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Greifswald Weihnachtsstress? Das muss nicht sein!
Vorpommern Greifswald Weihnachtsstress? Das muss nicht sein!
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07:00 18.12.2018
Hinter schöner Beleuchtung zu Weihnachten spielt sich manch Streit und Zoff ab. Quelle: E-Mail-OZ-Lokalredaktion-HST
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Stralsund

Weihnachten ist ein tolles Fest, auch wenn es Konfliktpotenzial birgt, findet der systemische Familientherapeut und Berater André Schulz aus Stralsund. Sein Tipp: Alle müssten die Erwartungen ein bisschen herunterschrauben, sich mit Toleranz begegnen und möglichst offen über ihre Wünsche reden.

Herr Schulz, sollten wir Weihnachten aus familientherapeutischer Sicht lieber abschaffen, kämen wir dann konfliktfreier durch den Dezember?

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(Lacht). Nein, abschaffen auf keinen Fall. Es ist schon ein sehr wichtiges Fest für die Familien. Das Schenken, das Zusammenkommen – es birgt einfach die Chance, dass man sich begegnet. Ich höre jedenfalls viele Geschichten von schönen Begegnungen in dieser Zeit. Aber natürlich wäre es gut, wenn wir alle unsere Erwartungen ein bisschen herunterschrauben und im Vorfeld auch besprechen würden, was wir uns vorstellen.

Woher kommt es denn, dass manche Familien zu Weihnachten schon über simple Dinge wie das Essen, die Farbe der Christbaumkugeln oder Ähnliches in Streit geraten?

Weihnachten ist ein Fest, das viele kleine Rituale vereint. Diese Rituale haben die Funktion, dass man den immanenten Sinn, die Bedeutung des Festes spürt. Aber das geschieht in jeder Familie ein bisschen anders, jeder hat da seine eigene Geschichte. Darum kann es sein, dass Paare schon über die Farbe der Christbaumkugeln streiten, als ginge es hier um Glück und Unglück. Hilfreich ist dann, sich gegenseitig die Geschichten dahinter zu erzählen: Was verbinde ich eigentlich mit diesen Ritualen, was bedeuten sie mir?

Der systemische Familientherapeut und Berater André Schulz aus Stralsund Quelle: Martin Jehnichen

Kommt es vor, dass Menschen quasi wegen Weihnachten zu Ihnen in Therapie wollen?

Ich stelle schon fest, dass es rund um Weihnachten besonders viele Menschen gibt, die den Druck oder Drang verspüren, ihr Leben in Ordnung zu bringen, ihre Konflikte als Paar oder Familie zu lösen. Die Themen, um die es dann genau geht, sind sehr unterschiedlich. Mitunter muss ich die Erwartungen aber auch bremsen. Wenn jemand drei Wochen vorher kommt, um noch schnell vor dem Fest alles in Ordnung zu bringen, und das ganze Jahr über nicht genug für ein gutes Miteinander getan wurde, sage ich auch mal: Das wird womöglich etwas länger dauern.

Was raten Sie Menschen, die schon im Vorfeld spüren: Mir macht das total Stress, dass meine Eltern oder Schwiegereltern kommen, aber ich will sie nicht ausladen?

Das ist natürlich ein Dilemma, und ein Dilemma kann man nicht lösen, indem man entweder das eine oder das andere tut, sonst hätte man es ja längst getan. In so einem Fall braucht es den Mut, mitzuteilen, wie es im Inneren aussieht. Das ist schon eine Herausforderung, den anderen zu sagen: Ich bin hier in einer Zwickmühle, so und so geht es mir. Ich erlebe aber relativ häufig, dass Menschen damit gute Erfahrungen machen: Manchmal trauen sich dann nämlich auch die anderen, über die eigenen Wünsche zu sprechen. Und dann können alle gemeinsam darüber reden, wie sie die Weihnachtsrituale so anpassen und verändern, dass alle damit zufrieden sein können – oder was eben das Thema ist.

Und wenn die Großeltern über die Feiertage ständig den Erziehungsstil kritisieren, alles zu lax, die Enkel zu verwöhnt finden – wie sollten Eltern damit umgehen?

Da hilft vor allem eine Klarstellung: Die Erziehungsregeln werden in der Kleinfamilie bestimmt, nicht von den Großeltern. Dafür müssen die Eltern allerdings wissen, was sie wollen, und sich einig sein. Die Großeltern dürfen durchaus ihre Meinung haben und sie einbringen. Man kann sich die Meinungen anderer ja immer mit Toleranz und Wertschätzung anhören und gleichzeitig bei der eigenen Linie bleiben. Wenn das allerdings nicht gelingt, wenn die Fronten sehr verhärtet sind oder die Kritik sehr aggressiv geäußert wird, kann es auch sinnvoll sein, sich Hilfe von außen zu suchen und mal genauer zu fragen, wieso jemand glaubt, sich so kämpferisch einbringen zu müssen.

Was raten Sie Patchworkfamilien? Die haben es ja besonders schwer, festzulegen, wer Weihnachten mit wem wo feiert, oder?

Das ist die typische Problemsicht, mit der in unserer Gesellschaft oft auf Patchworkfamilien geguckt wird. Man könnte die vielen Möglichkeiten aber auch als Chance sehen! Es ist natürlich eine Herausforderung. Manchmal haben getrennte Partner Angst, die Zuneigung der Kinder zu verlieren, und bringen sie in Loyalitätskonflikte. Das sollte man Kindern nicht aufbürden. Ein Erwachsenenherz ist nicht darauf angewiesen, dass das Kind seine Liebe zeigt, indem es sagt: Ich will bei Dir feiern. Wenn die Eltern ihre Ängste überwinden und die Kinder freigeben, dann gelingt es aber auch, dass alle in ihre Rolle finden und man das Miteinander gut hinbekommt.

Die meisten Menschen wollen zu Weihnachten nicht allein sein – was, wenn sie mit ihrer Familie nicht feiern können oder keine mehr haben?

Das lässt sich nur individuell beantworten. Wichtig ist, sich selbst zu fragen: Worum geht es mir eigentlich? Jeder Mensch hat ein Grundbedürfnis nach Liebe, Wertschätzung, Anerkennung, vielleicht auch nach gelebter Spiritualität. Wenn es mir zu Weihnachten besonders wichtig ist, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden, muss ich mich eben fragen: In welchem Rahmen ist das möglich? Wenn es in Familie nicht geht, dann vielleicht in einer anderen Gruppe. Das kann man schon lösen.

Feiern Sie selbst gern Weihnachten?

Ja, wir haben in unserer Familie natürlich auch so unsere kleinen Rituale. Am meisten freue ich mich auf die Augen meiner Kinder. Und allen Lesern wünsche ich, dass ihr Weihnachten nicht in schwieriger Weise aufwühlend, sondern freudebringend wird.

Sybille Marx

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