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Greifswald „Die Hoffnung stirbt zuletzt“
Vorpommern Greifswald „Die Hoffnung stirbt zuletzt“
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23:19 02.04.2019
Maik (53) aus Greifswald bezieht seit Jahren Hartz 4. Quelle: Kai Lachmann
Greifswald

Vorurteile gegenüber Hartz-4-Empfängern hat der Greifswalder Maik schon zahllose gehört. „Zum Beispiel, dass Hartz-4-Empfänger keine Steuern zahlen würden. Das ist so falsch. Ich bezahle Steuern auf Lebensmittel, so wie jeder andere auch. Ich zahle Steuern auf Strom und wer ein Auto hat, der zahlt auch Kfz-Steuern. Selbst auf Hundefutter zahlt man Steuern. Klar, die Einkommenssteuer fällt bei mir nicht an. Aber sollten sie mir die etwa auch noch abziehen?“ Doch anstatt sich darüber aufzuregen, hält sich der 53-Jährige lieber zurück. „Ich lass' sie quatschen.“

Maik bezieht seit knapp zehn Jahren Hartz 4. In dieser Zeit hat er einiges durchgemacht, sodass ihm Vorurteile nicht viel anhaben können. „2005 etwa habe ich angefangen zu trinken. Damals war ich in Lubmin beim Wachschutz. Der Schichtdienst hat mich krank gemacht. Feierabendbiere habe ich auch getrunken, wenn ich morgens nach der Arbeit nach Hause gekommen bin. So fing das dann an. Irgendwann habe ich dann meinen Job verloren – und den Halt. Schulden hatte ich auch noch angehäuft. Aber anstatt meinen Verpflichtungen nachzukommen, habe ich mich gehen lassen. Erst siehst du nicht ein, dass du ein Trinker bist, willst es nicht wahrhaben. Und dann siehst du es irgendwann doch ein – aber es ist dir egal.“

„Erfrischung“ auf dem Weg zum Jobcenter

Die Trinkerei hat auch nicht aufgehört, als Maik zum Kunden des Jobcenters wurde. Immerhin hat er die regelmäßigen Termine alle wahrgenommen, wie er sagt. Aber: „Auf dem Weg dorthin kam ich an einer Kaufhalle vorbei. Da konnte ich mich dann erst mal ,erfrischen'. Und auf dem Weg zurück gab es die nächste Erfrischung.“ Dass die Jobcenter-Besuche nicht viel gebracht haben, liegt auf der Hand: „Sie sind ja betrunken“, sagte seine Bearbeiterin zu ihm. „Na und“, antwortete Maik. „Auf dem Zettel stand nicht, dass man hier nüchtern herkommen soll.“ Die Chemie zwischen den beiden habe eh nicht gestimmt, blickt er zurück.

Mittlerweile hat sich das Blatt für Maik gewendet. Seine Freundin Heike hat ihm geholfen und dabei unterstützt, trocken zu werden. Sie hat ihm den Halt zurückgegeben und seit Jahren rührt Maik keinen Tropfen mehr an. Er ist ein sympathischer Typ mit einer positiven Lebenseinstellung, spielt Theater und schreibt Gedichte. Wegen der Schulden hat er Privatinsolvenz angemeldet. Die Zeit ist seit Kurzem um. Einen Job hat der gelernte Elektronikfacharbeiter mittlerweile, wenn auch einen, bei dem die Bezahlung wie purer Hohn anmuten mag: Es ist ein Ein-Euro-Job. „Am Greifswalder Dom mache ich alles Mögliche: einräumen, ausräumen, Grünflächen pflegen,... Immerhin habe ich etwas zu tun. Ich leiste etwas für die Stadt. Ich arbeite zwar 20 Stunden in der Woche. Ein Sprungbrett auf den ersten Arbeitsmarkt“, sagt Maik, „ist so ein Ein-Euro-Job aber nicht.“ Und mit dem dazuverdienten Geld kommt er auch nicht besonders weit – genauer gesagt vorwiegend nur bis zum Dom und zurück. „Von den 80 verdienten Euro kaufe ich mir eine Monatskarte für den Bus und dafür in dann 30 Euro schon gleich wieder weg.“

Ein normaler Job – das wär's

Ein Hausmeisterposten oder ein Job als Lagerarbeiter – das wär's, meint Maik. „Aber die wenigen Stellen, die es gibt in Greifswald, gehen immer weg wie warme Semmeln.“ Da würden auch die sechs oder sieben PC-Lehrgänge und die Bewerbungsmaßnahmen nichts bringen, mit denen ihm das Jobcenter zu helfen versucht hat. Bei manch einem „Wie schreibt man eine Bewerbung?“-Kurs wurde ihm mitunter erzählt, dass das, was er im letzten Kurs gelernt hat, nun nicht mehr stimme und er das nun noch einmal neu lernen müsse. Bis das dann im nächsten Kurs wieder als überholt gegolten hat.

Und so ist es bei ihm bis auf eine Ausnahme bislang bei Hartz 4 geblieben. „Mehrere Monate war ich mal als Zeitarbeiter bei einer größeren Greifswalder Firma. Aber die haben dann Personal abgebaut. Und wer geht in so einer Situation zuerst? Die Zeitarbeiter.“ Da die Grundsicherung schon so viele Jahre seine Lebenssituation bestimmt, was hält er von dem Hartz-4-System? „Keine Ahnung“, sagt er, überlegt kurz und sagt dann: „Ist total daneben.“ Warum? „Man kommt schwer wieder raus. Man hat auch keine Chance, das eigene Rentenniveau zu erhöhen, weil man nichts einzahlt.“ Private Vorsorge ist auch nicht möglich. „Wäre man ein knallharter Sparer, könnte man vielleicht ein kleines bisschen zurücklegen. Aber das schafft keiner.“ 53 Jahre ist der Greifswalder nun alt und hofft, dass er doch noch etwas für seine Rente tun kann: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

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Kai Lachmann

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