Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald Tausende Uni-Bücher landen auf dem Müll
Vorpommern Greifswald Tausende Uni-Bücher landen auf dem Müll
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:13 25.06.2018
Tausende Bücher sind auf dem Wertstoffhof an der Ladebower Chaussee gefunden worden. Sie stammen aus der Universitätsbibliothek. Quelle: Christian Miraß
Anzeige
Greifswald

Maja Ratzmann ist immer noch empört. Auf dem Wertstoffhof in der Ladebower Chaussee hat sie in der vergangenen Woche eine für sie belastende Entdeckung gemacht. „Dort liegen haufenweise literarische Schätze der Universität auf dem Müll, das muss man sich mal vorstellen“, erzählt die selbstständige Ärztin. „Nicht nur neuere Bände aus allen Fachgebieten, sondern auch wirklich alte Bücher.“ Allein die medizinischen Fachbücher seien eine Menge wert und für Studenten schwer zu bekommen, das wüsste sie noch aus ihren Greifswalder Studienzeiten. Den Bücherhaufen habe sie durch Zufall entdeckt. „Eigentlich wollte ich nur Pappe entsorgen“, erzählt sie. Sie könne sich nicht vorstellen, dass diese Bücher auf den Müll gehören.

Uni-Pressesprecher Jan Meßerschmidt bestätigt, dass es sich um regulär aussortierte Bücher aus der Unibibliothek handelt. „Jedes einzelne Buch, das aussortiert wird, wird penibel registriert“, so Meßerschmidt. „Es wurden insgesamt 4 607 Bücher entsorgt, zuzüglich von Resten, die bei der letzten Entsorgung nicht mehr in den Container passten.“ Die Entsorgungs-Container werden verschlossen, um nicht jedes Buch einzeln ausstempeln zu müssen. Warum diese Bücher nun aber offen auf der Zwischenlagerstätte des Entsorgers in der Ladebower Chaussee gelandet sind, vermag er nicht zu sagen. „Die Bücher wurden der Greifswald Entsorgung GmbH als Wertstoff übergeben.“ Die Entsorgerfirma war nicht zu erreichen, das Zwischenlager in der Ladebower Chaussee ist allerdings neben Bauschutt auch für Pappe zugelassen

Anzeige

Maja Ratzmann wandte sich nach ihrer Entdeckung an den Greifswalder Juristen Christian Miraß, der sich sofort zur Ladebower Chaussee aufmachte und die Situation fotografisch dokumentierte. „Ich bin Strafverteidiger, das Kulturgutschutzgesetz fällt also nicht in meinen täglichen Aufgabenbereich“, so Miraß. „Aber das, was ich dort gesehen habe, sieht sehr nach einem Verstoß dagegen aus.“Einen kleinen Teil der durch den Regen bereits feuchten Bücher konnte er sichern, für den Großteil gab es keine Rettung. „Das Kind ist in den Brunnen gefallen, Bücher die dem Regen ausgesetzt waren, sind in der Regel hinüber“, so der passionierte Büchersammler. Nun überlegt Miraß, der eine Kanzlei in Greifswald betreibt, Anzeige zu erstatten.„Die Aussonderung von Büchern und anderen Bibliotheksmedien ist ein notwendiger Bestandteil des kontinuierlichen Bestandsmanagements“, erklärt Jan Meßerschmidt. Ausgesondert würden zum Beispiel mehrfach vorhandene Bücher, wie sie nach der Zusammenlegung mehrerer Bibliotheksstandorte anfielen, beschädigte Bücher oder veraltete Medien. „Für jedes Exemplar erfolgt eine Einzelfallprüfung in einem mehrstufigen Verfahren“, so Meßerschmidt. „Nicht aussortiert werden Werke mit einer Archivierungspflicht, also historische Bestände, Regionalliteratur in Bibliotheken mit regionalem Sammelprofil sowie Einzelobjekte von besonderem wissenschaftlichen oder kulturellen Wert.“

Bücher aus dem frühen 19. Jahrhundert seien mit Sicherheit nicht darunter. Auszusondernde Medien würden, wenn es der Zustand zulässt und ein Interesse vorausgesetzt werden kann, anderen Bibliotheken und Antiquariaten angeboten. Ein Verkauf an die interessierte Öffentlichkeit sei wegen des großen Aufwandes, den das mit sich brächte nicht geeignet. Antiquariaten werden die Bücher aber zum Kauf angeboten. „Wir bekommen vor jeder Aussonderung eine Tabelle“, erklärt Ulrich Rose, Antiquar aus Greifswald. „Dann gibt man ein Gebot ab. Ich habe bereits einiges von der Unibibliothek gekauft. Als Landesbibliothek hat sie viele Bücher doppelt und dreifach, die für mich sehr interessant sind, vor allem aus dem Raum Vorpommern.“  Eine Entsorgung der Bibliotheksbücher erfolge nur, wenn die Medien nachweislich nicht mehr benötigt werden oder nicht mehr benutzbar sind, bestätigt Meßerschmidt.

Was eine Bibliothek aussortieren sollte, ist in der Aussonderungsrichtlinie für Bibliotheksgut des Landes Mecklenburg Vorpommern geregelt. Hier ist aber in Punkt sieben ein kleines Türchen für den Verbleib der Bücher offen gelassen worden. Ausgediente Bücher aus dem Bibliotheksbestand könnten auch kostenfrei abgegeben werden. „Für die Unibibliothek Greifswald kommt das leider nicht in Frage. Der Aufwand ist einfach zu hoch“, so Meßerschmidt. „Außerdem ist ein wissenschaftliches Buch zum Beispiel aus den 1990er-Jahren kaum noch relevant.“

Ziebarth Anne Friederike