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Greifswald „Der russische Markt ist und bleibt für Vorpommern wichtig“
Vorpommern Greifswald „Der russische Markt ist und bleibt für Vorpommern wichtig“
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16:02 01.11.2018
Jens Feißel, Geschäftsführer des Unternehmerverbandes seit 1. September 2018
Jens Feißel, Geschäftsführer des Unternehmerverbandes seit 1. September 2018 Quelle: Anne Ziebarth
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Greifswald

Jens Feißel ist seit dem 1. September Geschäftsführer des 1992 gegründeten Unternehmerverbands Vorpommern. Im Verband sind rund 250 Unternehmen aus den Landkreisen Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald organisiert. Der 52-Jährige lebt in Greifswald und ist an einem der größten Angelguiding-Unternehmen des Landes, dem Team Bodden-Angeln, beteiligt.

Herr Feißel, sie sind seit zwei Monaten Geschäftsführer des Unternehmerverbandes Vorpommern. Wie war der Start?

Jens Feißel: Mein Start war noch besser, als ich es mir für mich gewünscht hatte. Dank der enormen Unterstützung meines Präsidenten Gerold Jürgens und meines Vizepräsidenten Dietrich Lehmann hatte ich sofort einen guten Einstieg. Ich habe in den vergangenen Wochen so viele Unternehmen besucht wie möglich, um direkt vor Ort ins Gespräch zu kommen. Zuletzt war ich bei den Energiewerken Nord, genauso beim Handwerk, wie dem Tischlereiunternehmen Hecker in Gützkow, bei Mathias Schilling aus der Ernährungsbranche auf Hiddensee oder bei Fisch Dohmke auf Usedom. Das hat meinen Kilometerstand im Auto in wenigen Tagen um 3000 Kilometer erhöht, aber es hat sich gelohnt. Nur so erfahre ich, wo der Schuh drückt. Die Unternehmer auf Usedom zum Beispiel haben große Bedenken, was den Swinetunnel angeht. Sie fürchten das hohe Verkehrsaufkommen auf der dafür ungeeigneten B 110 und lange Staus. Die Verkehrssituation auf Usedom ist ja ohnehin schon problematisch genug. Positiv ist natürlich, dass die Metropolregion Stettin dadurch als Absatzmarkt näher rückt. In jedem Fall fordern wir als Unternehmerverband aber einen grundhaften Ausbau der B 110 ohne Tonnagebegrenzung und weitere Maßnahmen für eine deutlich bessere Verkehrsinfrastruktur. Was durch Brüssel für Swinemünde und Wollin möglich ist, muss auch für Usedom und Vorpommern möglich sein, ansonsten stimmt da was nicht.

Was gibt es noch für Probleme, von denen die Unternehmer berichten?

Ein großes Problem ist der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel, vor allem in der Tourismusbranche, aber auch im Handwerk. Das liegt zum Teil aber auch an überholten Vorstellungen in den Köpfen der Menschen. Immer noch herrschen Meinungen vor, wie: Hier in Vorpommern findest Du keine Arbeit, hier bekommst Du zu wenig Geld. Aber das stimmt heute so eben nicht mehr. Zum Beispiel im Handwerk, da kann man davon ausgehen, ein gutes und sicheres Einkommen zu erhalten und das auch noch in absolut spannenden Gewerken. Wenn man einen Meisterabschluss hat, sogar ein sehr gutes, vielleicht sogar mehr als nach manch einem Studium, das eben gerade nicht automatisch in eine nachgefragte Beschäftigung führt. Ein anderes Problem ist die Sicherstellung der Ausbildung. Man hört viel vom Lehrermangel an Grund- und Realschulen, in besonderem Maße betrifft der aber auch die berufsbildenden Schulen. Über 50 Prozent der Lehrer dort gehen in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand. Die Absolventenzahlen können das nicht im entferntesten abfangen. Die Wege zu den beruflichen Schulen sind zu weit, zu teuer und nicht zumutbar. Internate fehlen. Ich weiß nicht, was sich das Bildungsministerium dabei denkt. Wenn hier nichts passiert, werden wir uns nicht nach vorne entwickeln, sondern Zukunftsgewissheit verlieren.

Wie wollen sie junge Menschen in der Region für Unternehmen in der Region begeistern?

Wir wollen das Projekt Schule-Wirtschaft wieder und weiter beleben. Hier wird es mit den bisher Beteiligten neue Ansätze geben, bei denen die Berufsorientierung im Mittelpunkt steht. Die Jugendlichen müssen anstatt in langen Praktika kurze Erfahrungen bei mehreren Firmen in der Region sammeln. Außerdem möchten wir, dass Unternehmer aus der Region in die Schulen gehen und ihren Weg, ihren Alltag und ihr Unternehmen vorstellen. Vielleicht lassen sich ja schon Kontakte für eine spätere Ausbildung knüpfen. Es soll praxisorientierter und vielseitiger zugehen.

Könnte man nicht Arbeitskräfte in anderen Regionen Deutschlands gewinnen?

Diejenigen müssen den Wunsch haben, hier leben zu wollen! Um Menschen langfristig hier zu binden, oder zur Rückkehr zu bewegen, müssen wir Vorpommern attraktiver machen. Unsere Natur ist einmalig, das ist klar. Auch was die Verfügbarkeit von Kita-Ganztagesplätzen angeht, stehen wir im Vergleich zu anderen Regionen sehr gut da. In anderen Bereichen leider nicht. Das sind zu langsames Internet, gestaute Verkehrsinfrastrukturen, unzureichende bis keine Mobilfunkabdeckung, Baugenehmigungsverfahren dauern zu lange, aber auch das schwindende kulturelle Angebot. Ich finde es schlimm, dass die Boddenklänge und das Anklamer Schlagerevent eingestellt werden müssen, weil es offensichtlich keine Fördermittel dafür gibt. Da schafft es jemand, mit persönlichem Engagement und viel Idealismus Stars nach Vorpommern zu holen, die sonst in Berlin oder Hamburg auftreten und dann das. Um eine Region für Arbeitnehmer und Firmengründer reizvoll zu gestalten, muss man schon etwas bieten können. Ich hoffe da insgesamt sehr auf neuen Schwung und Innovationen durch die beiden neuen Landräte.

Können Flüchtlinge auch helfen, den Fachkräftemangel zu lindern?

Es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass eine berufliche Ausbildung ein guter Weg zur Integration von Flüchtlingen ist. Sicherlich ist nicht jeder geeignet. Aber wenn jemand wirklich will, dann wären wir schlecht beraten, dieses Potenzial, welches in den Flüchtlingen steckt, nicht zu nutzen. Das können wir uns nicht leisten. Ärgerlich ist, wenn im Fall von gelungener Integration und Ausbildung doch noch die Abschiebung kommt. Deshalb fordern wir eine schnelle Umsetzung des Einwanderungsgesetzes. Viele Arbeitgeber halten selber bereits im Ausland nach Mitarbeitern Ausschau. Insbesondere in Bereichen wie Pflege oder Gastronomie, in denen sich hier kaum Interessenten finden, kann das sinnvoll sein – selbst wenn die Arbeitgeber die Unterkunft oder Sprachkurse bezahlen.

Wie sieht es mit der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in der Region aus? Wie weit ist zum Beispiel die Digitalisierung?

In diesem Bereich gibt es noch Nachholbedarf und manchmal auch nicht die Einsicht der Notwendigkeit. Wer aber heute nicht mit der Digitalisierung geht, hat in zehn Jahren quasi den Status eines Analphabeten. Deshalb planen wir mit der Sparkasse Vorpommern in Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Mittelstand 4.0 aus Rostock und der Hochschule Stralsund sowohl Analysen als auch Schulungen, insbesondere für kleinere Unternehmen. Dort soll vermittelt werden, welche Möglichkeiten der Digitalisierung es für die Firmen gibt, um diese nach den nötigen Anforderungsprofilen nutzen zu können. Für die teilnehmenden Unternehmen wird das kostenlos angeboten durch ein Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums.

Und wie unterstützen Sie junge Unternehmen und Startups?

Hierzu braucht die Wirtschaft in Vorpommern eine engere Verzahnung mit der Universität Greifswald, um die Umsetzung für Startups zu optimieren. Universitäre Ingenieursabschlüsse in bestimmten Fachbereichen in Greifswald wären da sinnvoll. In anderen Bundesländern gibt es bewertete Konzepte, wie das Abitur mit Berufsausbildung. Viele Unternehmen die ausbilden, wären bereit das konzeptionell angepasst mitzutragen. Die Vorstellung, man ist knapp über 20 Jahre alt, hat das Abi und einen Facharbeiterabschluss? Dann ist man sehr gut aufgestellt für die Karriere mit der Bindung an ein Unternehmen der Region. Der weiteren Unterstützung dürfte man sich wohl sicher sein. Ansonsten pflegt unser Verband seit Jahren eine enge Bindung zur Fachhochschule Stralsund, aus der einige erfolgreiche Unternehmer und Geschäftsführer für Vorpommern hervorgegangen sind. Aber nochmals: Junge Menschen müssen es cool finden hier zu leben und das auf Dauer!

Vor kurzem waren Sie ja mit anderen Vertretern auf dem Russland-Tag der Landesregierung in Rostock. Was haben sie mitgebracht?

Nicht nur viele Kontakte, sondern auch eine neue Kooperationsvereinbarung mit dem Regionalverband der Arbeitgeber des Leningrader Gebietes. Gemeinsam mit der Vereinigung der Unternehmerverbände MV wollen wir in den kommenden Jahren Wirtschaftsbeziehungen zu Firmen in Sankt Petersburg und dem Mantelkreis, heißt heute immer noch Leningrader Gebiet, aufbauen. Ich finde es gut, dass die Landesregierung den Mut hatte, den Russlandtag trotz einiger Widerstände durchzuführen. Ich glaube, das ist nicht nur bei den Unternehmern, sondern auch bei der Bevölkerung gut angekommen.

Wie erfolgreich sind solche Partnerschaften? Gehen diese über bloße Bekundungen hinaus?

Ja, es gibt konkrete Erfolge. Am Beispiel unserer langjährigen Partnerschaft mit der Kleinstadt Pomerode in Brasilien kann man das ganz gut sehen. Unternehmen aus Vorpommern investieren dort bereits länger, zum Beispiel baut das Unternehmen Me-Le aus Torgelow dort Biogasanlagen, auch die Baugerüstfirma SHD Müggenburg ist in Pomerode aktiv. Unternehmer von uns haben an den riesigen traditionellen Straßenfesten dort teilgenommen, um die Wirtschaftsregion Vorpommern dort noch weiter bekannt zu machen. Als nächstes ist ein Schüleraustausch zwischen Schulen in Pomerode und Greifswald im Gespräch. Wir stehen bei konkreten Kooperationen mit Unternehmen aus Russland kurz vor dem Durchbruch. Vietnam haben wir auf dem Schirm. Im Januar 2019 wird es ein Treffen mit Vertretern der italienischen Handelskammer und uns in Greifswald geben. Es gibt dort Regionen mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, vielleicht kann Vorpommern davon profitieren.

Denken Sie, das 2014 verhängte Russland-Embargo nach der Annexion der Krim war der richtige Schritt?

Alle wissen es und zu wenige sprechen es aus: In einem Krieg gibt es keine Gewinner. Und genau das gilt auch für Wirtschaftskriege. Wenn man ehrlich ist, was hat denn das Embargo gebracht? Wir haben nicht mehr geliefert. In Russland haben die bisherigen Partner daraufhin zum Teil eigene Möglichkeiten entwickelt, unsere Produkte zu ersetzen. Wenn wir nach dem Ende des Embargos dann wieder mit unseren Waren kommen, sagen sie uns: „Danke, ihr lieben Geschäftspartner aus Deutschland, jetzt brauchen wir das auch nicht mehr.“ Natürlich ist und bleibt der russische Markt für uns wichtig, dafür waren die Handelsbeziehungen in der Vergangenheit einfach zu gut und bestehen zu lange. Wir möchten mittelfristig eine Koordinierungsstelle in Vorpommern schaffen, um wirtschaftspolitische Kontakte nach Russland und Osteuropa zu vermitteln.

Anne Ziebarth

01.11.2018
01.11.2018
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