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Greifswald Wolgaster Tischlerfamilie mit Sinn für Schönes und Soziales
Vorpommern Greifswald Wolgaster Tischlerfamilie mit Sinn für Schönes und Soziales
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00:00 09.10.2017
Tischler Albert Bräunlich im Alter von 72 Jahren an seinem letzten Arbeitstag. Quelle: Fotos: Archiv Von Anneliese Köster (enkelin Von Albert Bräunlich)
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Wolgast

Wer am 1. Advent 2017 zur Einweihung des neuen Geläuts die wuchtige Eingangstür der Wolgaster St. Petri-Kirche durchquert, passiert ein Meisterwerk des Tischlers Albert Bräunlich. Der Mitarbeiter der hiesigen Holzhäuser-Gesellschaft war es, der 1925 der evangelischen Gemeinde nach dem verheerenden Brand ihres Gotteshauses 1920 eine neue Kirchentür fertigte. Der Firmenchef, Baumeister Johannes Sprockhoff, machte der Kirchengemeinde die Tür zum Geschenk. Der Entwurf stammte vom Regierungsbaurat Erich Richter. „Ein feste Burg ist unser Gott“

Albert Bräunlich schuf nach dem Kirchenbrand von 1920 St. Petris neue Eingangstür

prangt in Erinnerung an ein bekanntes Lied des Reformators Martin Luther als Spruchband im hölzernen Portal. Im 500. Jahr der Reformation soll an den begnadeten Handwerker aus der Peenestadt erinnert werden.

Albert Gustav Karl Bräunlich wurde am 2. Juni 1873 als Sohn des Zigarrenmachers Karl Wilhelm Leopold Bräunlich in Wolgast geboren. Sein Elternhaus befand sich in der Schützenstraße 51. Nach seiner Tischlerlehre in der Wolgaster Aktiengesellschaft für Holzbearbeitung, vormals Joachim Heinrich Kraeft, – Bräunlich schlug die Ausstellung eines Gesellenbriefs aus Kostengründen aus – heiratete er 1898 die Schneiderin Martha Anna Johanna Priepke aus Wolgast. Beide bewohnten das Haus in der Schützenstraße 44, das sie vom Eisenbahnbeamten Karl Schulz a. D. gekauft hatten und wo die Söhne Adolf Albert (1899) und Otto Wilhelm (1910) geboren wurden. Bräunlichs berufliche Karriere fiel mit dem Aufschwung des Wolgaster Holzverarbeitungsbetriebes zusammen, der sich auf dem Gelände der heutigen Peene-Werft befand und als Wiege des Fertigteilhauses weltweit bekannt wurde.

Die zahlreichen im Werk am Peenestrom eingehenden Aufträge zum Bau wunderschöner Villen, der so genannten „Wolgaster Holzhäuser“ in Fertigteilbauweise, führten auch Bräunlich als Montagearbeiter ins Ausland, u. a. nach Russland. Auch etwa am Bau des neuen Reichstagsgebäudes in Berlin, des Finanzamtes in Dresden, diverser Post- und Reichsversicherungsämter sowie Schloss-, Kirchen- und Kasernenbauten waren Tischler der Wolgaster Aktiengesellschaft beteiligt.

Albert Bräunlich erlebte – ausgelöst durch Brände, veränderte Zollbedingungen und die Weltwirtschaftskrise – mehrere dramatische Auf- und Abschwünge des Betriebes. Auch er selbst durchlebte turbulente Zeiten, u. a. während seines Militärdienstes. 1922 erlag seine Ehefrau, die in der Stickereifabrik am Wolgaster Fischmarkt beschäftigt war, im Alter von nur 46 Jahren einer schweren Krankheit. Noch lange zierten von ihr kunstvoll gestickte Decken den Altar in St. Petri.

Drei Jahre später heiratete Bräunlich wieder. Im Januar 1925 führte er die gebürtige Ziemitzerin Anna Luise Friederike Oestreich in Wolgast zum Altar. Im selben Jahr schuf er die Tür der einstigen Hofkirche der Herzöge von Pommern-Wolgast.

Albert Bräunlichs Sohn Adolf war als Elektriker in der Schlosserei des nunmehr unter der Bezeichnung Wolgaster Holzindustrie firmierenden Betriebes angestellt. Sohn Otto, geboren am 15. Oktober 1910, der eigentlich Seemann werden wollte, arbeitete auf Anweisung des Vaters als Tischlergeselle im Betrieb am Peenestrom. Sein Gesellenstück war ebenfalls eine Eingangstür – jene des Karriner Gutshauses. 1942 legte Otto Bräunlich vor der Handwerkskammer Stralsund seine Meisterprüfung im Tischlerei-Handwerk ab. Wegen eines Leberleidens war er für wehrdienstuntauglich befunden worden.

Als der Holzbaubetrieb 1945 nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Zuge von Reparationsleistungen demontiert wurde, sorgte Bräunlich für den Wiederaufbau. Er beschaffte Werkzeug, Hobelbänke und Schraubzwingen aus den Werkstätten der einstigen Seeberufsfachschule im Wolgaster Tannenkamp, lieh in Pritzwald ein Gatter, borgte Maschinen für die Betriebsschlosserei. Auch richtete er Heimwerkstätten für kriegsversehrte Wolgaster Tischler ein, in denen Spielzeug, Nähkästchen und Rodelschlitten entstanden, die bis nach Rügen verkauft wurden. So bewies auch er starkes soziales Engagement. Vater Albert Bräunlich starb am 8. April 1968. Sohn Otto hielt sein Andenken in Ehren. Als man z. B. begann, mit Nägeln Plakate an der Kirchentür von St. Petri anzuschlagen, schritt er konsequent ein. Das Meisterwerk des Vaters sollte durch mutwilliges Handeln keinen Schaden nehmen.

Kirchenbrand von 1920

In der Nacht vom 9. zum 10. April 1920 wurde die Wolgaster St. Petri-Kirche ein Raub der Flammen. Ein Blitz löste im Kirchturm das Feuer aus. Die herbei geeilte Freiwillige Feuerwehr glaubte zunächst, den Brand unter Kontrolle gebracht zu haben, was sich jedoch als Irrtum erwies. Ein Großteil der prächtigen Innenausstattung der Kirche ging in dem verheerenden Feuer verloren – auch die Eingangstür.

Tom Schröter

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