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Grimmen Abzocke oder Gefahrenabwehr: Hier blitzt es in Vorpommern
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Abzocke oder Gefahrenabwehr: Hier blitzt es in Vorpommern

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16:28 10.02.2020
Ein sogenannter Enforcement Trailer zur Geschwindigkeitsmessung in Damgarten. So einen mobilen Hightech-Blitzer will sich der Landkreis Vorpommern-Rügen in diesem Jahr anschaffen. Er soll zwischen 120 000 und 150 000 Euro kosten. Quelle: Robert Niemeyer
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Stralsund/Greifswald

Das klingelt in der Kasse: Etwa 3,9 Millionen Euro hat der Landkreis Vorpommern-Rügen im Jahr 2019 von Temposündern kassiert. 2,6 Millionen Euro waren es im selben Jahr im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Und auch die beiden Hansestädte haben sich einen Teil vom großen Kuchen abgeschnitten. In Greifswald flossen immerhin knapp 242 000 Euro in die Kasse. In Stralsund waren es sogar 955 000 Euro. Reine Abzocke?

Raserei ist Unfallursache Nummer 1

Zahlen der Polizei sagen etwas anderes, verdeutlichen auch, dass Verstöße gegen die Tempolimits zur Sicherheit der Allgemeinheit auch geahndet werden sollten. Die Sprecherinnen der Polizeiinspektionen in Anklam und Stralsund, Katrin Kleedehn und Stefanie Peter, bestätigten, dass Raserei auf den Straßen seit Jahren die Ursache Nummer 1 bei schweren Verkehrsunfällen mit Toten und Verletzten ist.

Laut offizieller Verkehrsunfallstatistik für das Jahr 2018 (Zahlen für 2019 werden erst im April 2020 veröffentlicht) gab es in Mecklenburg-Vorpommern insgesamt 267 schwere Verkehrsunfälle mit Personen- oder hohem Sachschaden, die auf überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit zurückzuführen waren. 86 Menschen starben auf den Straßen des Landes.

Hier wird in Vorpommern-Greifswald und Vorpommern-Rügen geblitzt. Quelle: Zill

Geschwindigkeitskontrollen im Mittelpunkt

Deshalb rückt die Polizei die Geschwindigkeitskontrollen auch immer wieder in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Zur Verfügung haben die beiden Inspektionen in Anklam und Stralsund jeweils einen Videowagen, eine mobile Blitzeranlage sowie 12 Lasermessgeräte. Die Bußgeldeinnahmen gehen übrigens an die beiden Landkreise.

Von den dortigen Ordnungsbehörden wird der weitaus größere Anteil bei den Geschwindigkeitskontrollen realisiert. Der Landkreis Vorpommern-Greifswald hat nach Angaben seines Pressesprechers Achim Froitzheim derzeit elf stationäre Geschwindigkeitsmessanlagen in Betrieb. „Am Standort L 262 zwischen Wolgast und Groß Ernsthof vor der Einmündung Bücklingsweg wurden im vergangenen Jahr mit 14 781 Überschreitungen die meisten Fahrzeuge gemessen.“ Auf der B 110 auf Höhe Relzow in Richtung Anklam habe es immerhin noch 14 359 Überschreitungen gegeben.

Seit Anfang Dezember 2018 gibt es auf der L 262 zwischen Wolgast und Groß Ernsthof einen Blitzer. Er soll der „ertragreichste“ im Landkreis Vorpommern-Greifswald sein. Quelle: Tilo Wallrodt

Am A-20-Loch blitzt es am häufigsten

Die Blitzer mit dem aufreibendsten Jobs in Vorpommern stehen allerdings an der A 20 bei Tribsees, wo die Autobahn vor zweieinhalb Jahren abgesackt ist und jetzt eine Behelfsbrücke den Verkehr ermöglicht. Zulässige Höchstgeschwindigkeit: 60 Kilometer in der Stunde. „In der Ferienzeit im Sommer blitzt es dort in Richtung Rostock bis zu 1000-mal pro Woche, sonst etwa 500-mal“, sagte der Pressesprecher des Landkreises Vorpommern-Rügen, Olaf Manzke.

Der Blitzer am A-20-Loch bei Tribsees in Fahrtrichtung Rostock. Hier blitzt es bis zu 1000-mal pro Woche. Quelle: Thomas Pult

In der Gegenrichtung werde die Hälfte der Geschwindigkeitsverstöße registriert. Hochgerechnet auf das Jahr sind es Richtung Rostock demnach rund 30 000 Verstöße und Richtung Stettin 15 000. Weitere Top-Blitzer im Landkreis Vorpommern-Rügen sind laut Manzke die beiden „Starenkästen“ in Tempel an der B 105 sowie im Sommer die Messanlagen auf Rügen in Lietzow und Sassnitz.

Neuester Schrei: der Enforcement-Trailer

Insgesamt verfügt der Landkreis Vorpommern-Rügen über 14 stationäre Blitzer. Außerdem leiht er sich wie auch der Landkreis Vorpommern-Greifswald bei Bedarf mobile Blitzer aus, die dann von einem Mitarbeiter des jeweiligen Ordnungsamtes überwacht werden. Der neueste mobile Technik-Schrei ist der Enforcement Trailer, der schon mehrfach auf Leihbasis in der Region zum Einsatz kam. Vorpommern-Rügen plant jetzt den Kauf eines solchen Hightech-Blitzers.

Nach Angaben des Herstellers Vitronic aus Wiesbaden ermöglicht das Gerät automatische Geschwindigkeitskontrollen an Stellen, an denen dies aufgrund fehlender Infrastruktur oder Gefährdung von Messpersonal bis dahin nicht ging. Der Trailer lasse sich problemlos zu jedem Einsatzort transportieren, sei schnell einsatzbereit und messe über mehrere Tage autonom. Den genauen Preis eines solchen Gerätes wollte die Firma nicht nennen. Im Internet kursieren aber Summen zwischen 120 000 und 150 000 Euro. Diesen Zahlen widersprach Vitronic-Pressesprecherin Julia Strenge zumindest nicht.

Technik wird häufig angemietet

Die Hansestadt Stralsund betreibt nach Angaben von Pressesprecher Peter Koslik auf ihrem Territorium keine eigenen stationären Blitzer, leiht dafür aber mobile Geräte aus und bedient sie mit speziell dafür geschulten Mitarbeitern aus der Stadtverwaltung. Im Haushaltsplan sind für das Anmieten der nötigen Technik jedes Jahr 75 000 Euro eingeplant.

Geschwindigkeitskontrollen: Das sagt der ADAC

Eine Geschwindigkeitsmessung muss fair und korrekt sein, meint der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) und schätzt ein, dass sie trotz ihres schlechten Rufs für die Verkehrssicherheit unverzichtbar ist. Nach Angaben des ADACbekommen jedes Jahr rund 2,8 Millionen Autofahrer in Deutschland Punkte in Flensburg, weil sie mindestens 21 Kilometer pro Stunde zu schnell unterwegs waren. Bis zu 1500 melden sich unter anderem deshalb täglich bei der Rechtsberatung des Automobilclubs.

Die Messgeräte, die von den Ordnungsämtern der Städte und Landkreise sowie der Polizei eingesetzt werden, sind aus Sicht des ADAC zuverlässig. Nur in wenigen Fällen würden sich technische Fehler und eine falsche Bedienung nachweisen lassen, heißt es. Wer aber davon überzeugt ist, dass mit der Messung etwas nicht stimmen kann, sollte sich einen Anwalt nehmen und mit ihm besprechen, ob sich ein Sachverständigengutachten lohnt.

Sich von einem Fahrverbot freikaufen, geht nicht. In Ausnahmefällen kann man laut ADAC aber ein Fahrverbot in eine höhere – in der Regel doppelte – Geldbuße umwandeln. Allerdings nur bei schwerwiegenden Gründen, zum Beispiel, wenn dem Betroffenen die Kündigung des Arbeitsplatzes droht.

Wer als Fahranfängermindestens mit 21 Kilometer in der Stunde zu schnell unterwegs ist, muss mit einer Verdopplung der Probezeit auf vier Jahre rechnen und ein Aufbauseminar bei einer Fahrschule besuchen. Das kostet etwa 250 Euro.

Wer übrigens mit RadarwarnernMessstellen frühzeitig erkennen oder umgehen möchte, dem droht ein Bußgeld.

Die Universitäts- und Hansestadt Greifswald ist hingegen technisch mit eigenem Equipment breit aufgestellt. Laut Pressesprecherin Andrea Reimann stehen in der Stadt am Ryck sechs stationäre Blitzer, die offenbar teilweise auch Rot-Verstöße an Ampelkreuzungen registrieren. Näher eingehen wollte Andrea Reiman darauf allerdings nicht. Auf Anfrage teilte sie schriftlich mit: „Haben Sie bitte Verständnis, dass wir hier nicht ins Detail gehen, welcher Blitzer was erfasst.“

Hinzu kommen „zwei mobile Geschwindigkeitsmessfahrzeuge, welche im gesamten Stadtgebiet an insgesamt 94 Messstellen zum Einsatz kommen“, sagte Andrea Reimann. „An 63 Messstellen wird die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde oder darunter überwacht. Dies können Bereiche vor Kitas, Schulen oder mit hohem Querungsverkehr durch Fußgänger oder erhöhtem Verkehrslärm sein.“

Bildergalerie

Einnahmen fließen in die Haushalte

Die Bußgelder, die die Landkreise sowie die beiden Städte Stralsund und Greifswald einnehmen, fließen übrigens nicht in gesonderte Projekte der Verkehrsprävention. Stralsunds Stadtsprecher Peter Koslik sagte auf Nachfrage: „Verkehrsprävention ist keine Aufgabe der kommunalen Ordnungsbehörden. Diese Informationsveranstaltungen werden durch darauf spezialisierte Beamte der Polizei und durch Mitglieder des Deutschen Verkehrssicherheitsrats durchgeführt.“

Sein Kollege vom Landkreis Vorpommern-Rügen, Olaf Manzke, erklärte zu dem Thema: „Das Blitzen allein ist schon eine Präventionsmaßnahme.“ Und Achim Froitzheim, Kreissprecher von Vorpommern-Greifswald erläuterte: „Die Einnahmen kommen dem Gesamthaushalt des Landkreises zugute. Eine zweckgebundene Verwendung lässt sich vorab nicht festlegen.“

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