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Grimmen DDR-Spektakel in Ralswiek: Das erste Gefecht des Klaus Störtebeker
Vorpommern Grimmen DDR-Spektakel in Ralswiek: Das erste Gefecht des Klaus Störtebeker
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05:00 15.06.2019
Er nahm es den Reichen und gab es den Armen: Likedeeler (Gleichteiler) Klaus Störtebeker. 1959 wurde er von Lothar Krompholz verkörpert. Quelle: Gröllmann
Ralswiek

Es war im Frühjahr 1959, als der Sassnitzer Schüler Manfred Pult, damals 13 Jahre alt, gemeinsam mit vielen anderen Rüganern mehrmals pro Woche per Bus nach Ralswiek gefahren wurde. Dieses idyllische Fleckchen am Großen Jasmunder Bodden hatte Nationalpreisträger Hanns Anselm Perten (1917-1985), Generalintendant des Rostocker Volkstheaters, für die Aufführung der dramatischen Ballade von „Klaus Störtebeker“ persönlich ausgesucht. Schauspieler und Laien sollten das Stück des Volkstheater-Chefdramaturgen und Dramatikers Kurt Barthel (Künstlername KuBa, 1914-1967) im August und September 1959 erstmals aufführen.

Sehen Sie hier, wie vor 60 Jahren alles begann mit den Störtebeker-Aufführungen in Ralswiek

Schon die Vorbereitung wird für Manfred Pult zu einem Erlebnis, das er bis heute nicht vergessen hat: „Es hat mich beeindruckt, mit welcher Leidenschaft Perten und KuBa das Stück inszenierten. Beide legten großen Wert darauf, dass das, was sich auf der Bühne abspielte, möglichst authentisch aussah und alle Darsteller höchsten Einsatz zeigten. Wenn es mal nicht so richtig nach seinen Vorstellungen lief, konnte gerade Regisseur Perten auch recht laut werden.“ Manfred Pult und viele andere Komparsen mimen das Volk. Den Massen haben Perten und KuBa, dem ideologischen Selbstverständnis der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) entsprechend, eine tragende Rolle zugewiesen. „Wir mussten einerseits unseren Unmut gegenüber den Mächtigen zum Ausdruck bringen, andererseits lebhaft zeigen, dass wir auf der Seite von Störtebeker und seinen Freunden standen. Besonders schön war aber für uns Jungs, dass wir bei zahlreichen Kampfszenen mitwirken konnten“, erinnert sich der heute 73-Jährige, der seit vielen Jahren in Stralsund lebt, genau. Auch eine Textstelle kann er noch exakt zitieren. Bei einer Auseinandersetzung zwischen Störtebeker und seinem Widersacher Simon von Utrecht habe der Freibeuter diesem zugerufen: „So dumm, so dünkelhaft, so einfach nicht zu fassen – Simon von Utrecht: Du und deine Hundebrut!“ Besonders beeindruckten Manfred Pult „die vielen Laiendarstellern und die großen Seeschlachten, bei denen nicht an Feuerwerk gespart wurde.

Störtebeker als Klassenkämpfer

Wie aber kam es überhaupt zur Aufführung der Störtebeker-Ballade in Ralswiek? Es ist überliefert, dass sich am 9. Oktober 1958 im Putbuser Rosen-Café leitende Vertreter der SED und des Staates mit Volks- und Berufskünstlern trafen. Die Runde beriet darüber, wie der Beschluss umgesetzt werden könne, zum 10. DDR-Geburtstag 1959 Rügenfestspiele zu veranstalten. Mit am Tisch saßen mit großer Wahrscheinlichkeit Generalintendant Hanns Anselm Perten und Schriftsteller KuBa, beide freundschaftlich eng verbunden. KuBa beabsichtigte, eine dramatische Geschichte über einen den Menschen vertrauten Volkshelden zu schreiben, die Perten dann als Freilichtaufführung mit weit über 1000 Volks- und Berufskünstlern samt Pferden und Schiffen gestalten wollte. In dem im Hinstorff Verlag erschienenen Buch „Klaus Störtebeker in Ralswiek“ heißt es dazu: „KuBa wusste, dass es darauf ankam, den Klassencharakter in der Bewertung Störtebekers, der Likedeeler-Bewegung aufzudecken, die Einfärbungen, denen die sozialen Kämpfe dieser Zeit in der bürgerlichen Geschichtsschreibung unterlagen, zu beseitigen.“

Mit Peter Hick begann 1991 eine neue Ära

Mit dem Stück „Schwur der Gerechten“, das am 22. Juni 2019 seine Premiere feiert, gehen die Störtebeker Festspiele in Ralswiek in ihre 27. Saison. Mit Alexander Koll steht mittlerweile der vierte Schauspieler auf der Bühne, der den Klaus Störtebeker verkörpert.

Das Freiluftspektakel wurde im Kopf von Intendant Peter Hick bereits 1991 geboren, als er die malerische Bucht am Großen Jasmunder Bodden in Augenschein nahm und das Theatergelände, auf dem in der DDR die „Rügenfestspiele“ abgehalten worden waren, von der Gemeinde pachtete. Ein Jahr später gründeten Peter Hick und seine Ehefrau Ruth die Störtebeker Festspiele – und in Ralswiek startete eine massive Umgestaltung. Ein Zuschauerraum für 8000 Besucher wurde errichtet, ein Hafen ausgebaggert und befestigt, es entstanden das Imbissdorf, das Sanitärgebäude, der Pferdestall, das Kassenhaus und die Boutique, die Lautsprechertürme und die Lichttraversen.

Am 3. Juli 1993 hieß es zum ersten Mal „Wie einer Pirat wird“. Die Störtebeker Festspiele hatten begonnen. Der erste Titelheld wurde von Norbert Braun dargestellt. Ihm folgten Sascha Gluth, Bastian Semm und im vergangenen Jahr Alexander Koll.

In dem Likedeeler (Gleichteiler) Klaus Störtebeker fand sich eine passende historische Gestalt, um den Klassenkampf der Armen und Rechtlosen gegen die Besitzenden darzustellen. Unter dieser Prämisse entstand 1959 die Ballade „Klaus Störtebeker“. In ihr verband KuBa dramatische Handlung und lyrische Gesänge eindrucksvoll miteinander. Das Bühnenwerk schrieb der „Arbeiterjunge mit einem heißen Herzen und großem Talent“, wie ihn Anna Seghers nannte, in nur wenigen Wochen. Und auch dem erst 29 Jahre alten Günter Kochan, Nationalpreisträger und Dozent an der Musikhochschule Berlin, der die Musik schrieb, fllossen die Noten nur so aus der Feder. Von Ende April bis Ende Mai quartierte sich Kochan in einer Warnemünder Garage ein, wo er ständig Zigaretten rauchend, an einem Klavier komponierte. Da er fast pausenlos arbeitete, konnten die Chöre auf Rügen schon nach vier Tagen seine ersten Kompositionen in der Hand halten. Insgesamt 18 Titel komponierte Kochan für „Störtebeker“: Chöre, Lieder, Tänze und Orchesterstücke. „Vom hauchzarten Liebeslied Trebeles – der Frau des Freibeuters – bis zum revolutionären Massenchor, vom steifen Tanz der Patrizier bis zum aufrüttelnden Revolutionstanz schuf der Komponist ausdrucksvolle Musik“, schwärmte die Ostsee-Zeitung seinerzeit.

Koggen-Nachbauten für die Seeschlachten

Gleichzeitig liefen die Proben an, bei denen Regisseur Perten und Autor KuBa sich selbst und den Mitwirkenden alles abverlangten. Schauspieler und Musiker des Volkstheaters Rostock standen gemeinsam mit Laien auf der Bühne. Zu den Mitwirkenden zählten unter anderem 21 Chöre, darunter die des Diesterweg-Instituts Putbus, des VEB Fischfang Saßnitz, der Oberschule Bergen, die Volkschöre Sagard und Garz, dabei waren auch Tanzgruppen aus Bergen, Güttin, Binz, Sellin und Göhren; ebenso Tanzgruppen und Orchester aus Stralsund, Greifswald und Putbus, Reiter der Rügener Gesellschaft für Sport und Technik sowie Soldaten der Nationalen Volksarmee.

Beeindruckende Bilder von den Störtebeker Festspielen in Ralswiek

Für die Seeschlachten wurden nachgebaute Koggen verwendet, die während der Aufführungen mit Angehörigen der Seestreitkräfte besetzt waren. Während der Premiere kam es zu einem Zwischenfall, als eine der Koggen einen Maschinenschaden hatte. Matrose Heinz Höhne (damals 20), der die Verbindung zwischen den Schiffen hielt, bemerkte, dass die Funk- und Blinkanlage nicht funktionierte. Das bedeutete: keine Verbindung zur Kogge. Die Besatzung einer gut 200 Meter entfernt liegenden Barkasse musste helfen! Rufen während der Vorstellung warn nicht möglich. Kurzentschlossen sprang Höhne ins Wasser, schwamm zur Barkasse und informierte über die Havarie. Prompt kam Hilfe.. Alles lief danach wie am Schnürchen.

Die Gestaltung des Festspielortes Ralswiek lag in den Händen von Max Bergmann, dem Technischen Direktor der Rügenfestspiele. Unter der Leitung dieses resoluten Berliners wurden die Bühne und der Zuschauerraum gebaut. Auch ein großer Parkplatz für die vielen zu erwartenden Gäste entstand. Der kleine Ort erhielt sogar eine eigene Bahnstation. An den Arbeiten waren neben Handwerksbetrieben auch die DEFA und die Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft (DEWAG) beteiligt. Als die Arbeiten im Mai begannen, weideten auf dem Bühnen- und Zuschauergelände noch Kühe und Schafe. Zunächst von den Einheimischen mitleidig belächelt, wurde das Areal in kurzer Zeit völlig umgestaltet. Besonders beeindruckte die 5000 Quadratmeter große Bühne. Auch der extra geschaffene kleine Hafen, an dessen Kai später die Koggen festmachen sollten, ließ staunen.

DDR-Ministerpräsident bei der Premiere

Am Sonntag, dem 16. August 1959, ist es dann soweit. Am Abend hebt sich der Vorhang für „Störtebeker“. Unter den Gästen sind DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl und Kulturminister Alexander Abusch. Zu den Hunderten Mitwirkenden gehört auch der Schüler Manfred Pult: „Es war schon beeindruckend, vor gut 7000 Zuschauer zu spielen, die das Stück begeistert verfolgten.“

Das dramatische Geschehen auf der Bühne setzt im Jahre 1391 im Dorf Ruschvitz auf Rügen ein. Der Jungknecht Klaus, gespielt von Lothar Krompholz, ist in das Zwingbrett gespannt, weil er es gewagt hat, eine Kanne Starkbier zu trinken, das aber nur für „Herren“ da ist. Doch wenn er es vermag, noch eine Kanne auszutrinken, soll er frei sein. So bestimmt es Bonte, der Herr zu Ruschvitz, um seinen Spaß zu haben. Als der Krug tatsächlich geleert ist, denkt Bonte gar nicht daran, sein Wort zu halten. Klaus schlägt daraufhin den Vogt und Bonte nieder und flieht mit der Magd Trebele (Erika Solbrig). Nachdem er erneut schlechte Erfahrungen mit Adligen und Patriziern gemacht hat, wird er, inzwischen Störtebeker genannt, zum Likedeeler. Er und seine Freunde nehmen den Reichen und geben den Armen. Von nun an wird er von den Mächtigen schonungslos verfolgt. Lange von Trebele getrennt, findet Störtebeker seine Liebste im schwedischen Schonen wieder. Doch auch hier gibt es Verrat: Trebele und ihr Sohn, dessen Vater Störtebeker ist, werden nach Hamburg verschleppt. Störtebeker fällt samt Schiff und Mannschaft den Feinden in die Hände. Diese nehmen grausame Rache. Das Leben des Likedeelers endet 1401 unter dem Schwert des Henkers auf dem Grasbrook von Hamburg.

Mauerbau verhindert Fortsetzung

Am Ende gibt es stürmischen Applaus und viel Lob für das Stück und das Ensemble. Minister Abusch feiert beide mit den Worten: „Es ist doch so, dass hier zum ersten Mal aus der fortschrittlichen Tradition einer Gegend heraus eine bedeutende Dichtung geschaffen wurde und dass die Menschen gemeinsam mit den Berufskünstlern dieses Werk gestalteten.“ Und Karl Mewis, 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung der SED, huldigt: „Das Besondere und Außergewöhnliche an den Rügenfestspielen ist, dass sie in der Form, aber auch dem Inhalt nach, ein außerordentlich hoch einzuschätzender Beitrag zur weiteren Entwicklung der sozialistischen Kultur sind.“ KuBa resümiert: „Die Anwesenheit dieser Massen selbst wurde Teil des Stückes revolutionärer deutscher Geschichte, das zur Darstellung kam.“ Doch all die Lobpreisungen nützen nicht. Denn, obwohl die Festspiele 1960 eine Neuauflage erleben und erneut von Zehntausenden Zuschauern gesehen werden, finden sie keine Fortsetzung mehr. Schuld daran dürfte auch der Mauerbau am 13. August 1961 sein, der Unsummen verschlingt. Für Spektakel, wie „Störtebeker“ ist da kein Geld mehr. Es vergehen noch 20 Jahre, ehe die Rügenfestspiele eine kurzzeitige Auferstehung feiern können. Während der 18. Arbeiterfestspiele im Bezirk Rostock, Ende Juni 1980, streitet der Likedeeler noch einmal in Ralswiek für die Rechte der Unterdrückten. Und nach der Wende ersteht er wieder auf. Seitdem feiern ihn jedes Jahr Hunderttausende bei den Störtebeker Festspielen.Lesen Sie hier über den Probenstart

Werner Geske

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