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Greifswald Sozialer Wohnungsbau in Greifswald: Fördern statt Verbilligen
Vorpommern Greifswald Sozialer Wohnungsbau in Greifswald: Fördern statt Verbilligen
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15:14 24.01.2019
Würden gern mehr Sozialwohnungen bauen lassen: Jeannette von Busse und Thilo Kaiser, hier vor dem Greifswalder Rathaus (rechts). Quelle: Petra Hase
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Greifswald

Die Wohnungssuche in Greifswald kann knifflig sein. Die Stadt braucht mehr bezahlbaren Wohnraum, lautet daher auch eine der Forderungen, die immer wieder laut werden, speziell Sozialwohnungen stehen dabei im Fokus. Nachdem die SPD-Fraktion eine Verbilligungsrichtlinie forderte, präsentierte die Verwaltung nun ihre Ideen, um den sozialen Wohnungsbau weiter voranzubringen. Im Interview mit der OZ sprechen Bausenatorin Jeannette von Busse (CDU) und Bauamtsleiter Thilo Kaiser über Problemgrundstücke, Möglichkeiten für Sozialwohnungen im Sanierungsgebiet und warum eine Infokampagne für Wohngeld nötig ist.

Die Idee einer Verbilligungsrichtlinie kam bei ihnen nicht gut an. Warum?

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von Busse: Die Verbilligungsrichtlinie sah vor, dass wir städtische Grundstücke für Bauvorhaben mit Sozialwohnungen pauschal vergünstigt abgeben. Da wir aber nicht unendlich viele Grundstücke haben, schränkt das den Kreis unserer Einflussnahme schon mal sehr ein. Wir stellen uns stattdessen eine Bezuschussung von konkreten Bauvorhaben vor, das könnte sowohl städtische als auch private Flächen betreffen, sofern das Thema sozialer Wohnungsbau angeschnitten wird. Man erhöht den Kreis der Förderberechtigten und reduziert die Förderung gleichzeitig auf die Vorhaben, die man wirklich braucht.

Kaiser: Wir wollen die Baukosten fördern, und nicht den Grundstückspreis, der für die Investoren auch häufig nicht die entscheidende Rolle spielt. Basis hierfür müsste eine Untersuchung sein, die uns erstmal aufzeigt, was an Sozialwohnungen überhaupt benötigt wird. Wie viele Menschen derzeit eine Sozialwohnung bewohnen, lässt sich leicht herausfinden, aber wie viele Menschen theoretisch einen Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein hätten, ist schon eine schwierigere Aufgabe.

Im Stadtentwicklungskonzept (ISEK) werden konkrete Zahlen genannt. . .

Kaiser: Ja, dort wird von 40 benötigten Wohneinheiten im sozialen Wohnungsbau pro Jahr ausgegangen. Hierbei handelt es sich aber um Prognosen. Wir liegen derzeit am oberen Ende des errechneten Korridors, es sind also mehr Menschen nach Greifswald gekommen als prognostiziert. Wie sich der Zuzug in den kommenden Jahren tatsächlich weiter entwickeln wird, lässt sich nur schätzen. Wir können uns zwar an den Einwohnerzahlen orientieren, aber es gilt ja zu ermitteln, welche Sozialwohnungen benötigt werden, ob es sich um kleinere oder größere Wohnungen handelt zum Beispiel. Wir bekommen Informationen von den kommunalen Wohnungsunternehmen, aber damit decken wir nur rund die Hälfte des Wohnungsmarktes ab. Für eine umfassende Untersuchung des Bedarfes müssten wir uns externe Hilfe heranziehen.

Welche städtischen Grundstücke kämen denn für den Verkauf und für den Bau von Sozialwohnungen überhaupt in Frage?

von Busse: Die unproblematisch bebaubaren Grundstücke der Stadt sind in der Regel schon vergeben. Bei denen, die jetzt noch übrig sind, ist die Lage meist komplizierter. Entweder der Baugrund ist schwierig, es liegt kein B-Plan vor oder der Zuschnitt ist ungünstig. Wir müssten jedes mögliche Gebiet noch einmal hinsichtlich der Kriterien für den sozialen Wohnungsbau untersuchen. Ist es bebaubar, auch mit mehrgeschossigen Wohnhäusern, wie sieht die Infrastruktur aus? Wir hoffen, dass wir in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Ämtern zu einer aussagekräftigen Liste kommen.

Kaiser: Es handelt sich um die Bereiche, die im ISEK auch schon mal benannt waren. Zum Beispiel der B-Plan 55, der B-Plan 114 , der scheidet aber wegen der Bodenbeschaffenheit zunächst aus, oder Gebiete östlich der Stralsunder Straße. Prinzipiell wird es schwieriger, je weiter man sich vom Zentrum entfernt – schließlich muss eine Nähe zu Einkaufsmöglichkeiten, Schulen, Kindergärten und dem Öffentlichen Nahverkehr ja auch gegeben sein. Daher sind die vorhandenen Plattenbaugebiete eigentlich auch gut geeignet.

Dort stehen ja auch noch Wohnungen leer, könnte man die nicht umwandeln?

Kaiser: Im Ostseeviertel Ryckseite haben wir zum Teil einen gewollten Leerstand. Es gibt Pläne der WVG, dort Blöcke komplett abzureißen und neu zu bauen. Dafür müssen diese Häuser natürlich zunächst leergezogen werden. Dort werden wieder Wohnungen entstehen, vielleicht ja auch im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus. Aber wir werden jetzt nicht von oben herab sagen, es müssen so und so viele Sozialwohnungen entstehen.

Das Land ist mit seiner Wohnraumförderrichtlinie bereits einen Schritt in die Richtung gegangen. Können Investoren in Greifswald dann auf doppelte Unterstützung hoffen?

von Busse: Wir haben die Einführung dieser Wohnraumförderrichtlinie vor drei Jahren sehr begrüßt, es haben seitdem auch zwei private Bauvorhaben und die WVG von dieser Förderung profitiert. Rund 100 Wohneinheiten sind so entstanden beziehungsweise entstehen noch. Für uns ist es jetzt wichtig zu klären, wo diese finanzielle Förderung nicht ausreicht, am besten wäre es, wenn die Stadt noch bestehende Finanzierungslücken schließen könnte. Wir dürfen nur nicht Gefahr laufen, dass das Land die Förderung für Projekte aussetzt, bei denen wir fördern. Wie genau unserer Förderungsansatz aussehen könnte, müssen wir aber erst überprüfen. Denkbar wären zum Beispiel Pauschalförderungen je Wohneinheit oder Quadratmeter Sozialwohnung, aber auch Förderung der Erschließung. Noch handelt es sich ja um Ideen, die Bürgerschaft muss entscheiden in welche Richtung es weitergeht.

Auch das Thema Sanierungsgebiet kommt in ihren Vorschlägen vor. . .

von Busse: Die Bürgerschaft hat einen Kriterienkatalog beschlossen, nach dem städtische Grundstücke im Sanierungsgebiet, also Innenstadt/Fleischervorstadt, abgegeben werden können. Hier zählt nicht das Höchstgebot, sondern ein Punktekatalog, bei dem auch die Nutzungsform bewertet wird. Man könnte den Aspekt Bereitstellung von sozialem Wohnraum ja mit in den Kriterienkatalog aufnehmen. Wir haben noch mehrere Grundstücke im Sanierungsgebiet, die mit Mehrfamilienhäusern mit je sechs bis zehn Wohnungen bebaut sind, ein Umbau zu Sozialwohnungen könnte sich dann positiv auf die Verkaufsentscheidung der Stadt auswirken.

Ganz anderer Ansatzpunkt ist der Vorschlag, das Wohngeld bekannter zu machen. Wo liegen die Vorteile?

Kaiser: Diese Idee richtet sich weniger auf die Förderung des sozialen Wohnungsbaus, sondern viel mehr auf das Ziel, möglichst vielen Menschen bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen. Ganz gleich ob in einer Sozialwohnung oder einer günstigen Wohnung: Was an Kosten über einer leistbaren Miete liegt, wird vom Wohngeld abgedeckt. Ein großer Vorteil für die Stadtplanung wäre auch, dass man weniger Gefahr läuft, Wohnungsleerstand zu produzieren. Wenn der Bedarf an Sozialwohnungen nämlich dann doch abnimmt, hätten wir genau diese Situation.

von Busse: Das Problem ist, dass viele Menschen von den Möglichkeiten, Wohngeld zu beziehen, nichts wissen, beziehungsweise überzeugt sind, dass es nur für die Bezieher von Arbeitslosengeld in Frage kommt. Bei der Wohngeldstelle im Stadthaus kann man sich mit den nötigen Unterlagen schnell beraten lassen und erfahren, ob für einen Wohngeld in Frage kommt. Und Wohngeld hat natürlich auch den erheblichen Vorteil, dass es sich dabei um Bundes- und Landesmittel handelt, es also nicht von der Stadt finanziert werden muss. Das Geld, was so zusätzlich nach Greifswald fließt, könnte auch hier wieder ausgegeben werden, zum Beispiel im Einzelhandel.

Anne Ziebarth

24.01.2019
24.01.2019