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Greifswald Wollte der NSU auch in Greifswald zuschlagen?
Vorpommern Greifswald Wollte der NSU auch in Greifswald zuschlagen?
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13:30 16.07.2018
Fahndungsbilder von Beate Zschäpe (l-r), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Quelle: Frank Doebert/dpa
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Greifswald/Rostock

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) lotete offenbar auch in Greifswald Möglichkeiten für Banküberfälle aus. Nach Angaben des Berliner Rechtsanwalts Hardy Langer, Nebenklage-Vertreter im Münchner NSU-Prozess, tauchten in der ausgebrannten Zwickauer Wohnung von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe Ausspähnotizen aus dem Greifswalder Ostseeviertel auf. Die Unterlagen deuteten darauf hin, dass die Neonazis hier Sparkassen und Banken ins Visier genommen hatten.

Bei zwei Überfällen auf dieselbe Sparkasse im Stralsunder Stadtteil Knieper Nord erbeuteten die untergetauchten Rechtsterroristen rund 250000 Euro. Es waren ihre einträglichsten Raubzüge. „Davon konnten sie eine ganze Weile leben“, sagt Langer.

Lebenslange Haft für Zschäpe

Vergangene Woche endete das Münchner Verfahren mit einer lebenslangen Haftstrafe für Zschäpe und mehrjährigen Strafen für ihre Helfer. Indes bleibt noch vieles im Dunkeln. Beispielsweise, wie die Täter die Opfer für ihre zehnfache Mordserie auswählten und ob sie dabei Unterstützer hatten. Mit Rostock, wo sie am 25. Februar 2004 den 26-jährigen Mehmet Turgut erschossen, verbanden Böhnhardt und Co. deutlich mehr als mit anderen Stationen ihrer Mordserie.

Rostock ist ein besonderer Fall“, sagt Anwalt Langer. Er vertritt zwei Schwestern von Turgut, die an dem Prozess als Nebenklägerinnen teilnahmen. In seinem 67-seitigen Schlussplädoyer fasst Langer den Ermittlungsstand und offene Fragen zusammen. Der Tatort im „Mister Kebab Grill“ am Neudierkower Weg, wo Turgut aushalf, war der einzige in Ostdeutschland. Und es war offenbar auch der einzige, den zumindest einer der Täter schon lange kannte.

„Es deutet vieles darauf hin, dass er sich in der Gegend gut auskannte.“

Einen Kilometer vom Imbisswagen entfernt, in dem der am Boden liegende Mehmet Turgut durch drei Kopfschüsse hingerichtet wurde, lebte ab 1991 eine Cousine von Uwe Böhnhardt. Ein Jahr darauf eröffnete Haydar A. im Neudierkower Weg seinen Imbiss. Böhnhardt, damals 15 Jahre alt, soll seine Tante bei Ostsee-Urlauben mit seinen Eltern mehrfach besucht haben, so Langer. „Es deutet vieles darauf hin, dass er sich in der Gegend gut auskannte.“

In Rostock hatten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe Kontakt zu dem Neonazi Markus H., der bis Ende der 1990er Jahre 230 Meter vom Imbiss entfernt wohnte. Das NSU-Trio feierte Ende 1994, drei Jahre vor seinem Untertauchen, mit H. und dessen Freundin in Rostock gemeinsam Silvester. Das Rostocker Paar fuhr auch mal nach Jena, um mit Zschäpe und Co. rechte Konzerte zu besuchen.

Rassismus wurde als Tatmotiv ausgeschlossen

Im Herbst 1998 brannte der Imbisswagen ab, die Feuerwehr vermutete Brandstiftung. Drei Monate zuvor war Haydar A. in seinem Betrieb von vier Männern rassistisch beleidigt und geschlagen worden.

Wie in dem Prozess bekannt wurde, ging die Rostocker Polizei direkt nach der Tat davon aus, dass der abgelegene Imbiss gezielt ausgewählt worden war. Rassismus als Tatmotiv schlossen sie aus und vermuteten stattdessen eine Verstrickung von Haydar A. und Turgut in Drogengeschäfte. „Die Rostocker Polizei ermittelte sehr intensiv“, sagt Langer. Es wurden sämtliche Hotel-, Fähr-, und Flugdaten aus der Region ausgewertet.

Ausschuss ab Herbst

Ab Herbst beschäftigt sich ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Landtags mit den NSU-Verbindungen zu MV. Er kann Zeugen vorladen und Ermittlungsakten anfordern. „Davon werden wir Gebrauch machen“, sagt Peter Ritter (Linke). Mit Ergebnissen rechnet er frühestens 2021. Er gehe davon aus, dass sich der Ausschuss vor allem kritisch mit der Ermittlungsarbeit der Rostocker Polizei auseinandersetzt, meint Anwalt Bernd Behnke.

Gerald Kleine Wördemann