Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald Trotz Corona: Theaterwerft in Greifswald nimmt Fahrt auf
Vorpommern Greifswald

Trotz Corona: Theaterwerft in Greifswald nimmt Fahrt auf

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:40 23.09.2020
Tammo Messow und Elisa Ottersberg in „Irish Coffee“ Quelle: Anne Ziebarth
Anzeige
Greifswald

Die coronabedingte Kulturpause hat die Greifswalder hungrig gemacht, fast so ein bisschen Theateraufbruchstimmung grassiert derzeit in der Szene. „Vier Vorstellungen, vier Mal ausverkauft“, freut sich Regisseur Jens Hasselmann, der die Theaterwerft am Museumshafen betreibt. „Es rechnet sich zwar finanziell noch nicht, aber es ist trotzdem schön, dass es endlich wieder läuft. Wir haben gute Resonanz und viel Zuspruch vom Publikum bekommen.“

30 statt sonst 90 Zuschauer in der Werft

30 Zuschauer sind pro Vorstellung zugelassen, genauso viel kamen am vergangenen Wochenende jeweils zu den Vorstellungen von „Irish Coffee“ in die neue Theaterstätte an der Salinenstraße. Gezeigt wurde eine deftige Komödie mit einer Menge Wortwitz rund um eine gemeinsame heiße Nacht von Moggie und Ryan im verregneten Dublin.

Anzeige

Das Publikum reagierte ausgesprochen positiv auf das lockere und lebendige Spiel der beiden Schauspieler Elisa Ottersberg (Moggie) und Tammo Messow (Ryan) und feierte das Stück mit viel Applaus. Wahrscheinlich traf das Stück zwischen Guinness, Liebe und irischen Sprichwörtern genau den richtigen Nerv. Zwar ging es auch um die Überlegung, was zwei Menschen jenseits eines One-Night-Stands verbindet, Lachen und Lebensfreude kamen aber nicht zu kurz.

Mitklatschen ist ja sonst nicht Pommers Lieblingsbeschäftigung. Bei den von Jens Hasselmann und Klaus Falk geschmetterten Irischen Liedern, die sich durch das ganze Stück zogen, wurde aber kräftig mitgemacht – was doch so ein kollektiver Theaterentzug alles ausmacht.

Tammo Messow und Elisa Ottersberg in „Irish Coffee“ Quelle: Anne Ziebarth

Publikum fehlt ohne Theater das „gewisse Etwas“

„Es wird höchste Zeit, dass die Veranstaltungen wieder losgehen“, findet zum Beispiel Ellen Brader (65) aus Greifswald, die mit ihrem Mann und ihrer Schwester aus Leipzig in die Theaterwerft gekommen ist. „Live dabei zu sein, das ist eben doch etwas anderes. Wir haben uns die Claude Monet-Ausstellung in Potsdam digital am Computer angesehen, das war interessant“, sagt sie. „Aber für Theater ist das nicht praktikabel.“

Zum ersten Theaterbesuch seit Beginn der Pandemie waren auch Doris Droste und der gebürtige Greifswalder Alexander Schalimow aus Berlin angereist. Doris Droste ist regelmäßiger Theatergast. Ihr habe „das gewisse Etwas“ sehr gefehlt, sagt die 38-Jährige. „Die Atmosphäre, das unmittelbare Erleben einer Geschichte“, schwärmt sie. „Jeder Theaterabend ist einzigartig und nicht wiederholbar. Das macht es zu einem komplett anderen Erlebnis, als sich beispielsweise einen Film anzusehen.“ Am Stück „Irish Coffee“ gefalle ihr besonders, dass es mit wenig Personal und bescheidener Ausstattung trotzdem gelinge, eine mitreißende Atmosphäre zu kreieren. „Ich habe etwas gebraucht, um reinzukommen“, sagt sie. „Aber dann fragt man sich doch: Bekommen sich Moggie und Ryan am Ende.... oder nicht? Oder bleibt es sogar offen?“

Spielplan Oktober Theaterwerft

2./3./16./17./ Oktober: Irish Coffee: Skuril-witzige Geschichte um eine gemeinsame Nacht im irischen Dublin mit Tammo Messow und Elisa Ottersberg. Dazu: irische Musik mit Jens Hasselmann und Klaus Falk. Beginn: 20 Uhr, Karten 20 Euro.

30./31. Oktober: Ostseesand und Seelenklempner. Ein Reisegeschenk der Kinder führt die Eltern an die Ostsee. Überraschung: Eine Paarberatung ist auch dabei. Mit: Annette Schneider, Tammo Messow und Jens Hasselmann. Beginn 20 Uhr, Karten 20 Euro.

Alternative: 60 Zuschauer und der Mundschutz bleibt an

Die coronabedingten Einschränkungen waren für die Gäste offensichtlich kein Problem. Mit Mundschutz zum Platz, mit Mundschutz zur Bar, alles lief sehr diszipliniert ab. „Ich finde es überhaupt nicht schlimm“, sagt Doris Droste. „Ich muss eigentlich nur aufpassen, dass ich nicht vergesse, den Mundschutz aufzusetzen. Die Atmosphäre leidet nicht, der Theaterraum hatte etwas von einem kleinen Bistro.“

Ihr Newsletter für Greifswald

Die wichtigsten News und Tipps der Woche aus Greifswald. Immer donnerstags gegen 18 Uhr in Ihrem E-Mailpostfach.

Für Jens Hasselmann allerdings war die Vorbereitung ein Kraftakt. „Wer hat denn vorher schon mal ein Hygienekonzept geschrieben?“, lacht der 54-Jährige. „Natürlich haben wir auch ausgemessen, wo welcher Stuhl stehen muss, um die Abstandsregeln einzuhalten.“ Die Alternative zu 30 Sitzplätzen ohne Mundschutz während der Nutzung wären 60 Sitzplätze gewesen, dabei hätten die Zuschauer aber ihre Masken aufbehalten müssen. „Das finde ich unmöglich“, so Hasselmann. „Dann könnten wir nicht in die Gesichter der Zuschauer sehen, keine Mimik erkennen.“

Auch im Stück musste coronabedingt umdisponiert werden. Denn es gilt auf der Bühne: Küssen verboten! „Abstandsregeln sollen auch für die Schauspieler gelten, beim Schreien müssen sogar mehrere Meter Abstand gehalten werden“, beschreibt Hasselmann. „Eigentlich sollte Ryan die stürzende Moggie auffangen. Das mussten wir nun anders lösen.“

Besuch aus Berlin: Doris Droste und Alexander Schalimow bei „Irish Coffee“ Quelle: Anne Ziebarth

Kulturschaffende fühlen sich vernachlässigt

Doch obwohl Hasselmann auch Schauspieler ist und sich in erster Linie über die vielen Gäste freut, kann der frischgebackene Vater etwas Sorge nicht verhehlen. „Ich suche immer noch eine Förderung, die mir hilft, mit den Vorstellungen eine schwarze Null zu erreichen“, beschreibt Hasselmann. „Ich habe einen Antrag geschrieben. Warten wir mal ab.“ Auch der Berliner Schauspieler Tammo Messow ist skeptisch. „Für die meisten selbstständigen Schauspieler bleibt nur der Weg zum Amt“, sagt der 42-Jährige. „Ich habe eine Soforthilfe der Investitionsbank Berlin in Höhe von 4000 Euro bekommen, bin aber sehr vorsichtig mit dem Ausgeben...Man weiß nicht, ob man nicht nachher alles wieder zurückzahlen muss. Denn das Geld ist ja nur für betriebliche Kosten gedacht, mal sehen was anerkannt wird.“ Er hofft auf eine Nachbesserung der Regelung. Mit dem Standort Greifswald ist der Schauspieler, der vorher unter anderem beim Kultursommer auf der Insel Rügen zu sehen war aber sehr zufrieden. „Das Publikum ist dankbar und interessiert, die Stadt ist in meinen Augen ein guter Kulturstandort.“

Von Anne Ziebarth