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Greifswald Vorpommern: Kein Land zum Ansiedeln?
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Vorpommern: Kein Land zum Ansiedeln? 

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10:03 24.01.2020
Vilua nutzt Räume in der Gützkower Landstraße Quelle: Eckhard Oberdörfer
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Greifswald

Wenn in Wirtschaftskreisen das Wort „Herausforderung“ fällt, folgen dem selten gute Nachrichten. So auch in diesem Fall: Der Run von Unternehmern auf die Region Vorpommern hat nach Angaben der Wirtschaftsfördergesellschaft Vorpommern (WFG) im vergangenen Jahr einen Dämpfer erfahren.

Der Geschäftsführer der Gesellschaft, Rolf Kammann, verkündete auf der Bilanzpressekonferenz eine Zeit der „Herausforderungen und Umbrüche“, in der sich die Unternehmer Vorpommerns derzeit befänden. Gerade einmal eine Unternehmensansiedlung hat die WFG im vergangenen Jahr in Vorpommern begleitet, 30 neue Jobs wurden geschaffen. 2018 waren die Zahlen noch ganz andere, neun Ansiedlungen und 101 neu geschaffene Arbeitsplätze konnte Kammann mit Stolz präsentieren. Was ist auf Deutschlands Sonnendeck los? Dunkle Wolken ziehen auf.

Weniger Anfragen für Erweiterungen

Anhand der Art der Anfragen könne man erkennen, dass die Stimmung bei den Unternehmern im Land derzeit zurückhaltend sei. „Es wurden zum Beispiel etwas weniger Anfragen für Erweiterungen gestellt“, so Kammann. „Das macht deutlich, dass die Unternehmen trotz teilweise guter Auftrags- und Stimmungslage bei Investitionsentscheidungen vorsichtiger agieren.“

Generell sei das Interesse und der Bedarf für Beratung schon da, betont Kammann, nicht umsonst hätte die WFG mehr Neukunden registriert und die Anzahl der allgemeinen Fragen sei angestiegen. „Die endgültige Entscheidung, ob sich ein Unternehmen dann wirklich hier niederlässt oder nicht, liegt aber nicht in unserer Hand.“

So findet man in den Erfolgsgeschichten eben neben der einen Ansiedlung vor allem andere Vorgänge. Die Produktionsstandorteröffnung von AkkuSys am Pommerndreieck zum Beispiel, den Start der Bauarbeiten für das Ostsee-Reiter-Ressort in Dierhagen oder die Umstrukturierung und Erweiterung der Flz – Stahl- und Metallbau Lauterbach auf Rügen sowie die Hafenerweiterung der Marina Neuhof in Sundhagen.

WFG 2019 in Zahlen

Laufende Projekte 2019 (Auswahl): „Fish Markets“ zum Erhalt der Fischereitradition durch Direktmarketing. „ELMAR“ Förderung von Elektromobilität auf dem Wasser, „JOHANN“ kleine Kreuzfahrtschiffe in der südlichen Ostsee. „South Coast Baltic“ Marketing für die südliche Ostsee als Bootssportdestination.

350 Unternehmensvorgänge, im Vorjahr knapp 400

151 Neuzugänge, im Vorjahr 145

30 neu entstandene und 100 geplante Arbeitsplätze. Vorjahr 101 entstandene und 92 geplante Arbeitsplätze

Anfragen Gründung: 17. Vorjahr: 6

Allgemeine Anfragen wie Geschäftsfeldentwicklungen, Prozessoptimierungen, Finanzierung, Nachfolgesuche. 46. Vorjahr: 43

Ansiedlungen 1. Vorjahr: 9

Existenzgründungen 2: Vorjahr: 2

Anm.: Die von der WFG betreuten Vorgänge stellen nicht zwangsläufig alle Firmengründungen/Expansionen in der Region da. Es ist natürlich auch eine Gründung ohne die WFG möglich.

Stimmungslage durchwachsen

Doch was ist der Grund für die zögerliche Haltung vieler anderer Firmen? Es könnten die mäßigen Konjunkturaussichten sein. Während Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) zum Jahreswechsel noch von gut gelaunten 1,5 Prozent Wirtschaftswachstum im Land ausging, warnte der Verband der Unternehmerverbände im Nordosten zuletzt selbst vor zu viel Optimismus. „Die Stimmungslage ist im Rückwärtsgang“, sagte Geschäftsführer Jens Matschenz bei der Vorstellung der Konjunkturumfrage der Vereinigung der Unternehmensverbände. Immerhin: 67 Prozent der befragten Unternehmer würden davon ausgehen, dass die Geschäfte gleich bleiben.

Weitere Gründe, die Unternehmen vorsichtig werden lassen, zählt Rolf Kammann auf. „Die demografische Entwicklung der Region mit immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter führt zu Fachkräftemangel“, so Kammann. Aber auch ganz andere Faktoren spielten eine Rolle. „Wir sind am Ende der Förderperiode“, sagt er. „Damit steht weniger Geld für die Infrastruktur- und Investitionsförderung zur Verfügung.“

Ein Unternehmen trotzt den Unkenrufen und hat sich im vergangenen Jahr für Vorpommern entschieden – und das ist immerhin ein richtig dicker Fisch. Der Gesundheitsdienstleister Vilua Healthcare hat sich 2019 am Standort Greifswald niedergelassen. Der Anbieter sieht sich selbst im Bereich der „Gesunderhaltungswirtschaft“ und bietet Unternehmen die Möglichkeit, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter untersuchen zu lassen, dazu gibt es dann maßgeschneiderte Untersuchungs– und Coachingprogramme. Vilua Healthcare will mittelfristig rund 100 Arbeitsplätze schaffen, gesucht werden z. B. Softwareentwickler, Programmierer und Systemadministratoren.

Fachkräftemangel bleibt größtes Problem

Vilua steht dabei für ein neues Unternehmen: Digitalisierung ist die Basis für den Unternehmenserfolg. Für andere Unternehmen sei die Digitalisierung eher eine der besagten Herausforderungen: Anforderungen und Wettbewerbsdruck steige und die Globalisierung führe allgemein sowohl zu einem Wettbewerb um Unternehmen als auch um Fachkräfte, bemerkt Kammann.

Und da ist es. Das Thema, das Vorpommerns Wirtschaft auch künftig noch begleiten wird: „Den Bedarf an Fachkräften bekommen wir aus der Region bei Weitem nicht gedeckt“, sagt Kamman. „Es ist mittlerweile so weit, dass die Ansiedlung von neuen Firmen bestimmter Branchen in der Region von den Konkurrenten kritisch gesehen wird, weil das den Wettbewerb um die Fachkräfte verschärft.“

Die WFG konzentriere sich deshalb auf die Suche nach exogenen Fachkräften, also zum Beispiel auf Messen wie der Degut, Deutsche Gründer- und Unternehmertage, in Berlin oder Branchenveranstaltungen. „Dafür haben wir auch ein völlig neues Standortmarketing entwickelt.“

Neues Design, neue Medien

Neben dem klassischen Fachkräfte-Printmagazin „An Bord“ wurde die Internetseite der WFG neu gestaltet und eine digitale Stellenbörse mit Angeboten von 50 Firmen entwickelt, Unternehmer können außerdem von der Präsenz in den sozialen Medien und in Netzwerken wie Xing profitieren.

Auch die Greifswalder Unternehmer selbst sind einfallsreich, sie wollen das Problem so früh wie möglich anpacken: 2019 fand erstmals ein vom Unternehmerverband veranstalteter Elternabend zur Berufsorientierung der Kinder statt.

An ein eher junges Publikum von außerhalb richtet sich das Projekt Neue Unternehmer, das im vergangenen Jahr gestartet ist. Hier sollen explizit Gründer und Nachfolger im Mittelpunkt stehen. 17 Gründungsanfragen seien 2019 bereits eingegangen, ein erster Erfolg ist zu verbuchen: eine Raumausstatterin hat den Schritt zur Unternehmensgründung gewagt, diese stamme allerdings aus der Region.

„Wir gehen davon aus, dass es im Frühjahr einen ‚echten Erfolg‘ geben wird durch Menschen, die von außerhalb kommen“, sagt Kammann. „Hier können wir aber noch nicht in Details gehen.“ Über das Projekt Neue Unternehmer konnten fünf potenzielle Nachfolger für Firmen gewonnen werden, die jetzt über den Projektpartner Nachfolgezentrale der Bürgschaftsbank betreut werden.

Kritik vom Unternehmerverband Vorpommern: Unterstützung mangelhaft

Doch bei den Unternehmern der Region kommt die Arbeit der WFG nicht gut an. „In einer Blitzumfrage unter 30 Unternehmen entstand überwiegend die Ansicht, dass die WFG und wirtschaftsfördernde Maßnahmen in den Unternehmen in Vorpommern wenig wahrgenommen wurden“, sagt Gerold Jürgens, Präsident des Unternehmerverbandes Vorpommern. „Die Unterstützung der Bestandsunternehmen wird als mangelhaft bewertet. Es gibt grundsätzlich Anlass, zukünftige Strukturen und Finanzierungen der Wirtschaftsförderung in Vorpommern zu überdenken.“

Das allerdings müsse bei dem gleichbleibenden Budget und den steigenden Kosten für die WFG sowieso erfolgen, sagte Kammann auf der Pressekonferenz. „Wir führen Gespräche mit den Gesellschaftern, um gemeinsam zu schauen, wie es weitergeht.“

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Von Anne Ziebarth

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