Deutungen zu den Protagonisten. Für den in Greifswald geborenen Dichter und Theologenspross Hermann Frinelius (1819 bis 1849) war klar, dass hier „ein plumper Tempel“ des Slawengottes Swantewit stand, dass sich die heidnische Märchenstadt nach christlicher Erlösung sehnt. Wie Müller-Waldeck anmerkt, hat der linke Kabarettist, Dichter und Theaterautor Juri Soyfer (1912 bis 1939) in Österreich 1937 mit „Vineta“ ein besonderes Stück vorgelegt. Das Stück illustriere eine absurd-tote Welt vor, „die am meisten noch jener österreichischen kurz vor der Nazibesetzung entspricht:

Die Vinetasage ist nur eines von vielen interessanten Themen in Müller-Waldecks Buch. Arkona, Maria Flint, die Meerstadt Stralsund, Ahrenshoop, Usedom, die Liste ist lang. Namensgeber ist Putbus, die „Torte in der Landschaft“.

Das Buchvon Gunnar Müller-Waldeck ist bei Edition Pommern erschienen: Die Torte in der Landschaft. Unterhaltsame kulturgeschichtliche Streifzüge um Dichter, literarische Orte und Landschaften in Mecklenburg und Vorpommern. ISBN: 978-3-9396880-42-0. Es kostet 1,90 Euro und hat 208 Seiten.

Eckhard Oberdörfer