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Grimmen Nur vier Einwohner: So lebt es sich im kleinsten Dorf Vorpommerns
Vorpommern Grimmen Nur vier Einwohner: So lebt es sich im kleinsten Dorf Vorpommerns
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10:00 13.11.2018
Elke und Albert-Friedrich Vielitz vor ihrem Haus in Alt Seehagen. 1945 war die Familie Vielitz vertrieben worden, 1992 kehrte Albert-Friedrich in Begleitung seiner Frau zurück. Quelle: Thomas Pult
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Alt Seehagen

Wenn er von der Rückkehr spricht, von den Entbehrungen und der Freude, wieder hier zu sein am Ort seiner Sehnsucht, dann wird die kräftige und klare Stimme von Albert-Friedrich Vielitz etwas leiser, etwas sanfter, etwas brüchiger. „Ich habe ewig Heimweh gehabt“, sagt er. „Ich bin doch hier geboren!“

Das „Hier“, von dem er spricht, ist der winzige Ort Alt Seehagen zwischen Velgast, Schlemmin und Löbnitz. Es ist das wohl kleinste Dorf Vorpommerns. Nur Albert-Friedrich Vielitz und seine Frau Elke leben hier in ihrem Haus – und ein weiteres Ehepaar in einer Einliegerwohnung. Das Gut selbst hat eine jahrhundertealte Geschichte (siehe Kasten). Und wenn es Albert-Friedrich Vielitz nicht geben würde, wäre der Ort längst von jeder Landkarte verschwunden.

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Rückkehr Jahrzehnte nach der Vertreibung

Es war kurz nach der Wende, dass er zurückkehrte an die Stätte seiner Kindheit, von wo er 1945 mit seiner Familie vertrieben worden war und die er jahrzehntelang nicht wiedersah – er, der 1955 aus der DDR flüchtete, in Bremen landete, dort mit 25 Jahren ein eigenes Unternehmen gründete und als gelernter Agraringenieur viele Jahre lang Landmaschinen verkaufte. Als er mit seiner Frau – einer gebürtigen Bremerin – 1990 nach Alt Seehagen kam, fanden die beiden eine Einöde vor. „Kein Strom, kein Wasser, kein Gebäude, keine Menschen“, sagt er. Nur viel Natur gab es ringsherum; hier im ehemaligen Staatsjagdgebiet von Harry Tisch, dem damals einflussreichen Chef des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) der DDR. Doch das scheinbare Nichts schreckte Albert-Friedrich Vielitz und seine Frau nicht. Sie waren gekommen, um zu bleiben.

Alt Seehagen hat eine jahrhundertealte Geschichte

Zwei Jahre lang lebten sie im Wohnwagen, bauten ihr Haus auf – ein gemütliches, geräumiges Heim mit viel Holz, mit bequemen Sofas und Jagdtrophäen an der Wand. „Es ist wirklich ein Traum, hier zu leben“, sagt Elke Vielitz. Ihre Nachbarn heißen nicht Müller oder Meier, sondern sind Schreiadler, Seeadler, Milane, Eisvögel, auch Schwarzwild, Rehwild und Rotwild. „Und schauen Sie mal: Die habe ich direkt vor dem Fenster fotografiert“, sagt sie und zeigt beeindruckende Nahaufnahmen von Störchen und Kranichen. In den Stallungen halten sie noch Pferde, Schafe und Hühner. Zwei Hunde bewachen den Hof. Es ist ein Idyll – „mit WLAN, aber schlechtem Handyempfang“, sagt Albert-Friedrich Vielitz.

Ein Gedenkstein erinnert an die Eltern

Er ist jetzt 85 Jahre alt, seine Frau ist 72. Er ist der Sohn des letzten Gutsbesitzers – ein gravierter Findling erinnert an seine Eltern Walter und Betty. „In dankbarem Gedenken“ steht darauf. Es gibt Fotos, die Albert-Friedrich und seine Schwester Christa als Kinder auf dem Hof zeigen, neben einer Wasserpumpe mit einem Hund, mit Federvieh. Eine glückliche Kindheit war das. Die Erinnerungen sind noch wach.

Begonnen hatte alles für die Familie Vielitz vor gut 90 Jahren: Betty und Walter Vielitz, die im Alter von 26 und 28 Jahren geheiratet hatten, kauften Alt Seehagen im Jahr 1926. Walter Vielitz war nicht nur ein tüchtiger Landwirt, sondern bis zu Hitlers Machtübernahme 1933 auch Bürgermeister. Laut offizieller Einwohnerzählung von 1938 waren in der Ortschaft 35 Einwohner gemeldet. Hinzu kamen fünf Saisonarbeiter aus Polen, sogenannte Schnitter. Die vier Landarbeiterfamilien wohnten mietfrei in Arbeiterhäusern, die Junggesellen in einer „Leutestube“ und wurden vom Gutshaus beköstigt. Auf diese Weise war für die Landarbeiter des Gutes eine für damalige Verhältnisse hohe soziale Sicherheit gegeben.

Schon 1309 urkundlich erwähnt

Der Name Seehagen gibt Hinweise zur Lage des Ortes in seiner Gründungszeit. Die Schwedische Matrikelkarte dokumentiert einen Flurnamen „Swart See“ und die Endung „-hagen“ weist auf eine Bewaldung hin. Demnach handelte es sich hier um eine im Wald und an einem morastigen, schwarzen See gelegene Ortschaft. Bereits 1309 wurde das Gut Seehagen urkundlich erwähnt. Vorhandene Archivunterlagen sprechen dafür, dass eine Teilung des Ortes in Alt und Neu Seehagen wahrscheinlich im 19. Jahrhundert erfolgt ist.

1874 wird Alt Seehagen als Einliegerdorf bezeichnet. Die Herrschaft lag bei Herrn von Gadow, der auch das Gut Groß Potrems besaß. Er verpachtete das Gut zunächst innerhalb der Familie. In dem einzigen Wohnhaus des Ortes lebten damals nur sechs Menschen. Der prägende Waldbestand veranlasste von Gadow sicher, den Förster Turlait als Administrator des Gutes einzusetzen. Die zu bewirtschaftenden Ländereien bestanden 1892 aus 90 Hektar Holzungen, zehn Hektar Acker sowie zehn Hektar Wiesen und Weiden. In den folgenden Jahren muss es dort erhebliche Rodungen gegeben haben, denn als Heinrich Schirmann 1914 das Gut gehörte, bestand dieses aus 114 Hektar Acker und nur noch sechs Hektar Holzungen. Bereits 1909 wurde der gesamte Betrieb drainiert. Der große Drainageplan ist heute noch vorhanden.

Vertreibung der Familie durch die Rote Armee

Mit dem Einmarsch der Roten Armee 1945 änderte sich das Leben für die Gutsbesitzerfamilie radikal. Sie erhielten vom Kommandeur einen Marschbefehl, nach dem sie Alt Seehagen noch am selben Tag verlassen sollten. Zu Fuß musste sich die Familie in das 30 Kilometer entfernte Fuhlendorf durchschlagen. Im Herbst setzte die Kommandantur Walter Vielitz als Verwalter in Hövet ein. Er erhielt den Befehl, die gesamten Ackerflächen in Hövet einzusäen, andernfalls drohte die Deportierung nach Sibirien. Obwohl ihm dies mit Unterstützung der Behrenwalder Bauern gelang, erhielt Vielitz am Heiligen Abend 1945 erneut einen Marschbefehl. Letztlich flüchtete die Familie nach Bremen.

Der Betrieb wurde an 13 Familien aufgeteilt. Diese sogenannten Neubauern mussten um 1952 in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft – die LPG – eintreten und ihre individuellen Flächen aufgeben. In den 1970er-Jahren erfolgte die Zuordnung des Ortes zum Staatsjagdgebiet der DDR-Regierung. Die Einwohner quartierte man zwangsweise aus und mit dem Abtragen aller Gebäude war die Ortschaft ausgelöscht.

Schwierigkeiten beim Rückkauf des alten Guts

Doch als die Mauer fiel, kamen Albert-Friedrich und seine Frau. „Es war eine Heimkehr“, wie Albert-Friedrich sagt. Etwa 50 Prozent der ehemaligen Gutsfläche konnten die beiden von den Siedlerfamilien und die andere Hälfte unter hohen Schwierigkeiten und mit Auflagen von der Treuhandanstalt kaufen. Einige Hektar gehörten der Gemeinde. Die damalige Bürgermeisterin wollte diese laut Albert-Friedrich Vielitz nicht an die Familie verkaufen und auch keine Baugenehmigung erteilen. Es folgte ein langer und zäher Kampf, den die Rückkehrer schließlich gewannen. Heute steht das Wohnhaus der Familie Vielitz dort, wo früher das Gutshaus stand, teils auf den alten Fundamenten errichtet – und gleich gegenüber befindet sich ein Ferienhaus, das die Eheleute unter anderem im Internet vermarkten. „Aber das bewirtschaften wir nicht mehr so intensiv“, sagt er.

Stattdessen genießen seine Frau und er ihren Lebensabend – umgeben von Wäldern und Feldern. Sie bewahren die Geschichte Alt Seehagens – und schreiben sie fort.

Thomas Pult und Andre Kobsch

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