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Greifswald „Wi snackt Platt“ – Greifswalder kämpfen für den Erhalt des Plattdeutschen
Vorpommern Greifswald

„Wi snackt Platt“ – Greifswalder kämpfen für den Erhalt des Plattdeutschen

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13:58 23.02.2020
Gisela Zillmer (80) ist Plattdeutsch-Muttersprachlerin. Ihr ist es wichtig, dass die Sprache nicht ausstirbt. Quelle: Stefanie Ploch
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Greifswald

„He röögt dat Muul as de Katteker den Steert“, steht auf einem Zettel geschrieben, den Gisela Zillmer aus einer Schale zieht. Sie lacht. „Ja, das passt zu mir“, sagt sie, als die den plattdeutschen Satz liest. „Er bewegt seinen Mund so viel, wie ein Eichhörnchen seinen Schwanz“, übersetzt die 80-Jährige. Im übertragenden Sinne würde man heute sagen: „Er redet in einer Tour.“ Während einige Teilnehmer des Sprachcafés im Pommerschen Landesmuseum eine Übersetzung des Sprichwortes benötigen, stellt es für die 80-Jährige Zillmer keine Probleme dar: Sie ist Plattdeutsch-Muttersprachlerin, spricht somit eine sogenannte Minderheitensprache.

Anlass des „Platt-Snacken“-Treffens am Freitag war der Tag der Muttersprache, welcher von der UNESCO ausgerufen wurde. Der jährliche Gedenktag wird genutzt, um die Aufmerksamkeit auf Minderheitensprachen mit weniger als 10 000 Sprechern zu lenken. Vielfach werden diese Sprachen nicht mehr an die nachfolgenden Generationen weitergegeben und geraten in Vergessenheit. Seit 1994 gehört auch die Regionalsprache der nördlichen Bundesländer, Plattdeutsch, zu den Minderheitensprachen.

Plattdeutsch-Quiz: Nur wenn Sie diese 10 Wörter verstehen, sind Sie ein richtiger Platt-Snacker

Das habe mehrere Gründe, wie Christian Peplow vom Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern erklärt: „Zum einen ist es schwierig, die Sprache anzuwenden, weil kaum noch jemand die Sprache spricht“, sagt er. „Zum anderen gibt es regional sehr starke Unterschiede und viele ältere Platt-Sprecher sind sehr eingefahren in ihrem Sprachgebrauch.“ So würden schon zwischen Stralsund und Greifswald einige Wörter unterschiedlich ausgesprochen. Das Schwierige sei dann, dass viele darauf beharren, dass ihre Version die richtige sei, sagt Peplow. Das würde neue Lerner der Sprache frustrieren. Außerdem hätten die Muttersprachler aufgehört, das Plattdeutsch an ihre Kinder weiterzugeben.

Plattdeutsch galt lange nur als Kunstsprache

Das kann Gisela Zillmer bestätigen. „Ich bin in Lieper Winkel groß geworden“, berichtet sie. „Dort haben wir nur Plattdeutsch gesprochen.“ Doch schon im jungen Alter habe sie begonnen, Bücher auf Hochdeutsch zu lesen und in der Schule wurde auch nur Hochdeutsch geredet. „Der Unterschied war für mich gar nicht so gravierend, ich bin ja auch damit groß geworden“, gibt sie zu. Doch ihren Kindern habe sie das Plattdeutschsprechen nicht mehr beigebracht. „So war das häufig, besonders zu DDR-Zeiten galt Platt nur als eine Kunstsprache. Im Elternhaus wurde dann nur noch Hochdeutsch gesprochen“, erklärt Peplow.

Christian Peplow vom Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern. Quelle: Stefanie Ploch

Ein weiteres Problem beim Lernen der Regionalsprache ist, dass es keine einheitliche niederdeutsche Grammatik gibt. Außerdem sei die Sprache dadurch, dass sie immer weniger gesprochen werde, stehengeblieben, gibt Peplow zu bedenken. Deswegen würden Wörter, die es zuvor nicht gab, neu erfunden. „Neue Begriffe, wie beispielsweise der Fernseher, werden aus bestehenden plattdeutschen Wörtern generiert“, erklärt er. „So wird das TV „Kiekschapp“ genannt – wörtlich übersetzt bedeutet das ,Guckschrank’“Bei einigen Wörtern, die auf Krampf erschaffen werden müssen, sei es jedoch etwas schwierig, weil die Wörter dann auch niemand benutze, meint Peplow.

„Letzte Chance, die Sprache am Leben zu erhalten“

Obwohl die Sprache auszusterben droht, hat Peplow Hoffnung: „Ich merke einen Trend, dass wieder mehr Leute Plattdeutsch lernen“, sagt er. So wird in Schulen vereinzelt wieder Plattdeutsch unterrichtet, sogar Abitur kann in diesem Fach inzwischen abgelegt werden. In sechs sogenannten Profilschulen in MV, in Dömitz, Wismar, Crivitz, Laage, Stavenhagen und Demmin ist das derzeit möglich. Zudem gibt es einige Projekte, in denen Plattdeutsch-Muttersprachler in Kindergärten gehen, ihnen etwas vorlesen oder Sprachspiele machen. Auch Kinderbücher oder Filme sind für die jüngere Generation auf Niederdeutsch übersetzt worden. Es gibt moderne, plattdeutsche Musik und auch das Radio bringt Sendungen auf Platt. „Die Sprache ist derzeit wieder am aufblühen“, ist sich Peplow sicher. „Aber es ist auch die letzte Chance, die Sprache am Leben zu erhalten.“

Platt-Schnacker miteinander vernetzen – zum Erhalt der Sprache

Um die Plattdeutschsprecher miteinander zu vernetzen, hat der Heimatverband einen „Atlas Niederdeutsch“ ins Leben gerufen – eine Datenbank mit virtueller Karte, die die Plattdeutschakteure darstellt. „MV ist das Bundesland mit den meisten Plattsnackern“, sagt Peplow. Allein in Greifswald gibt es fünf Gruppen, die sich regelmäßig zum Sprechen und Lesen des Niederdeutschen treffen. Auch Gisela Zillmer gibt ihr Wissen dort weiter: „Damit diese schöne Sprache niemals aussterben wird.“

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Von Stefanie Ploch

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