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Greifswald Wann schläft diese Frau?
Vorpommern Greifswald Wann schläft diese Frau?
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12:28 30.04.2019
Spitzenkandidatin Katja Wolter vor einer Allee in der Nähe ihres Büros in Greifswald. In der Hansestadt ist ihre Partei, die FDP, so aktiv wie sonst kaum in Vorpommern. Quelle: Benjamin Fischer
Greifswald

Am Ende kommen sie alle auf den Hund: Ein junger Mann stellt eine Idee vor, für die er einen Markt sieht – den Verkauf von umweltfreundlicher Holzkohle. Kohle schon, nur eben ohne Holz dafür vergeuden zu müssen. Nur, woraus könnte die sein? Kuhfladen beim Bauern einsammeln? Andere organische Dinge, die sich zu glühender Kohle machen lassen, oder würden sich sogar Hinterlassenschaften eines Hundes verwenden lassen? Die Runde, acht junge Leute, diskutiert an einem sonnigen Nachmittag angeregt in einem Seminarraum oben unterm Dach des Historischen Institutes der Greifswalder Universität. Angesichts des Wetters würde die Stadt durchaus andere Möglichkeiten zur Zeitgestaltung bieten, aber den acht Teilnehmern ist es ernst, nicht nur mit der Grillkohle.

Rima Rifai, sie hat Betriebswirtschaftslehre studiert, ihre Idee bereits weit ausgebaut und eine Duft-Manufaktur gegründet. Ihr Ansatz: Mit verschiedenen Düften für mehr Kundenbindung sorgen, wenn Menschen Dinge im Internet bestellen. Wer in dem immer gleichen, lieb gewonnenen Geschäft einkauft, der bleibt einem Internethändler vielleicht genauso treu, wenn das Paket beim Öffnen stets denselben Geruch versprüht – über einen Klebestreifen, der beim Öffnen Duftstoffe freisetzt und so eine emotionale Kundenbeziehung schaffen soll.

Moderatorin oder besser Motivatorin

Die Moderatorin, oder eigentlich besser Motivatorin während der Veranstaltung, ist Katja Wolter. Sie, 41 Jahre alt, will junge Menschen kreativ anstoßen, die nach oder während ihrer wissenschaftlichen Ausbildung mit einer Geschäftsidee im Hinterkopf über einen Einstieg in die Gründerszene nachdenken. Das, wovon die Politik im Land schon lange träumt – jungen, online-affinen Unternehmensgründern so gute Möglichkeiten zu bieten, dass sie sich im ländlichen MV genauso wohl fühlen wie in Berlin oder dem Hamburger Schanzenviertel. Hier im Seminarraum zeigt sich, wie ein Start zur Verwirklichung dieser Vision aussehen könnte, wie Vorpommern eines Tages „zum Vorgarten Berlins wird“, so formuliert es Vorpommern-Rügens Landrat Stefan Kerth (SPD) gern, wenn erst einmal das schnelle Glasfaserinternet in der Erde liegt und es weniger wichtig wird, wo wer arbeitet.

Einige Tage später in einer Altbauwohnung, dem Büro von Katja Wolter, oder wie sie zielgruppengerecht selbst sagt, in ihrer Coworking-Wohnung. Nackter, historisch anmutender Putz auf den Wänden, spärlich-schicke Möblierung. Hier hat das Steinbeis-Forschungszentrum seinen Sitz, das sie 2013 gegründet hat, um den Wissenschaftstransfer in die Praxis zu beschleunigen. Dafür ist Katja Wolter auch in Mecklenburg-Vorpommern, aber zum deutlich größeren Teil bundesweit unterwegs, berät Hochschulen und junge Leute gleichermaßen. Auch sie selbst würde diesen Teil ihres Lebens von einer Großstadt aus deutlich einfacher organisieren können, aber aus Liebe zur Heimat und zur Familie ist sie vor ein paar Jahren nach beruflichen Stationen in Frankfurt und Berlin nach Vorpommern zurückgekehrt.

Am Ende werden Stühle und Sauerstoff knapp

Nach vorne treten und vor Fremden eine Gründungsidee zu präsentieren, das erfordert Mut. „Ich versuche in diesen Runden ein Teil der Gruppe zu sein und die Menschen so zu öffnen“, sagt sie. „Das gelingt mir sehr oft.“ Und dies hat selbst mit verschiedenen Bundestagsabgeordneten funktioniert. Sie hat Wolter für ihr im November erschienenes Buch „Vertraute Feinde“ über Monate interviewt. Darin, diesmal aber im Schutz der Anonymität, berichten Politiker ungewohnt offen darüber, wie sie sich zerreißen würden zwischen der Arbeit in der Fraktion in Berlin, den Erwartungen im Wahlkreis und der Familie. „Einer dieser drei Pole kommt eigentlich immer zu kurz“, sagt die Autorin.

Eine derart durchaus intime Darstellung des Lebens von Politikern ist selten. Zu einer Lesung im April kommen so viele Menschen, dass in dem mittelgroßen Veranstaltungsraum eines Restaurants am Ende Sauerstoff und Stühle sehr knapp sind. Wolter: „Das ist für mich schon der große Erfolg, wenn wir es schaffen, hinter die Vorurteile zu schauen, was die Menschen ausmacht, was sie antreibt.“ Und die Reaktionen seien verschieden: „Einige sagen mir, dass dieses Buch nicht gerade eine Werbung dafür ist, in die Politik zu gehen. Andere meinen genau das Gegenteil.“

Keine gegelten Typen mit hochgestellten Lacoste-Kragen

Die Coworking-Wohnung ist zugleich so etwas wie die letzte Insel der FDP in Vorpommern, für die Wolter in der Greifswalder Bürgerschaft sitzt und dort nach den Kommunalwahlen am 26. Mai endlich wieder in Fraktionsstärke einziehen will. Für den Kreistag gilt das Gleiche. In anderen Teilen der Region, auch in Stralsund, kommt die Partei dagegen kaum noch öffentlich vor. Anders in Greifswald: Jetzt, während der Wahlkampfzeit, trifft Wolter ihre liberalen Mitstreiter jeden Freitagabend. Die Themen sind bunt, die Zusammensetzung des Teams überrascht. Am vergangenen Freitag sitzen vier Frauen zwei Männern gegenüber, das Durchschnittsalter liegt allerhöchstens bei Ende 30.

Auch die über Jahre typischen Insignien der FDP sind verschwunden. Sebastian Adler, kurze Haare ohne chemische Zusätze, und Bart, bringt es auf den Punkt: „Liberale, das sind nicht mehr die gegelten Typen mit den hochgestellten Lacoste-Kragen.“ Kommt man indes auf Parteichef Christian Lindner und seine Bemerkung darüber zu sprechen, dass demonstrierende Schüler Forderungen zur Rettung des Klimas lieber den Profis überlassen sollten, murmeln alle erst mal etwas herum: ein „bisschen unangenehm“ sei das gewesen und eine wohl „unüberlegte spontane Äußerung“, ehe Katja Wolter eine politische Furche zieht. „Ich grenze mich als ehrenamtliche Kommunalpolitikerin ganz klar davon ab. Der Mann kriegt Geld dafür, der müsste es beherrschen, auch in spontanen Momenten im Fernsehen das Richtige zu sagen.“

Ein Leitantrag zur Kommunalwahl, den die FDP auf ihrem jüngsten Landesparteitag verabschiedet hat, kommt ungeahnt sozial daher: mehr Geld für Tagesmütter und -väter, mehr Geld für Jugendklubs auf dem Lande, ein besserer Busverkehr und so weiter. Spricht man aus, dass dies fast an die SPD erinnere, regt sich Widerstand in der Truppe. Wolter: „Wir wollen, dass es eine wirkliche Wahlfreiheit zwischen beiden Betreuungsangeboten gibt.“ Die existiere bisher nicht, weil Tagesmütter und -väter finanziell schlechter gestellt seien als Kitas, sobald sie ein Geschwisterkind aufnehmen. Und eine echte Wahlfreiheit, das, betont sie, habe sehr viel mit den liberalen Werten der FDP zu tun. „Wir wollen eine Politik machen, die die Möglichkeiten des Einzelnen und seine freien Entscheidungen und nicht nur ganze Bevölkerungsgruppen in den Mittelpunkt stellt.“

Benjamin Fischer

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