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Grimmen Sonnfried Streicher prägte Stralsunder Meeresmuseum
Vorpommern Grimmen

70 Jahre Meeresmuseum Stralsunf: Die Ära Streicher

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13:53 13.11.2021
Sonnfried Streicher leitete lange das Meeresmuseum
Sonnfried Streicher leitete lange das Meeresmuseum Quelle: Sammlung Reinicke
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Stralsund

Das 70. Gründungsjubiläum des Meeresmuseums ist guter Anlass, auch auf die längste Etappe einer Erfolgsgeschichte zurückzublicken – auf die 40 Jahre der „Ära Streicher“.

Als im Jahre 1956 der gerade erst sechsundzwanzigjährige Sonnfried Streicher das Erbe des verstorbenen Museumsgründers Prof. Otto Dibbelt übernahm, hatte er bereits Biologie studiert und war im Leipziger Naturkundemuseum kurz stellvertretender Museumsdirektor gewesen. Mit Streicher erhielt das Naturmuseum Stralsund einen dynamischen Chef – sachkundig, ideenreich, pragmatisch und durchsetzungsfähig.

Naturkundemuseum wurde Meeresmuseum

So kam es, dass er alsbald eine nahe liegende Idee für das Museum an der Küste hatte: die Spezialisierung auf Meereskunde, besonders auf Meeresbiologie. Das fand an höherer Stelle viel Anklang und Unterstützung. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs. Als ab 1966 das „Meereskundliche Museum“ nicht nur mit Ausstellungen, sondern auch mit Meeresaquarien lockte, wurde es zum Anziehungspunkt zahlreicher Ostseeurlauber. Für die alsbald gewünschte Erweiterung gab es aber keine geeigneten Räumlichkeiten.

Streichers nächste Idee erschien wahrhaft kühn: Ein denkmalgerechter Umbau der durch Einbauten aus der Schwedenzeit verschandelten Kirche des ehemaligen Katharinenklosters zur Ausstellungshalle. Mit einem Team von gestandenen Architekten und Gestaltern konnte das Projekt 1972 bis 1974 in einzigartiger Weise realisiert werden. Durch den Einbau eines frei stehenden Raumstabwerkes in die Katharinenhalle entstanden zwei zusätzliche Ausstellungsebenen. Der Museumsvorhof wurde großzügig umgestaltet.

Minister sorgte für Finanzierung in letzter Minute

Für den Direktor war das bis zur letzten Minute eine „Zitterpartie“ – die Finanzierung war nicht geklärt. Es gelang ihm schließlich, das Interesse des zuständigen Ministers zu wecken. Erst dann kamen die fehlenden Mittel. Nach gewaltigen kollektiven Anstrengungen konnte das in „Museum für Meereskunde und Fischerei der DDR“, kurz „Meeresmuseum“, umbenannte Haus im Oktober 1974 mit einer großen neuen Ausstellung wieder geöffnet werden.

Die Besucherzahlen stiegen sprunghaft – zuerst auf über 500.000 pro Jahr. Neue Ausstellungsabschnitte wurden fertig und neue, immer größere Aquarien entstanden. Die Biologen gingen unter Leitung des Chefs auf zwei lange, für künftige Ausstellungsvorhaben (Korallenriff-Pfeiler) äußerst wichtige Sammelreisen ins Rote Meer.

Fast 900.000 Besucher im Jahr

Dass alles so gut funktionierte, lag natürlich nicht allein an Sonnfried Streicher. Er hatte sich ein starkes, engagiertes Leitungsteam aufgebaut und eine Belegschaft von etwa 70 fest angestellten, hoch motivierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.

Schildkröten im Aquarium Quelle: Uli Kunz, www.uli-kunz.com

In den Achtzigerjahren stiegen die Besucherzahlen auf fast 900.000 pro Jahr. Die sommerlichen Warteschlangen vor dem meistbesuchten Museum der DDR wurden bald legendär. Trotz der hohen Einnahmen aus dem Eintritt benötigte das Museum mit seinen ehrgeizigen Plänen aber Unterstützung von außen. Die kam von der Fischerei der DDR, die das Haus bald als „ihr Museum“ betrachtete. Dank der guten Kontakte des Direktors zu den Chefs des Kombinates Hochseefischerei kam es zu einem vertraglich fixierten, regelmäßigen Sponsoring, das den weiteren Aufbau des Museums, besonders der Aquarien, ermöglichte.

Existenz dank Stiftung gerettet

Mitten hinein in diese Entwicklung kam die Wende – kurz nach Sonnfried Streichers 60. Geburtstag. Besucherzahlen und Eintrittseinnahmen brachen ein. Der Sponsor ging verloren. Der begonnene Bau des großen Schildkrötenbeckens hätte nach der Währungsunion abgebrochen werden müssen. In dieser Situation gab es eine Anfrage des Bundes nach begonnenen Projekten und erste Fördermittel für das begonnene Großaquarium. Weitere folgten. Offen blieb, ob das kostenintensive große Museum mit seiner zahlreichen Belegschaft als städtische Einrichtung weiter Bestand haben würde. Abwarten war nicht Sonnfried Streichers Sache. Seine Sorge, Umsicht und Aktivität führten schließlich dazu, dass das Meeresmuseum 1993 in eine Stiftung umgewandelt wurde – die erste im Lande – mit der Hansestadt Stralsund und dem Museumsverein als Stifter. Jetzt bestand die Möglichkeit, Zuwendungen von staatlichen Stellen zu empfangen.

Schließlich wurde die „Stiftung Deutsches Meeresmuseum“ aufgrund ihrer einzigartigen vorwendezeitlichen Entwicklung und der beispielhaften nachwendezeitlichen Aktivitäten 1994 in die Liste der „Ostdeutschen kulturellen Leuchttürme“ des Bundes aufgenommen. Damit waren die Dauerförderung durch Bund, Land und Kommune festgeschrieben - der Bestand des Museums und die Arbeitsplätze gesichert. Am 1. September 1995, ging die „Ära Streicher“ zu Ende. Dr. Sonnfried Streicher übergab an diesem Tag das Steuerrad an seinen Nachfolger, den Walforscher Dr. Harald Benke. Auch der ist inzwischen bereits im Ruhestand. Das Meeresmuseum wird derzeit aufwändig umgebaut; die Ausstellung grundlegend erneuert. Und noch immer holt man sich dazu ab und zu einen guten Rat von Sonnfried Streicher.

Von Rolf Reinicke