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Greifswald Traditionsschiff „Seefuchs“ soll im Mittelmeer Flüchtlinge retten
Vorpommern Greifswald Traditionsschiff „Seefuchs“ soll im Mittelmeer Flüchtlinge retten
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00:00 11.04.2017
Der Traditionskutter „Seefuchs“ aus dem Jahr 1958 wird verkauft. Er soll künftig im Mittelmeer als Rettungsschiff eingesetzt werden. Im vergangenen Jahr führte der Oldtimer unter anderem Shuttle-Fahrten zwischen dem Ozeaneum und dem Nautineum auf dem Dänholm durch. Quelle: Foto: Marlies Walther
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Stralsund

/Greifswald. Es schmerzt. Aus diesen Gefühlen beim Abschied macht der Stralsunder Oliver Schmidt, einer der vier Eigner des Traditionskutters MS „Seefuchs“, kein Geheimnis. „Wir geben das Schiff sehr ungern ab. Aber wir konnten es zuletzt allein mit unseren ehrenamtlichen Kräften nicht mehr schaffen“, gesteht der Hansestädter ein. Vor 24 Jahren hat er das Fischereifahrzeug gekauft und vor der Verschrottung gerettet. Familie und Freunde steckten fortan unendlich viel Schweiß, Geld und Freizeit in das Liebhaberstück. Doch nun soll es an den Verein „Sea-Eye“ aus Regensburg zu einem symbolischen Preis verkauft werden und künftig zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer eingesetzt werden. Die Eignergemeinschaft habe sich schon länger mit dem Gedanken der Trennung getragen. „Aber jetzt, wo es so weit ist, war es doch ein Schock“, sagt Schmidt, der als Ingenieur für Schiffstechnik auf der Nordsee unterwegs ist und dort Kriegsschrott beräumt. Währenddessen wird „MS Seefuchs“ von Helfern in Stralsund für die Überfahrt vorbereitet.

„Mit dem Schiff verbinden uns über fast ein Vierteljahrhundert fantastische Geschichten, viele Menschen und die gemeinsame Kraft ehrenamtlicher Arbeit.Oliver Schmidt, Eignergemeinschaft

Am 11. April will Oliver Schmidt dann als Kapitän seine letzte Reise mit dem Museumsschiff antreten, an dem auch das Herz seiner Familie hängt. Seine Kinder sind auf dem Schiff aufgewachsen, erzählt der Stralsunder. Eine der Töchter habe bereits mit zwei Monaten auf dem Kartentisch ihren ersten Sturm erlebt. Und wenn Schmidt nächste Woche die viertägige Fahrt über die Distanz von etwa 850 Seemeilen in Angriff nimmt, dann werden auch seine Frau und zwei seiner Töchter mit an Bord gehen. Auf der Überführung wird der 51-jährige Käpt’n die Mitglieder der neuen Mannschaft mit der Technik vertraut machen und sie einarbeiten.

Zusammen mit den drei weiteren Eignern haben viele Helfer gemeinsam ein Stück Schifffahrtsgeschichte bewahrt. Und das hat auch Freunde zusammengeschweißt. „Es war kein Schiff zum Reichwerden. Aber wir sind reich an Erfahrungen geworden, hatten einen erfüllten Lebensinhalt“, beschreibt Oliver Schmidt. Umso mehr sei es ein wichtiges Anliegen gewesen, dass der „Seefuchs“ in gute Hände kommt. Der Verein „Sea-Eye“hat bereits ein Schwesternschiff in Sassnitz zum selben Zweck gekauft und bisher über 6000 Menschen aus dem Meer geholt.

Für Oliver Schmidt liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, „dass unser Schiff, wenn die Mission im Mittelmeer beendet ist, vielleicht wieder nach Stralsund zurückkehrt“. Zumindest halte man sich mit einer Vertragsklausel offen, dass im Fall einer geplanten Wiederveräußerung des Schiffes das Deutsche Meeresmuseum die Vorkaufsrechte erhält. Das Museum selbst war in den letzten 24 Jahren ein ganz wichtiger Partner. So wurde MS „Seefuchs“ bis 2006 als Basis-Schiff für die Unterwasserarchäologie in der Ostsee genutzt. Vor Wismar, Hiddensee oder dem Darß war es im Einsatz, wenn alte Schätze – wie eine mittelalterliche Kogge – entdeckt, untersucht oder gehoben wurden.

Eine weitere große Rolle spielte der alte DDR-Fischfangkutter beim Schweinswal-Monitoring des Meeresmuseums. Er brachte die Forscher von der Oderbank bis zur Kadetrinne. Hinzu kamen längere Rundreisen. Jedes Jahr ging es einmal nach Bornholm. Aber auch St. Petersburg oder Gotland gehörte zu den Zielen. Und immer wieder das Baltikum: Danzig, Riga, Kaliningrad. „Es sind im Laufe der Zeit hunderte Menschen mitgefahren“, blickt Schmidt zurück.

Bis 2014 war Greifswald der Heimathafen. Doch im Zusammenhang mit dem Bau des Sperrwerkes zog das Schiff an den Stralsunder Dänholm um. Und da habe auch ein bisschen das Dilemma seinen Lauf genommen.

Während das Meeresmuseum oder das Wasser- und Schifffahrtsamt immer zu den Unterstützern zählten, würde sich Oliver Schmidt von der Stralsunder Stadtverwaltung „mehr maritimes Bewusstsein“ wünschen.

Hinzu käme eine neue Richtlinie für Traditionsschiffe, die das Leben auch nicht leichter mache. Am Ende sei es wie bei einem Schauspieler, der rechtzeitig die Bühne verlässt. „Es ist die richtige Entscheidung“, sagt Oliver Schmidt.

„Heringshai“ lief 1958 vom Stapel

Gebaut wurde das heutige Schiff „MS Seefuchs“ 1958 auf der Boizenburger Elbewerft. Es erhielt den Namen „Heringshai“. Insgesamt liefen 50 Schiffe dieses Typs vom Stapel.

Der Stahlkutter ist 26,5 Meter lang. Daher auch der Name „26er“. Die Schiffe bildeten den Hauptbestandteil der Sassnitzer Fischereiflotte. Einsatzgebiete waren die Nord- und Ostsee, Küsten vor Schottland und Afrika.

Die Breite des Schiffes beträgt 6,7 Meter, die Geschwindigkeit 9,5 Knoten.

Oliver Schmidt war gerade mal 28 Jahre alt, als er der Faszination des ausgemusterten DDR-Hochseekutters erlag und ihn vor der Verschrottung rettete.

Bis 1991 ging SAS 316 für den VEB Fischfang Sassnitz auf großen Fang. Danach war ein privater Fischer der Besitzer, der nach einem Kabelbrand einen neuen Trawler kaufte.

Marlies Walther

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