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Greifswald Kirchen in Vorpommern – ein Sanierungsproblem
Vorpommern Greifswald Kirchen in Vorpommern – ein Sanierungsproblem
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12:34 21.09.2019
Gerd Panknin zwischen einer Karte des pommerschen Kirchenkreises und Fotos „seiner“ Kirchen mit einem Feierabendziegel aus Pensin. Quelle: Eckhard Oberdörfer
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Greifswald

Die Zahl der Mitglieder der Evangelischen Kirche in Vorpommern sinkt. Ende der 1950er Jahre waren es über 700 000, heute sind es etwa 78 000. Sehr viele der Mitglieder sind Rentner. Das bedeutet auch, dass die Kirchensteuereinnahmen sinken, die sich an den Lohnsteuern orientieren. Pastoren kümmern sich um zehn Kirchen und mehr. Und doch sollen die Gemeinden dafür sorgen, dass ein herausragendes Erbe, die fast 500 Kirchen und Kapellen in Vorpommern-Greifswald und Vorpommern-Rügen, von den Nachfahren der heutigen Generation bewundert und genutzt werden können.

Bürgermeister Michael Galander 2017 vor St. Nikolai in Anklam Quelle: Dietrich Butenschön

Eine unlösbare Aufgabe? Müssen Kirchen und Kapellen verkauft oder für andere Zwecke zur Verfügung gestellt werden – so wie es in Neubrandenburg (Konzertkirche) oder in Anklam mit der Nikolaikirche (Ikareum) geschah. Das will Gerd Panknin, der Vorsitzende des Kirchenkreisrates und Propst von Demmin, nicht ausschließen. „Es kommt auf die neue Nutzung an“, sagt der Theologe. Eine Spielhalle oder ein Bordell sei natürlich keine Option. Aber: „Es gibt keine Liste abzugebender oder aufzugebender Kirchen“, betont der Vorsitzende des Kreiskirchenrates. Es werde vielmehr alles versucht, das bauliche Erbe zu bewahren.

Allerdings hat der Kirchenkreisrat gerade einen Antrag der Kirchgemeinde Hohenmocker-Salchow auf Unterstützung der dringend nötigen Sanierung und Sicherung der Kapelle in Klempenow abgelehnt. Das sorgt für Aufsehen und stößt auf Widerstand. Werden also doch Gotteshäuser aufgegeben?

„Nein, das ist ein Hilferuf“, sagt Panknin und verweist auf die enormen Kosten. Die Rettung des zu dem malerischen Ensemble mit der Burg nahe der A 20 an der Tollense gehörenden Kirchleins inklusive der nötigen Pfahlgründung würde etwa eine Million Euro kosten, verdeutlicht der Vorsitzende des Kreiskirchenrates. Der CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Vincent Kokert, habe 250 000 Euro aus dem Strukturfonds des Landes zugesagt, aber wie soll der Rest finanziert werden?

Der zuständige Pastor habe elf Kirchen, führt Panknin weiter aus. Die Gemeinde allein sei mit der Kapelle Klempenow überfordert, räumt er ein. Aber im Kirchenkreis gebe es mehr als genug bauliche Probleme. Andere Geldquellen müssten erschlossen werden. An vielen Orten in Vorpommern helfen Stiftungen.

Städtebaufördermittel und Strukturfonds helfen bei Rettung

Es gebe auch Grund zur Dankbarkeit in Richtung Landesregierung. „Sehr hilfreich ist aktuell für uns, für die Kirchen im ländlichen Raum, der Strategiefonds des Landes“, betont der Vorsitzende des Kreiskirchenrates. In den Städten werden bereits seit einigen Jahren Städtebaufördermittel eingesetzt. Darüber hinaus fließen erhebliche Mittel aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes.

Gerd Meyerhoff, Baureferent des pommerschen Kirchenkreises und die Landtagsabgeordneten Vincent Kokert und Burkhard Lenz (beide CDU) in der Putbusser Schlosskirche, die vom Strategiefonds profitiert Quelle: Julia Präkel

Der Demminer Propst hofft, dass der Klempenower Hilferuf anderenorts gehört wird. An der Bedeutung der Kapelle für das Ensemble gibt es ja keinen Zweifel. Die Lage an der Autobahn ist auch eine Chance.

Der Bauunterhalt sei eine vorrangige Aufgabe für den pommerschen Kirchenkreis. „In diesem Jahr laufen alles in allem 157 Maßnahmen“, informiert Panknin. „Die bisher erfassten Kosten liegen bei knapp 22 Millionen Euro.“ Knapp die Hälfte des Geldes stammt von Land und EU, fast ein Drittel sind kirchliche Mittel. Dazu kommen Stiftungsgelder sowie kleine und große Spenden.

Alle Kirchen in Dach und Fach erhalten

Die meisten Baumaßnahmen/Restaurierungen laufen in diesem Jahr in der Propstei Stralsund (71) vor Demmin (47) und Pasewalk. In der Propstei im Osten wird nur etwa halb so viel Geld eingesetzt wie jeweils in Stralsund oder Demmin. Die Generallinie des Kirchenkreises: Alle Kirchen in Dach und Fach erhalten, so dass künftige Generationen das letzte Wort über die Zukunft der Häuser haben.

Egbert Liskow (MdL CDU, rechts) brachte Geld vom Land für die Kapelle in Jarmshagen mit Quelle: Eckhard Oberdörfer

„Wir haben als Kirchenkreis drei Fonds“, erläutert Gerd Pankin. Das sind einmal jährlich 700 000 Euro, die dank Staatskirchenvertrag für die Gotteshäuser fließen, für die das Land das Patronat hat. Weitere 600 000 Euro sind es für die anderen Kirchen und 400 000 Euro sind für Pfarr- und Gemeindehäuser bestimmt. Der Kirchenkreis kann immer nur einer von mehreren Geldgebern sein.

Kirchen vermitteln Gefühl von Heimat

„Ich bin froh, dass es so viele engagierte Kirchgemeinderäte gibt“, sagt Gerd Panknin. Auch die zahlreichen Fördervereine, in denen sich auch Nichtkirchenmitglieder engagieren, seien ein großes Pfund. „Die Menschen identifizieren sich mit den Kirchen.“ Sie vermittelten den Menschen ein Gefühl von Heimat.

„Die Gemeinden und einzelne Gemeindemitglieder sind sehr kreativ, wenn es um die Erhaltung der Kirchen geht“, freut sich Panknin. „In Ludwigsburg bei Loissin beispielsweise wurde aus der Schlosskapelle eine Kirche der Sinne mit erheblichen Fördermitteln gestaltet.“ In Lindenberg bei Demmin wolle ein Förderverein den Kirchturm wiederaufbauen und das Untergeschoss zur Einrichtung eines Kirch- und Gemeinderaums nutzen, nennt er noch ein Beispiel.

Schon aufgegebene Kirchen gerettet

Die Schlosskapelle Ludwigsburg ist nun eine Kirche der Sinne. Der ehrenamtliche Küster Detlef Niemann hat daran großen Anteil Quelle: Eckhard Oberdörfer

In Pommern ist die Situation sehr unterschiedlich. In der Bischofsstadt Greifswald wurden und werden mehrere Millionen Euro in die Sanierung der drei großen Stadtkirchen St. Jacobi, St. Marien und St. Nikolai investiert. Auch in Stralsund engagiert sich der Kirchenkreis sehr. Die Barther Marienkirche ist derzeit eine große Baustelle.

Auch auf dem Land gibt es viele gute Beispiele, dass sogar schon aufgegebene Kirchen gerettet wurden und werden. Gerd Panknin erinnert an die Kirche in Leplow, die die Landeskirche Greifswald 1987/88 aufgegeben hatte. In den 1990er-Jahren wurde die Kirche auf Initiative der Leplower saniert, erzählt Panknin, der hier selbst in seinem Berufsleben als Pfarrer wirkte. „Es wurde das Unmögliche möglich gemacht.“ Glück der Nachwendezeit: Damals konnten noch ABM-Kräfte für solche Arbeiten eingesetzt werden.

Die gerettete Leplower Kirche Quelle: E-Mail-OZ-Lokalredaktion-RDG

Oder die Kirche Starkow. Vor allem dank des Engagements von Gerd Albrecht ist die gesamte Anlage an der Barthe heute eine Perle. „Mit dem geplanten Turm gibt es noch ein Sahnehäubchen.“ Die ersten Schritte des erfolgreichen Wegs unternahm nach 1990 der Velgaster Pfarrer Winfried Wenzel.

Die Kirche St. Jürgen an der Barthe in Starkow Quelle: oz_arc_common

„Wir haben erlebt, dass sich bei Problemen Wege auftun“, unterstützt der Neuenkirchener Pastor Volker Gummelt den grundsätzlichen Optimismus des Vorsitzenden des Kirchenkreisrates. Die 1976 wegen baulicher Mängel bereits gesperrte Gristower Kirche konnte nach der Wende mit einem Förderverein in ein Kleinod verwandelt werden. „Für nötige Maßnahmen in Neuenkirchen wie die Sanierung des Ostgiebels haben wir Sponsoren gefunden und jetzt sanieren wir mit Mitteln aus dem Strukturfonds des Landes die Kapelle Jarmshagen.“ Dass noch die Sanierung des alten Pfarrhauses anstehe, sei da ein kleines Problem.

Ruinen als Mahnmale der Geschichte

Küster Klaus Bergemann in der St.-Andreas-Kirche Nehringen Quelle: Grit Schreiter

Als der Glewitzer Pastor Rolf Kneißl sein Amt antrat, war in einem seiner Dörfer bereits eine Erfolgsgeschichte geschrieben worden. 1984 hatte der Kreiskirchenrat das Nehringener Gotteshaus aufgegeben. Die Gemeinde und ganz besonders Küster Klaus Bergemann retteten die Kirche. Als der Pastor die Baubeauftragten auf ihrer jährlichen Runde zu seinem Sorgenkind Medrow führte, erfolgte die Sperrung für Gottesdienste. „Die Kirche ist klein, die Sanierung war eine überschaubare Aufgabe“, sagt Rolf Kneißl. „Das Ergebnis ist schön. Es lohnt sich, zu kämpfen.“

Er würde auch für jede seiner Kirchen kämpfen und dafür sorgen wollen, das Gebäude wenigstens so weit in Ordnung zu bringen, dass es noch Jahrzehnte steht. Dann könnten kommende Generationen endgültig entscheiden, unterstützt Kneißl den Standpunkt Panknins.

„Wenigstens einmal im Jahr sollte auch ein Gottesdienst oder eine Veranstaltung in der Kirche stattfinden“, sagt Kneißl. Sonst gerate sie in Vergessenheit. „Wenn eine Kirche wirklich nicht saniert beziehungsweise gesichert werden kann, kann sie als Mahnmal der Geschichte stehen bleiben“, schlägt der Pastor vor. Aus Sicherheitsgründen müsste dann das Areal eingezäunt werden.

„Die Tatsache, dass anders als in Brandenburg der Kirche die Friedhöfe gehören, macht es nicht einfacher, Kirchen zu veräußern“, führt Rolf Kneißl ein. Es sei vielmehr ein Argument für den Erhalt des Ensembles. Und dass die Bürger ihre Kirchen lieben, das ist auch die Erfahrung von Rolf Kneißl.

Zahlreiche Vorhaben

157 Baumaßnahmenlaufen in diesem Jahr im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis. Hier einige Beispiele mit höherem Investitionsumfang außerhalb von Greifswald und Stralsund.

Alt Plestlin: nach Turmsanierung Fortsetzung der Sanierung der Wasserwanderkirche im Innern

Anklam: Innensanierung der Marienkirche

Benz: Innenraumsanierung

Gingst: Neueindeckung Kirchenschiff mit Instandsetzung Dach und Mauerwerk

Groß Bisdorf: Erneuerung Dachdeckung

Iven: Notsicherung der barocken Holzbalkendecke

Pasewalk: Fassadensanierung der Marienkirche

Pelsin: Gesamtsanierung

Putbus: Turm- und Sockelsanierung der Schlosskirche

Rambin: Sanierung Strebepfeiler und Mauerwerk

Rubkow: Dachsanierung, Trockenlegung im Chorraum

Sonnenberg: Innenraumsanierung

Stolpe: Innenrestaurierung und Verbesserung der Beleuchtung der Hochzeitskirche

Strasburg: Turmsanierung

Vilmnitz: Restaurierung von zwei Sarkophagen

Wiek auf Rügen: Sanierung des frei stehenden Glockenturms

Zinnowitz: Fassadensanierung

Von Eckhard Oberdörfer

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