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Greifswald „Theater muss sein!“
Vorpommern Greifswald „Theater muss sein!“
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00:00 09.12.2016
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Greifswald/Stralsund Theater tut gut, findet Christian Wilke, emeritierter Physik-Professor und Chef des TheaterfördervereinsHebebühne“ in Greifswald und Stralsund. Vor 20 Jahren hat sich dieser Verein gegründet, um das Theater Vorpommern zu stärken. Das Anliegen hat seither nichts an seiner Aktualität eingebüßt.

Vereinschef Christian Wilke liebt es, im Theater zu sitzen, vor allem bei Konzerten. „Das gibt mir so viel Lebensfreude“, sagt der 75-Jährige. FOTO: S. Marx
Die Aufführungen beim Festival Tanztendenzen gehen immer wieder neue, unübliche Wege – so wie das Wolfpack 2014. Die Hebebühne kümmert sich um Sponsoren. FOTO: THEATER
Vereinschef Christian Wilke liebt es, im Theater zu sitzen, vor allem bei Konzerten. „Das gibt mir so viel Lebensfreude“, sagt der 75-Jährige. FOTO: S. Marx
Die Aufführungen beim Festival Tanztendenzen gehen immer wieder neue, unübliche Wege – so wie das Wolfpack 2014. Die Hebebühne kümmert sich um Sponsoren. FOTO: THEATER

Herr Wilke, die Hebebühne wird 20 Jahre alt, aber ist Ihnen angesichts der Theaterreform nach Feiern zumute?

Nicht wirklich, die Sparpläne der Landesregierung sind ja ein Armutszeugnis. Wir als Verein haben einen Brief an die Kultusministerin geschickt und hoffen, dass sie uns mal persönlich erklärt, warum es keine Alternative zu den geplanten Zusammenlegungen und Stellenstreichungen geben soll. Es ist ja so: Seit 1994 gibt das Land die gleiche Summe für die Theater in MV, Löhne und Energiekosten sind aber gestiegen. Das bedeutet: Der Stellenwert der Kultur im Landeshaushalt wird immer kleiner. Da muss doch etwas passieren! Wenn man Landespolitiker auf dieses Problem anspricht, betonen sie immer, wie wichtig ihnen Kultur sei. Aber wenn im Landtag Menschen säßen, die wirklich für das Theater brennen, würden sie den Etat einfach um 0,2 Prozent erhöhen, das könnte MV aus der Portokasse bezahlen.

Und dann brauchten wir diese unselige Reform gar nicht.

Was sagen Sie denn: Warum ist das Theater so wichtig, warum sollten wir uns Kultur überhaupt etwas kosten lassen?

Theater muss sein, weil es die Menschen aus dem Arbeitsalltag herausholt, ihnen neue Welten erschließt, Lebensfreude gibt, befreiend wirkt. Das Ballett Vorpommern ist, seit Ralf Dörnen es als Direktor führt, ein Leuchtturm im Norden. Zu den Premieren reisen sogar Besucher aus Berlin, Lübeck und Hamburg an. Auch die Konzerte sind oft lange im Voraus ausverkauft, die Oper hat ein hohes Niveau. Und mit dem Schauspiel, das nach dem Intendantenwechsel erstmal einen unglücklichen Start hingelegt hat, aber inzwischen viele erreicht – auch jüngere Leute – werden immer wieder Debatten angestoßen. Selbst wenn man eine Inszenierung nicht mag, kommt man darüber ins Gespräch. Ein gutes Theater ist auch wichtig für die Attraktivität einer Stadt. Leute, die zum Beispiel aus den alten Bundesländern als Professoren oder Ruheständler herziehen wollen, gucken doch vorher, ob hier kulturell was los ist.

Warum hatte sich der Verein Hebebühne 1996 gegründet?

Das Ballett sollte abgewickelt werden, und das hat einen Aufschrei gegeben. Führende Stadtpolitiker aus Greifswald, darunter Renate Schönebeck (SPD), Arthur König (CDU) und der damalige Bürgerschaftspräsident Thomas Meyer, haben gesagt: Dagegen müssen wir etwas tun. Zusammen mit anderen stadtbekannten Theaterenthusiasten haben sie die Hebebühne gegründet und es zum Ziel erklärt, das Theater finanziell und ideell zu unterstützen. Die Hansestadt Stralsund hatte auch einen Förderverein, 2001 sind seine Mitglieder zu uns gekommen. Heute haben wir nun 130 Mitglieder. Leider vor allem ältere Menschen, wir hoffen, dass auch wieder jüngere nachkommen, mit neuen Ideen und neuem Elan.

Was macht denn der Verein konkret?

Wir machen vieles möglich, was das Theater allein nicht schafft. Als vor 17 Jahren das Festival Tanztendenzen gleich wieder enden sollte, weil nach zwei, drei Jahren die Förderung durch eine Stiftung auslief, haben wir gesagt: Wir halten es mit Sponsoren am Leben. Wir organisieren Theaterfrühstücke, bei denen Künstler des Theaters zu Gast sind. Das sind immer fantastische Gespräche, man lernt etwas über die Künstler und ihre Sicht. Als das Theater Vorpommern einen neuen Flügel brauchte, haben wir Sponsoren gesucht, die bekannten Pianisten Annerose Schmidt und Matthias Kirschnereit gaben Benefizkonzerte. Wir haben Paten für die neuen Stühle im Greifswalder und Stralsunder Haus geworben, beim Klassenzimmerstück „Emil und die Detektive“ das Bühnenbild bezahlt. Auch den Theater-Kinderclub in Stralsund unterstützen wir. Kinder und Jugendliche fürs Theater zu begeistern, ist uns wichtig.

Aber sind das nicht alles Aufgaben, die das Theater eigentlich selbst übernehmen müsste?

Vielleicht. Aber das zeigt einfach, wie begrenzt die Mittel sind. Wenn das Theater den Flügel aus eigener Tasche hätte zahlen müssen, hätte irgendetwas anderes Notwendiges gestrichen werden müssen.

Da wollten wir nicht tatenlos zusehen.

Was glauben Sie, was Sie im Fall der Theaterreform bewirken können?

Schwer zu sagen. Damals, als das Ballett abgewickelt werden sollte, hat sich die Hebebühne immer wieder dagegen positioniert und damit etwas erreicht. Aber es war auch Glück, dass Ralf Dörnen als Ballettdirektor ans Haus kam und sich die Sparte dann großartig entwickelt hat. Im Blick auf die Reform müssen wir es jetzt schaffen, unsere Kritik bei den Landespolitikern anzubringen und Druck auszuüben.

Wie soll das gehen?

Zusammen mit anderen Fördervereinen des Landes fand eine große Protestdemonstration in Neustrelitz statt, in vielen Theatern haben die Zuschauer dem ehemaligen Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) die Rote Karte gezeigt. Alle Aktivitäten richteten sich gegen die angedachte Reform. Wir wollen kein Wandertheater, bei dem die Künstler ständig im Bus sitzen, statt proben zu können. Dass es nach den Reformplänen eine zentrale Werkstatt in Neustrelitz geben soll, halten wir auch für Wahnsinn – was für große Transportwege und -zeiten! Noch vor einem halben Jahr hieß es vom Land, weder die Qualität noch die Quantität würden durch die Reform sinken. Nun hört man, dass es 15 Prozent weniger Aufführungen geben soll. Da sollten wir nicht einfach zugucken! Ich hoffe, dass es uns gelingt, die Bevölkerung wachzurütteln und eine größere Protestbewegung in Gang zu bringen. Kultur ist mehr als eine lästige Nebensache.

INTERVIEW: SYBILLE MARX

Auf einen Blick: Die Hebebühne und die Theaterreform

Der Verein Hebebühne wurde 1996 von Stadtpolitikern in Greifswald gegründet, um das Theater zu stärken. 2001 trat der Stralsunder Theater-Förderverein der Hebebühne bei. 130 Mitglieder hat die Hebebühne heute. Der Jahresbeitrag beträgt 50 Euro, für Studenten und Rentner 15.

Bis 2018 sollen das Theater Vorpommern und die Theater in Neustrelitz und Neubrandenburg aus Kostengründen zum Staatstheater Nordost fusionieren. 60 Stellen sollen abgebaut werden, die Löhne für die verbleibenden Mitarbeiter steigen. Seit Jahren verzichten alle Mitarbeiter des Theaters Vorpommern auf Teile ihres Lohns. Ab 2020 soll Tarif bezahlt werden.

Folgende Sparten sind am Staatstheater Nordost geplant: Musiktheater in Stralsund, Ballett und Schauspiel in Greifswald, Philharmonisches Orchester in Neubrandenburg mit Stralsund als zweitem Probenort, Schauspiel mit musikalischer Ausrichtung in Neustrelitz.

Eine Eintrittskarte am Theater Vorpommern, zu dem Häuser in Greifswald, Stralsund und Putbus zählen, wird mit 97 Euro subventioniert. Am Volkstheater Rostock sind es 153 Euro, im Landesdurchschnitt 113 Euro.

www.hebebuehne-

vorpommern.de

OZ

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