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Greifswald Wie viel Rummel verträgt der Totensonntag?
Vorpommern Greifswald Wie viel Rummel verträgt der Totensonntag?
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18:28 16.11.2018
In Greifswald öffnet der Weihnachtsmarkt erst nach dem Totensonntag, nämlich am 28. November. Quelle: P.Binder
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Greifswald

Um den Totensonntag am nächsten Wochenende ranken sich viele Geschichten. Am Totensonntag darf keine Party veranstaltet werden, vor dem Totensonntag sollte man keinen Weihnachtsschmuck anbringen und Adventsmärkte, die vor dem Totensonntag gefeiert werden, stoßen nicht bei jedermann auf Gegenliebe. Doch wie zeitgemäß ist der Gedenktag für die Greifswalder und Greifswalderinnen noch? „Für uns ist der Totensonntag ein wichtiger Tag. Wir gehen zum Friedhof und legen Blumen nieder“, meint etwa Erwin Schliemann (76). „Das weihnachtliche Schmücken beginnt erst danach für uns, meistens am 1. Advent. Vorher sollte es keine großen Weihnachtsfeste geben.“ Auch in der Hansestadt findet das Schmücken der Weihnachtstanne auf dem Markt und der große Weihnachtsmarkt erst nach dem Totensonntag statt. „Wir schmücken die Tanne erst nach dem Totensonntag, um den Gedenktag  an die Verstorbenen zu achten“, erklärt Pressesprecherin Bärbel Lenuck. „Aus logistischen Gründen stellen wir die Tanne allerdings bereits am Mittwoch auf und schaffen an den Folgetagen bereits erste technische Voraussetzungen für den Aufbau des Marktes. Am Totensonntag jedoch ruhen alle Arbeiten auf dem Markt.“

„Das war aber nicht immer so“, erinnert sich CDU-Fraktionschef Axel Hochschild. „Wir mussten lange diskutieren, um durchzusetzen, dass der Weihnachtsmarkt erst zur Adventszeit startet.“ Für ihn habe der Gedenktag seine Berechtigung. „Das ist ein Tag zum Innehalten und Gedenken“, sagt er. „Die Weihnachtszeit kann doch danach kommen.“

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Auch Bischof Hans-Jürgen Abromeit findet, der Totensonntag sei wichtig, nicht nur aus liturgischen Gründen. „Das Jahr hat Rhythmen und besondere Zeiten“, sagt er. „Unbeeindruckt von den auf uns einprasselnden Anforderungen nach mehr Effizienz und uneingeschränktem Kommerz bietet das Jahr einen Rhythmus, in dem Trauer und Freude, Stille und Jubeln, Ruhe und Bewegung gleichermaßen einen Ort haben.“ Wenn man nun Weihnachtsmärkte vor Totensonntag beginnen lasse, störe man diesen Jahresrhythmus. Das Lebensgefühl ist nicht immer gleich, sondern gibt den jahreszeitlichen Besonderheiten Ausdruck. „Dass am Totensonntag die weihnachtliche Festbeleuchtung noch ausbleiben muss, ist also zum einen eine Geste des Respekts vor der Trauer von Menschen. Zum anderen brauchen wir Räume um mit allen Wechselfällen des Lebens klar zu kommen.“ Wie gut es sei, sich auf diesen Rhythmus einzulassen, würden uns die Kinder zeigen: „Sie freuen sich, wenn sie dann im Dezember mit Adventskalendern, Nikolausstiefel und Basteleien sich einen Schritt nach dem anderen voller Vorfreude und Spannung auf das Weihnachtsfest zu bewegen – vom Dunkel ins Helle“, so Abromeit.

Ganz anders sieht das Kirsten Kautz, die am vergangenen Wochenende mit der Papiermanufaktur Wrangelsburg in der vergangenen Woche den Vorfreude-Adventsmarkt veranstaltet hat. „Wir sind immer die ersten mit unserem Adventsmarkt in der Region und machen das bereits viele Jahre so. Bislang haben wir immer viel Zuspruch von unseren Gästen bekommen“, erzählt sie. „Bei unserem diesjährigen Markt waren rund 800 Leute. Und viele haben erzählt, dass sie es gut finden, wenn nicht alle Märkte auf einen Schlag stattfinden.“ Ein Wrangelsburger Markt an den anderen Adventssonntagen wäre für Kirsten Kautz auch kaum umsetzbar. „An diesen Wochenenden sind wir mit unserem Angebot selbst auf Weihnachtsmärkten unterwegs, in Wismar zum Beispiel oder im Pommerschen Landesmuseum.“ Mit ihrem Weihnachtsmarkt war sie nicht die Einzige. Auch in Zarnekow wurde bereits Adventsmarkt gefeiert.

Simona Troge vom Blumenhaus Troge verkauft Bestecke für den Totensonntag und den Volkstrauertag. Quelle: P.Binder

Gerade bei jüngeren Leuten ist der Zeitpunkt der Märkte kein Thema. „Mich würde es nicht stören, wenn Weihnachtsmärkte vor Totensonntag öffnen“, meint Paul Pechacek. „Aber es stört mich sehr, dass die Supermärkte schon früh mit dem Verkauf von Weihnachtssachen beginnen. Weihnachten macht einem ja bewusst, dass das Jahr fast vorbei ist, aber im September ist ja fast noch Sommer. Das macht die ganze Stimmung kaputt.“ Matthias Uecker (43), hält den Totensonntag für überbewertet. „Ich finde es nicht schlimm, wenn vor dem Totensonntag schon ein bisschen Weihnachtsstimmung herrscht“, sagt der 43-Jährige. „Die Verstorbenen hätten bestimmt nichts dagegen. Für mich braucht es keinen extra Tag im Jahr, um ihrer zu gedenken. Das sollte man jeden Tag tun.“ Dass viele Greifswalder den Totensonntag aber noch nutzen, um ihrer Verstorbenen zu gedenken, bestätigt Simone Troge von Blumen Troge am Schuhhagen. „Wir haben viele Bestellungen zum Volkstrauertag und Totensonntag“, so Troge. „Die Kunden sind immer froh, wenn wir ihnen spezielle Gestecke zusammenstellenkönnen, die auf das Grab und den Verstorbenen angepasst sind. Ich glaube schon, dass der Totensonntag für die Angehörigen ein wichtiger Tag ist.“

Anne Ziebarth

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