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Greifswald Wie das System der Grundsicherung demotivieren kann
Vorpommern Greifswald Wie das System der Grundsicherung demotivieren kann
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12:30 07.03.2019
Die Videojournalistin Christina wohnt und arbeitet in Berlin
Die Videojournalistin Christina wohnt und arbeitet in Berlin Quelle: Privat
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Greifswald

Wer Hartz 4 bezieht, wird oft von der Gesellschaft stigmatisiert. Dieses Gefühl kann Christina (28), Videojournalistin aus Berlin und eine gute Freundin von mir (Christin), nachvollziehen. Nur ihre engsten Vertrauten wussten, dass sie für einige Monate auf Hartz 4 angewiesen war. Hier ist ihre Geschichte:

"Ich war 25 Jahre alt, als ich von London nach Berlin gezogen bin. Dort wollte ich, wie zuvor auch, als selbstständige Videojournalistin arbeiten. Zwei Monate hatte ich für die Jobsuche eingeplant und dafür Erspartes zurückgelegt. Doch auch nach Ablauf dieser Zeit, waren keine Aufträge in Sicht. Ich musste mir langsam eingestehen, dass ich finanzielle Unterstützung brauche. Meine Eltern wollte ich nicht fragen. Schließlich konnte ich mich die letzten Jahre selbst finanzieren und fand mich mit 25 Jahren auch zu alt dafür, meine Eltern nach Geld zu fragen.“

Erst abgelehnt, dann bewilligt

„Zu der Zeit wohnte ich im Berliner Bezirk Neukölln. Also gab ich dort meinen Hartz-4-Antrag ab. Einige Wochen später folgte die Ernüchterung. Mein Antrag wurde abgelehnt. Der Grund: Ich konnte keine selbstständige Tätigkeit nachweisen. Um als Selbstständige zu gelten - übrigens in meiner Situation die einzige Möglichkeit um in Deutschland als Österreicherin Hartz 4 zu bekommen - hätte ich Einkünfte aus selbstständiger Arbeit in Deutschland vorweisen müssen. Doch genau diese waren ja mein Problem - ich hatte keine. Es schien, als gäbe es keinen Ausweg.

Mein Glück war der Umzug aus meiner damaligen Wohnung in einen anderen Bezirk, der mich damals meinen letzen Cent kostete. Dort gab ich noch mal einen Antrag auf Hartz 4 ab, diesmal im Jobcenter Friedrichshain-Kreuzberg. Ich hatte Glück, die Fallmanager waren diesmal kulanter und erkannten meine selbstständige Tätigkeit aus London an. Der Antrag wurde bewilligt. Ich bekam monatlich 809,17 Euro ausgezahlt (418,50 Miete plus 390,67 Regelbedarf).

Das Geld hat gereicht, aber die Umstellung war hart. Ich musste auf alle nicht unmittelbar notwendigen Sachen verzichten. Das Haarshampoo, das ich seit Jahren benutzt hatte, war nun zu teuer. Im Nachhinein waren die alltäglichen Sparmaßnahmen das allerdings nicht das Schlimmste für mich. Viel schlimmer fand ich es, dass ich kaum eine Möglichkeit hatte, aus Berlin herauszukommen, zu verreisen oder meine Familie in Österreich zu besuchen. Und wenn ich das dann doch mal machte, musste ich eine 9-stündige Busfahrt nach Wien in Kauf nehmen, das kostete nämlich nur knapp 30 Euro.“

Das Gefühl von Nutzlosigkeit

„Ich hatte damals, so wenig Kontakt wie möglich mit dem Jobcenter. Das Gefühl, als Bittsteller bei einem Fallmanager zu sitzen, war einfach zu unangenehm und auch nicht unbedingt gewinnbringend für mein Selbstbewusstsein. Und das brauchte ich ja dringend für die Jobsuche. Ich war froh, dass sich das Jobcenter auch nicht oft bei mir meldete. Ich musste keine Bewerbungen schreiben und bin auch nie mit Sanktionen belegt worden. Trotzdem verließ mich der bittere Beigeschmack, Hartz-4-Bezieherin zu sein und Hilfe vom Staat zu benötigen, nur selten.

Am besten konnte ich das auf Partys vergessen. Wenn du erst mal im Club bist, fragt dich keiner, wo oder was du arbeitest. Und wenn du Kontakte hast, kannst du dir das Ausgehen dank Freigetränken auch mal leisten. Doch am nächsten Tag war das Gefühl, für die Gesellschaft nutzlos und ungebraucht zu sein, meistens noch viel schlimmer. Je mehr Zeit verging, desto weniger Perspektive hatte ich. Ich kann absolut nachvollziehen, dass man die Motivation verliert, wenn man über einen langen Zeitraum von staatlicher Leistung leben muss.“

Perspektiven schaffen

„Nach einigen Monaten habe ich es aus dem Sozialsystem dann endlich wieder raus geschafft. Das Gefühl, Hartz 4 zu beziehen, das mich eine Zeit lang demotiviert hatte, war irgendwann so unerträglich für mich geworden, dass ich meine Situation um jeden Preis ändern wollte. Ich arbeitete hart an meinen Bewerbungen und konnte kurze Zeit später endlich wieder ins Arbeitsleben einsteigen. Auch heute bin ich noch als selbständige Videojournalistin tätig.

Hartz 4 war für mich vor allem gefühlsmäßig eine eindrucksvolle Erfahrung. Das Geld war für mich zweitrangig, es hat gereicht. Wie das Leben mit Hartz 4 und Kindern ist, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, staatliche Unterstützung für Menschen, die sie brauchen, zur Verfügung zu stellen. Diese muss meiner Meinung nach auch nicht aus mehr Geld bestehen, doch vielleicht könnte sie mehr darauf fokussiert sein, Perspektiven zu schaffen. Denn genau die verliert man schnell, wenn man erst mal im Sozialsystem steckt."

*Aufgezeichnet von Christin Lachmann

Christin Lachmann

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