Steigende Spritpreise in MV: Pendlerin aus Vorpommern bezahlt nun 50 Euro mehr im Monat
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Greifswald Steigende Spritpreise in MV: Pendlerin zahlt nun 50 Euro mehr im Monat
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Steigende Spritpreise in MV: Pendlerin aus Vorpommern bezahlt nun 50 Euro mehr im Monat

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18:12 21.10.2021
Simone Rakow (51) fährt jeden Tag 60 Kilometer mit dem Auto zu ihrem Arbeitsplatz nach Greifswald. Pendler sollten angesichts der hohen Spritpreise stärker entlastet werden, so Rakow.
Simone Rakow (51) fährt jeden Tag 60 Kilometer mit dem Auto zu ihrem Arbeitsplatz nach Greifswald. Pendler sollten angesichts der hohen Spritpreise stärker entlastet werden, so Rakow. Quelle: Martina Rathke
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Greifswald/Starkow

Frühmorgens um 5.20 Uhr steigt Simone Rakow im heimischen Starkow nahe Barth (Vorpommern-Rügen) in ihr Auto, startet den Motor, dreht das Radio auf und fährt über die B 105 zu ihrer Arbeitsstelle nach Greifswald: 60 Kilometer hin, 60 Kilometer zurück, fünf Mal in der Woche, macht 600 Kilometer pro Woche und 2600 Kilometer im Monat.

„Ich fahre gern mit dem Auto, weil ich mich gedanklich auf den Arbeitstag vorbereiten kann.“ Seit einigen Wochen vergeht ihr aber zunehmend die Lust an der Fahrt.

Keine Strandbesuche mehr

Die steigenden Spritkosten spürt die Berufspendlerin, die in der Poststelle der Uni Greifswald arbeitet, im Portemonnaie. Statt 1,10 Euro pro Liter Diesel wie vor einem Jahr muss sie jetzt mit 1,55 Euro deutlich tiefer in den Geldbeutel greifen. Etwa 50 Euro monatlich zahlt die Starkowerin nun mehr – nur für die Fahrt zum Arbeitsplatz.

Das Problem: Die Preisexplosion an der Tankstelle wird nicht durch eine höhere Pendlerpauschale aufgefangen. Die Kosten versucht die Starkowerin jetzt an anderer Stelle zu sparen. „Ich bin früher gern mit meinem Mann und Hund nach Zingst an den Strand gefahren, gerade im Herbst“, erzählt sie. Sie reduziere inzwischen ihre privaten Fahrten, damit die Haushaltskasse nicht aus dem Gleichgewicht gerät.

139 000 Berufspendler in MV

Schon jetzt verzichtet Simone Rakow auf allzu sportliches Fahren, um den Spritverbrauch nicht nach oben zu treiben. Lastwagen überhole sie nur in Ausnahmen. Ansonsten fahre sie mit Tempomat. „Das spart ungemein“, sagt sie. „Meine Werkstatt staunt immer über meinen Durchschnittsverbrauch von 4,2 Liter.“

So wie Simone Rakow versuchen viele Pendler in MV die steigenden Spritkosten irgendwie abzufedern. Rund 139 000 Menschen pendeln täglich zu ihrem Arbeitsplatz, ein Teil nur in den Nachbarort, ein weitaus größerer Teil innerhalb des Kreises oder in den Nachbarkreis. Das geht aus der Beschäftigtenstatistik der Agentur für Arbeit hervor. Allerdings gibt es keine Zahlen, mit welchem Fahrzeug die Pendler zu ihrem Arbeitsplatz kommen.

ÖPNV ist billiger, aber 40 Stunden mehr Fahrzeit im Monat

Simone Rakow hat überlegt, wie und wo sie die Kosten reduzieren kann. Mit ihrem Mann, der eine Erwerbsminderungsrente bezieht, verglich sie die Ausgaben für den Pkw mit den Kosten für den öffentlichen Personennahverkehr. Der Zug wäre eine Alternative. Theoretisch. Statt 300 bis 350 Euro pro Monat für das Auto würde sie eine Monatskarte der DB knapp 240 Euro kosten.

Praktisch hat der ÖPNV allerdings einen gewaltigen Haken. „Ich hätte am Tag statt zwei künftig vier Stunden Fahrzeit“, sagt Rakow. In der Woche würde sich die zusätzliche Fahrzeit auf zehn Stunden summieren, im Monat auf mehr als 40 Stunden. Eine ganze komplette Arbeitswoche würde die 51-Jährige pro Monat also oben drauflegen müssen, wenn sie die Bahn nutzt. „Das ist zeitlich gar nicht zu schaffen“, sagt sie.

Mit dem Rad zum Zug

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Der Zug hält nicht in Starkow. Zwar führt die Bahnlinie am Dorf vorbei, allerdings fehlt ein Haltepunkt. Die Bahnstation in Starkow sei nach der Wende wegrationalisiert worden, sagt die Pendlerin. Einen Bus, der sie pünktlich zum Bahnhof bringen würde, gibt es nicht. Der erste Bus fährt 6.52 Uhr in ihrem Dorf ab. Ihre Arbeit in Greifswald beginnt um 6.45 Uhr. „Ich müsste um fünf Uhr mit dem Fahrrad zu Hause losfahren, damit ich den Zug in Velgast erreiche.“ Fünf Kilometer auf dem Rad an einem frühen Sommermorgen sei ja ganz okay, findet Rakow. Nicht aber im Herbst, wenn Regen und Sturm über den freien Acker blasen oder im Winter bei Glatteis und Schnee.

„Die Pendlerpauschale muss erhöht werden“

Um 15.30 Uhr endet ihr Arbeitstag in Greifswald. Statt nach Feierabend direkt mit dem Pkw nach Hause zu fahren, könnte sich die Bürokauffrau vor der Bahnfahrt erstmal Zeit nehmen. Der nächste Zug nach Stralsund fährt 16.23 Uhr. Um 17.10 Uhr wäre sie in Velgast, müsste dann aufs Fahrrad steigen, um fünf Kilometer später in Starkow anzukommen. Ihr Fazit: „Selbst wenn ich wollte, wäre der ÖPNV keine ernsthafte Alternative zum Auto.“

Die Erhöhung der Pendlerpauschale sei notwendig, sagt sie. „Meine Bedenken sind aber die, dass die Politik sich in einem späteren Atemzug einfallen lässt, wie sie uns das Geld wieder aus der Tasche ziehen kann.“ Mit Grauen denkt Simone Rakow an 2022, wenn die Erhöhung der CO2-Abgabe erneut die Spritpreise in die Höhe treibt.

Bleibt also nur ein Umzug oder der Wechsel der Arbeitsstelle? Simone Rakow schüttelt energisch den Kopf. „Meine Arbeit ist mein Leben, so wie Starkow mein zu Hause ist.“ Sie wolle weder auf das eine noch auf das andere verzichten. Dafür schränke sie lieber ihre privaten Aktivitäten ein. Andere Menschen, die nicht im öffentlichen Dienst arbeiten, seien noch schlechter dran, findet sie. „Pendler, die nur den Mindestlohn verdienen, bekommen ein großes Problem.“

Von Martina Rathke