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Greifswald Die unterschätzte Gefahr: So kämpfen Greifswalder Ärzte gegen Sepsis
Vorpommern Greifswald Die unterschätzte Gefahr: So kämpfen Greifswalder Ärzte gegen Sepsis
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20:08 06.08.2019
Oberarzt Dr. Matthias Gründling (l.) und Fachkrankenschwester Susanne Tober (r.) versorgen die Lubminerin Brigitte Moys, die an einer Sepsis leidet, auf der Intensivmedizin I der Unimedizin Greifswald. Quelle: Christian Rödel
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Greifswald

An den genauen Ablauf ihres Eintreffens in der Unimedizin Greifswald kann sich Brigitte Moys nicht erinnern. Die 78-Jährige, die in Lubmin unweit der Hansestadt lebt, wurde von ihrem Mann am Abend ins Krankenhaus gebracht. Sie litt unter anderem an Nierenproblemen. Um die Mittagszeit am darauffolgenden Tag ist die Seniorin aber bereits wieder voll ansprechbar.

„Hier kümmern sich die Schwestern und Ärzte rührend um mich“, erklärt die Patientin mit leiser Stimme. Dankbar schaut sie auf Susanne Tober. Die Fachkrankenschwester kontrolliert, wie die verabreichten Infusionen und die Antibiotikagabe angeschlagen haben.

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Medizinischer Notfall wird oft unterschätzt

„Unsere Patientin leidet nicht nur an starkem Flüssigkeitsmangel, sondern auch an einer Sepsis“, erläutert Dr. Matthias Gründling. Der Oberarzt auf der Intensivmedizin I der Klinik für Anästhesiologie, Anästhesie, Intensiv,- Notfall- und Schmerzmedizin betont, dass in solchen Fällen jede Minute zählt: „Es ist ein medizinischer Notfall, der lebensbedrohlich ist und oft total unterschätzt wird.“

Sterblichkeitsrisiko steigt rasant

Entscheidend sei, innerhalb einer Stunde nach Diagnosestellung mit einer sogenannten kalkulierten Antibiotikatherapie zu beginnen. Mit jeder Stunde, die verstreiche, steige das Sterblichkeitsrisiko um bis zu sieben Prozent, unterstreicht der Facharzt. Und die aktuellen Zahlen in Deutschland sind erschreckend: Bundesweit treten laut Hochrechnungen jährlich etwa 215 000 neue Sepsisfälle auf. Mehr als ein Drittel der Patienten stirbt an der Erkrankung.

Fakt ist: Die Sepsis tritt häufiger als Schlaganfall, Brust- oder Darmkrebs auf. „Trotzdem haben selbst viele Allgemeinmediziner, Not- und Klinikärzte dieses Problem quasi noch immer nicht auf dem Schirm“, sagt Dr. Gründling. Aufklärung und fortwährende Schulung können Leben retten. Starkes Unwohlsein, Verwirrtheit, Unruhe, Bewusstlosigkeit, Kurzatmigkeit, nachlassende Urinproduktion, Schüttelfrost, hohes Fieber, aber auch Werte unter 36 Grad Körpertemperatur sind beispielsweise Alarmsignale.

Verursacher: Bakterien und Pilze

Eine Sepsis wird meist von Bakterien, aber auch von Pilzen verursacht. Sie stellt eine lebensbedrohliche, außer Kontrolle geratene Reaktion des Organismus auf eine Infektion dar und kann zu Schock, multiplem Organversagen und zum Tod führen. Eine Sepsis kann als Komplikation jeder Infektion, zum Beispiel Lungen-, Mandel- oder Bauchfellentzündung und Harnwegsinfektionen sowie nach Verletzungen und chirurgischen Eingriffen auftreten.

Sepsis ist weltweit die führende infektionsbedingte Todesursache – Tendenz steigend. Gründe sind unter anderem die alternde Bevölkerung, die steigende Zahl von Mehrfacherkrankungen und Implantationen. So werden jährlich allein etwa 440 000 Hüft- und Knieprothesen eingesetzt. Laut Deutscher Gesellschaft für Endoprothetik leiden 0,5 bis 2 Prozent aller Patienten unter einer Infektion eines künstlichen Hüft- oder Kniegelenks. Die Besiedelung mit schädlichen Bakterien kann auch noch Monate oder Jahre danach auftreten.

Notfallkette muss perfekt funktionieren

Besteht die Gefahr einer Sepsis, muss die Notfallkette, sie ist seit elf Jahren Bestandteil des in Greifswald Sepsisdialog genannten Programmes, möglichst perfekt funktionieren. Dazu gehört, dass vor Beginn der besagten Therapie Blutkulturen und Materialien vom nachgewiesenen oder vermuteten Sepsisherd entnommen werden. Auf der Intensivstation gelangen die Blutproben in einen speziellen Blutkulturenschrank. Gibt es Auffälligkeiten, kann mithilfe spezieller Geräte innerhalb von sechs Stunden der Erreger identifiziert werden.

Manuela Gerber, die einzige Sepsisschwester Deutschlands, desinfiziert sich die Hände auf der Intensivstation I der Unimedizin Greifswald Quelle: Christian Rödel

Manuela Gerber, die einzige Sepsisschwester bundesweit, organisiert unter anderem die Weiterbildung und kontrolliert die Qualitätskriterien. Dazu gehören die korrekte Blutentnahme und der Antibiotikaeinsatz.

Nebenwirkungen minimieren

Die Spezialisten versuchen, die Nebenwirkungen des gewählten Präparates, etwa auf die Darmflora, zu minimieren. Breitbandantibiotika klingt gut, kann aber auch viel zerstören. Die Mitarbeiter von Dr. Gründling haben bei Brigitte Moys nicht nur eine sofortige Blutabnahme, sondern auch eine Computertomografie veranlasst. Der Verdacht auf Nierenbeckenentzündung hat sich bestätigt. Der Patientin kann schnell und wirksam geholfen werden.

Desinfektion der Hände entscheidend

„A und O ist die Desinfektion der Hände, um die Sepsisgefahr zu verringern“, betont auch Prof. Dr. Nils-Olaf Hübner, leitender Krankenhaushygieniker in der Greifswalder Unimedizin. Gleichzeitig dringt er auf die Kontrolle der exakten Sterilisation der Instrumente und die spezielle Aufbereitung der Krankenhauswäsche.

Desinfizieren enorm wichtig, um Sepsis zu vermeiden - Unimedizin Greifswald, Intensivmedizin I, Klinik für Anästhesiologie, Anästhesie, Intensiv,- Notfall- und Schmerzmedizin Quelle: Christian Rödel

„Seit Jahren weiß man, dass der Patient eine große Rolle beim Infektionsschutz spielt“, so Prof. Hübner. Es reiche nicht, wenn das Personal sich vor jedem Patientenkontakt die Hände desinfiziert, wenn der Patient selbst aber seine Keime im gesamten Klinikum verteilt. Denn der bewegt sich im Klinikum. Auf diesem Wege werden Keime verbreitet. „Deshalb schulen wir in unserem ‚Ahoi-Projekt‘ die Patienten“, sagt der Mediziner. Dazu gehört auch, dass der Impfschutz ernst genommen wird. Dabei stehe für Personen ab 60 Jahren eine Impfung gegen Pneumokokken im Blickpunkt. Denn Pneumokokken verursachen die Mehrzahl aller bakteriellen Lungenentzündungen.

Besondere Risikogruppen

Patienten mit einem gesteigerten Risiko, an einer Sepsis zu erkranken, sind: Schwangere, Frühgeborene, ältere Bürger, Menschen mit einer Immunschwäche und mit chronischen Erkrankungen. Gerade diese Personen sollten sich bei diesen Symptomen, beispielsweise starkem Unwohlsein, Verwirrtheit, Unruhe, Fieber und Schüttelfrost besonders schnell in ärztliche Behandlung begeben.

Ein mühsamer Kampf

Der Kampf gegen die Sepsisgefahren ist mühsam: Eine 2003 erstellte Studie zur Sterblichkeit von an Sepsis Erkrankten auf Intensivstationen in deutschen Krankenhäusern zeigte, dass rund 60 Prozent der Patienten verstarben. „Im Jahre 2013 wurde eine erneute deutschlandweite Erfassung vorgenommen. Diese repräsentative Untersuchung (INSEP-Studie) ergab, dass die Zahl der verstorbenen Patienten je nach Schweregrad der Sepsis auf 40 bis 51 Prozent gesenkt wurde“, erläutert Dr. Gründling. Deutschlandweit liegt in den Kliniken des Deutschen Qualitätsbündnis Sepsis die prognostizierte Sterblichkeitsrate im Krankenhaus aktuell bei 40 bis 45 Prozent. „In der Unimedizin Greifswald, wo jährlich rund 150 Sepsispatienten behandelt werden, liegt sie bei 30 bis 35 Prozent, so der Oberarzt.

Mehr Infos: www.sepsisdialog.de

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Von Volker Penne

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