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Greifswald Geht Greifswalder Sammlung nach Mecklenburg?
Vorpommern Greifswald Geht Greifswalder Sammlung nach Mecklenburg?
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10:40 08.02.2019
Vor zehn Jahren sah die Welt noch anders aus. Auf dem Foto von 2008 aus der damals noch in der Falladastraße verwahrten Sammlung beschreiben Felix Biermann (links) und Thomas Terberger eine 1823 bei Neuenkirchen geborgene Urne. Quelle: Peter Binder
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Greifswald

Die Universität Greifswald will ihre bedeutende ur- und frühgeschichtliche Sammlung an das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in Schwerin übergeben. So steht es in den Unterlagen für die sogenannte erste Mittelverteilung der Universität 2019. Gegenwärtig erfolgt noch eine Inventarisierung mit Mitteln der Hochschule. Von den Historikern kam kein Protest. „Einer Abgabe der Sammlung wurde im Einverständnis mit dem Historischen Institut und dem Fakultätsrat durch die Fakultätsleitung zugestimmt“, informiert der Geschäftsführer der Philosophischen Fakultät, Markus Reger.

Ob das Landesamt überhaupt an der Sammlung interessiert ist, dazu könne er nichts sagen, so der Sprecher des Schweriner Bildungsministeriums, Henning Lipski. Über Eigentum der Universität Greifswald könne das Land nicht verfügen oder sich gar über die Hochschulautonomie erheben. Laut Unisprecher Jan Meßerschmidt sind keine kurzfristigen Entscheidungen zu erwarten. „Über eine Abgabe der Sammlung an das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege oder die Universität Rostock wurde bereits diskutiert“, bestätigt er immerhin. „Über solch eine Lösung könnte langfristig die wissenschaftliche Auswertung und der Erhalt der Sammlungsstücke abgesichert werden.“

„Es wird immer noch nach einer dauerhaften und guten Lösung für die Sammlung gesucht“, sagt Meßerschmidt und relativiert die Präferenz für das Landesamt: „Derzeit suchen wir noch nach geeigneten und guten Lagerräumen in Greifswald.“ Über freie oder frei werdende Gebäude verfügt die Uni selbst. Allerdings sind die Unterbringung in geeigneten Räumen und eine wissenschaftliche Betreuung nicht zum Nulltarif zu haben. Die Stadt ist (noch) kein Partner der Suche nach Räumen. Bisher gebe es keine Anfrage, so die Greifswalder Pressestelle.

Alternativen in Vorpommern? Das Pommersche Landesmuseum wehrt ab. Für eine Übernahme der Sammlung habe man weder die räumlichen noch die personellen Kapazitäten, bedauert Direktor Uwe Schröder. „Wir würden die Universität Greifswald sehr gerne unterstützen, doch leider ist das zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich“, sagt Peter Koslik, Sprecher des zweiten vorpommerschen Oberzentrums Stralsund mit einer ebenfalls wichtigen Sammlung. Es werde noch ein bis zwei Jahre dauern, bis der Umzug „unserer eigenen Sammlung von den alten in die neuen Depoträume“ vollzogen ist. „Erst wenn diese Arbeiten abgeschlossen sind, können wir eine klare Aussage dazu treffen, ob wir helfen können“, sagt Koslik.

Klar ist eins. Gegenwärtig lagert die Sammlung im Keller der alten Universitätsbibliothek und führt ein Dornröschendasein. Dass sie dort auf Dauer nicht bleiben kann, ist unstrittig. Für die Abgabe nach Mecklenburg spricht einiges. In Rostock gibt es nach einer 19 Jahre währenden Pause seit 2016 wieder einen Professor für Ur- und Frühgeschichte. An der Warnow soll zudem das Archäologische Landesmuseum entstehen.

In den drei Jahren vor dem Neustart in Rostock gab es an keiner Hochschule Mecklenburg-Vorpommerns einen fest angestellten Wissenschaftler, nachdem der außerplanmäßige Professor, der Sammlungskustos Thomas Terberger, 2013 Greifswald verlassen hatte. Er war zu diesem Zeitpunkt der Einzige, der im Land der Großsteingräber und Burgwälle die Archäologie vertrat. Seine Stelle opferte die Philosophische Fakultät für den Fortbestand der Lehrerbildung in Greifswald. 2010 wollte eine Stiftung in Greifswald eine Professur für Ur- und Frühgeschichte mit zwei Mitarbeitern für fünf Jahre finanzieren (die OZ berichtete). Die Frage, wie es danach weitergeht, war indes offen.

Die Philosophische Fakultät verlor Mitte der 1990er Jahre bei der großen Kürzungsrunde an den Unis ein Drittel ihrer Stellen. Einige Fächer wie Sportwissenschaft, Romanistik und Altertumswissenschaften gibt es nicht mehr. Die Professur für Ur- und Frühgeschichte wurde nicht wieder besetzt. Die Archäologische Sammlung ging schon 2009 als Leihgabe nach Rostock, weil sie in Greifswald keiner mehr wollte, wie seinerzeit Kustodin Jutta Fischer sagte.

Forschen und sammeln

Schon 1727führte der Juraprofessor Christian Nettelbla(dt) Grabungen bei Weitenhagen durch und publizierte zu den gefundenen Urnen. Ob es sich dabei um die ersten Ausgrabungen mit wissenschaftlichem Hintergrund in Deutschland handelt, ist umstritten. Auf jeden Fall hat er den Weg dafür bereitet.

Eine systematische Erfassung begann vor knapp 200 Jahren. Wie es in der Geschichte der Sammlung vorgeschichtlicher Altertümer heißt, rief Prof. Peter Kanngießer 1821 auch Rügenreisende auf „ihre hie und da einzeln aufbewahrten Schätze … bei ihrer vaterländischen Hochschule zu vereinigen“. Als Geburtsjahr der Sammlung gilt 1823.

Der sehr um Pommerns Geschichte verdiente Historiker Theodor Pyl hat die Sammlung stark erweitert. In den 1920er entstand das Seminar für Vor- und Frühgeschichte. Eine Professur gab es am Ende der DDR nicht mehr. 1992 wurde der Lehrstuhl wieder gegründet, aber nach dem Ausscheiden von Günter Mangelsdorf 2004 nicht wieder besetzt.

Zu den Glanzstückender Sammlung gehören ein Riesenhirschgeweih, das als ältestes Zeugnis der Besiedlung des heutigen MV gilt und Funde aus Megalithgräbern und der Tempelburg Arkona.

 

 

Eckhard Oberdörfer

Der Betrieb ist gut angelaufen in der Notfallmedizin. Pro Tag werden rund 100 Patienten behandelt, Tendenz steigend.

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